Warten auf den Whopper

Afghanistan Wenn es stimmt, dass eine Armee mit dem Magen marschiert, wie Napoleon meinte, würde es General McChrystal vorziehen, dass dieser nicht mit Burgern und Pizza gefüllt ist

Der für seine Nüchternheit bekannte Vier-Sterne General McChrystal hat seinen Soldaten das Ende der Junk-Food-Kultur verordnet, wie sie nach seinem Eindruck auf der Militärbasis in Kandahar um sich gegriffen hat. Wo sich dort Geschäfte und Restaurants angesiedelt haben, könnte man meinen, in einer amerikanischen Kleinstadt zu sein und nicht auf einem Militär-Gelände. Vor der Filiale von Burger King warten Soldaten in langen Schlangen auf ihre Whopper – bei Pizza Hut nehmen sie ein Stück Pizza für unterwegs mit. Andere amüsieren sich bei einer der gelegentlichen Country- und Western-Tanzmeetings. Doch Stanley McChrystal hält nichts davon, dass es diesen Fast-Food-Betrieb an einem Ort gibt, der nur wenige Meilen vom spirituellen Zentrum der Taliban und dem Schauplatz anstehender NATO-Operationen in diesem Sommer entfernt liegt. Aus Sorge um die Kampf- und Arbeitsmoral seiner Soldaten lässt der General deshalb die meisten Fast-Food-Filialen schließen, die sich seit einem Jahr auf dem Luftwaffenstützpunkt angesiedelt haben. Einer seiner wichtigsten Assistenten, Sergeant Major Michael Hall, gab eine schriftliche Erklärung dazu ab, in der es heißt: „Dies ist ein Kriegsgebiet – kein Vergnügungspark.“

Das Ende für Burger King, Pizza Hut, Diary Queen und Military Car Sales (ein Händler, bei dem Soldaten Pickup-Trucks kaufen können, die an ihre Heimatadresse geliefert werden) solle dazu beitragen, dass die Allianz „Platz für die Truppenaufstockung hat und sich wieder auf die bevorstehende Mission konzentriert“, so Michael Hall.

Unter den Tisch

Dieses Verdikt wird beseitigen, was die „Promenade“ der Militärbasis in Kandahar zu einem der merkwürdigsten Orte in Afghanistan machte. Nur wenige hundert Meter von der Startbahn entfernt, von der mehr Kampfflugzeuge, unbemannte Drohnen und Helikopter zu Einsätzen starten als von jedem anderen Stützpunkt auf der Welt, konnten Soldaten Parfüm, Zigaretten und hochwertige Elektroartikel kaufen und eben auch Junk Food essen.

In einem Restaurant wie T.G.I. Friday’s ist das Einzige, was daran erinnert, dass man sich in einem surrealen Außenposten der US-Fast-Food-Kette aufhält, die Tarnkleidung der Kunden, die unter den Tisch abtauchen, sobald die Sirene einen Raketenangriff melden. In Kandahar muss man damit gelegentlich rechnen. T.G.I. Friday’s steht zwar bislang nicht auf McChrystals Abschussliste, aber die Warnung, dass einige Verträge nicht verlängert werden, legt nahe, dass auch für diesen Laden die Tage gezählt sein könnten. Truppen, die auf kleinen, entlegenen Außenposten kämpfen und von kargen Rationen leben müssen, werden über die Nachricht erfreut sein. Für sie ist eine gelegentliche Dusche der einzige Luxus. Diese Front-Soldaten verachten üblicherweise ihre Kollegen, die den Dienst inmitten der leiblichen Genüsse der Großbasen versehen.

Einige Militärs machen freilich keinen Hehl daraus, dass McChrystals puritanischer Zug, dem auch Aktivitäten wie Salsa-Kurse zum Opfer fallen, ihrer Meinung nach den oft zwölf Monate langen Dienst der Soldaten unnötig zusätzlich belaste.

Sehr asketisch

Die riesigen Stützpunkte in Kandahar und Bagram werden von diesem rigiden Auskehren am stärksten betroffen sein. Ob Camp Bastion, die riesige Basis der Briten in Helmand, ebenfalls den Schiffscontainer verliert, in dem ein kleiner Pizza Hut untergebracht ist, bleibt noch offen. Es handelt sich um die einzige Kette, die McChrystal auf dem ansonsten beneidenswert asketisch wirkenden Gelände finden würde. Ansonsten beschränken sich die Einkaufsmöglichkeiten für die britischen Truppen auf Hobnobs, Toilettenartikel und das Männermagazin Nuts. Ausnahmslos Artikel, die im dortigen Magazin der Marine, des Heeres und der Luftwaffe vertrieben werden, das sich verglichen mit den Verkaufsflächen der amerikanischen Nachbarn winzig ausnimmt.

Übersetzung: Christine Käppeler


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12:01 18.04.2010
Geschrieben von

Jon Boone | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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