Warum beteiligen Sie sich am Protest?

O-Töne Occupy-Aktivisten aus Deutschland, Spanien, Israel und Chile, erzählen im Gespräch mit Guardian-Redakteuren, warum sie auf die Straße gehen

Noga Klinger, 34, PR-Managerin an Israels Oper, Tel Aviv:

"Etwa die Hälfte meines Einkommens geht für die Vorschule meiner Zweijährigen drauf. Windeln kosten hier doppelt so viel wie anderswo, Fläschchenmilch ist ebenfalls sehr teuer. Wir denken zweimal darüber nach, ob wir noch ein zweites Kind bekommen sollten, weil es so teuer ist. Der Kapitalismus entspricht nicht den Werten, auf denen die israelische Gesellschaft aufgebaut wurde. Ich spreche hier nicht davon, zurück in den Kibbuz zu gehen, aber wir wollen auch nicht werden wie die USA. Wir haben beschlossen, als Eltern etwas zu unternehmen und haben eine Spazier-Demo organisiert. Drei Tage später fanden im Land 18 Protestmärsche statt. Bei uns ist die Situation zwar eine andere als in Griechenland, Spanien oder Großbritannien, aber wir sind Teil der gleichen Bewegung."

Oscar Vilarrubias, 20, Student der Psychologie, Barcelona:

"Ich lebe in dem frustrierenden Bewusstsein, dass ich wahrscheinlich nie derjenige werden kann, der ich gerne werden möchte, und dass es praktisch nichts gibt, was ich dagegen tun kann."

Peter Rubach, 36, arbeitslos, Frankfurt am Main:

"Ich hab im Radio von den Protesten gehört, hab ’nen Rucksack mit einer Kanne Tee, ’nem Regenschirm und ’ner Zahnbürste mitgenommen und bin mit der Tram in die Stadt gefahren. Ein Zelt oder ’nen Schlafsack hab ich nicht mit. Ich war schon früher bei solchen Sachen dabei – da findet sich immer irgendetwas. Vor Kurzem habe ich meinen Job verloren, nachdem ich mich schwer am Arm verletzt hatte. Da mein Lohn noch bis Ende November bezahlt wird, habe ich Zeit. Es gibt viele Gründe, warum ich hier bin. Ich bin ein Freigeist, ein Visionär. Wir können nicht so weitermachen und zulassen, dass mit unserem Geld spekuliert wird. Wir müssen die Schere zwischen Arm und Reich schließen. Ich will, dass der Reichtum neu verteilt wird."

Jasmine Rapti, 30, Bildhauerin, Athen:

"Griechenland ist im Eimer. Es ist hier nicht wie in anderen europäischen Ländern. Die soziale Ungerechtigkeit hindert einen jeden Tag daran, frei zu atmen, und raubt einem die Möglichkeit, über die Zukunft nachzudenken. Das treibt mich jedes Mal raus auf die Straße, wenn eine große Demonstration stattfindet. Grundlegende Dienstleistungen, die einem das Leben erleichtern, funktionieren hier nicht. Die Politiker sagen immer, sie würden die Dinge in Ordnung bringen, machen es aber nie. Nirgends gilt das Leistungsprinzip. Man kriegt einen Job, wenn man jemanden kennt, und wenn man will, dass etwas erledigt wird, braucht man ebenfalls Kontakte. Das Gesundheits- und Bildungssystem ist ausgehöhlt. Es gibt auch kein Sozialsystem, das der Rede wert wäre."

Camila Gutierrez, 15, Schülerin, Santiago de Chile:

„In den ersten Tagen, nachdem wir unsere Schule besetzt hatten, kam jeden Tag die Polizei, um uns wieder rauszuschmeißen. Einen Monat nach dem anderen hier zu sein, verlangt uns einiges ab. Aber wir lernen weiterzukämpfen. Ich habe zwar Unterricht verpasst, aber durch das hier bin ich als Mensch gewachsen und habe viele andere Dinge gelernt."

Protokolle: H. Sherwood, S. Burgen, H. Pidd, H. Smith, J. Franklin, The Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 30.10.2011
Geschrieben von

The Guardian

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Ausgabe 42/2021

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