Warum die Briten nicht die Schulen schließen

Coronavirus Boris Johnson reagiert auf die Pandemie anders als fast alle anderen Regierungschefs. Er verlässt sich auf die „Nudging“-Strategie der Verhaltensforscher, die ihn beraten
Warum die Briten nicht die Schulen schließen
Händewaschen nicht Vergessen! Boris Johnson, Master of Nudging

Foto: Jack Hill/WPA Pool/Getty Images

Im Angesicht von schätzungsweise 5.000 bis 10.000 Coronavirus-Fällen in Großbritannien verzichtet die dortige Regierung auf die Schließung von Schulen und das Verbot großer Sportveranstaltungen. Stattdessen hat sie sich für „behavioural nudges“, für verhaltensökonomisch begründetes „Anstupsen entschieden: Waschen Sie Ihre Hände, berühren Sie Ihr Gesicht nicht, geben Sie anderen nicht die Hand, bleiben Sie zu Hause, wenn Sie sich krank fühlen, und isolieren Sie sich selbst, wenn Sie ständig husten.

Dieser Ansatz unterscheidet sich wesentlich von den Quarantänemaßnahmen in China, Südkorea, Italien und dem Iran. Aber Großbritannien reagiert auch ganz anders als Länder wie Irland, Norwegen und Dänemark, die trotz einer relativ geringen Zahl von Coronavirus-Fällen Schulschließungen anordnen. Patrick Vallance, wissenschaftlicher Chefberater der Regierung, erklärte, dass man auf Verbote unter anderem deshalb verzichte, weil die britische Regierung auf Herdenimmunität setze: Wenn man genügend Personen, die die Coronavirus-Krankheit absehbar überleben, sich infizieren lasse, könne das Virus keine neuen Menschen infizieren und so die Zahl neuer Fälle reduzieren. Anderen europäischen Staaten erscheint dieser Ansatz waghalsig; die Immunität wird wahrscheinlich nur eine vorübergehende sein, sodass mit späteren Ausbrüchen zu rechnen ist, die durch eine verstärkte Verfolgung der Sozialkontakte Infizierter bewältigt werden müsste.

Noch sei nicht die Zeit

Die Strategie der britischen Regierung steht unter dem Einfluss der Nudge-Theorie, die auf den Verhaltensökonomen Richard Thaler und den Politologen Cass Sunstein zurückgeht. Nudgingnutzt Erkenntnisse über unsere mentalen Prozesse, um unser Verhalten durch Zureden und positive Behauptungen zu verändern. Anstatt uns zu zwingen, Dinge zu tun, verändert Nudging die Umstände, unter den wir Entscheidungen treffen – zum Beispiel in Sachen Organspende: man soll sich nicht mehr aktiv als Organspender eintragen, sondern sich aktiv dagegen aussprechen.

Die britische Regierung sowie David Halpern, Leiter von deren Teams für Verhaltensforschung (der Nudge Unit) begründen ihre Corona-Strategie damit, dass es jetzt noch nicht an der Zeit sei, Schulen zu schließen oder große Versammlungen zu verbieten, weil sich diesbezüglich bald Ermüdung einstellen könnte: die Menschen würden der Verbote überdrüssig und fänden Wege, diese zu umgehen. Ist die Wirksamkeit der Reduktion sozialer Kontakte zeitlich begrenzt, so scheint es logisch, Schließungen und Verbote besser für den Zeitpunkt zu reservieren, an dem wir uns dem Höhepunkt der Epidemie nähern. Die entsprechende Pressekonferenz der Regierung enthielt noch andere, subtilere Spielarten des Nudgings“: Premierminister Boris Johnson wurde von seinen wissenschaftlichen Beratern flankiert, was sichtbar machen soll, dass die Regierung der Wissenschaft vertraut – und weiß, was sie tut.

Aber Großbritannien steht mit seiner Strategie völlig isoliert da. Wenn die Nudger richtig liegen, warum haben dann so viele andere Länder eine ganz andere Sichtweise auf die Wissenschaft? Die Vorhersagen über jene einsetzende Ermüdung scheinen auf den ersten Blick zweifelhaft. Wir könnten der Verbote und Schließungen überdrüssig werden, aber wenn die Schule zu hat, dann hat sie zu. Zudem: nichts garantiert die idealtypische, schnelle, breitflächige Verbreitung des Virus’, wie sie sich die Regierung vorstellt. Und sollten wir zu jenem baldigen Lockdown-Überdruss neigen – warum sollte dann ausgerechnet auf Befolgung des einen Ratschlag Verlass sein, der für jede und jeden ganz leicht zu ignorieren ist – sich die Hände zu waschen?

Verdruss sei das Problem

Im Zentrum der britischen Strategie stehen Vorhersagen über menschliches Verhalten. Diese Vorhersagen basieren auf der Analyse vergangener Episoden – ein häufig fehlerbehafteter Prozess, um Rückschlüsse auf zukünftiges, in vielerlei Hinsicht unabsehbares Verhalten zu ziehen. Auf welche Analysen menschlichen Verhaltens stützen sich die Wissenschaftler der Regierung? Und wie vergleichbar sind sie? Warum sind Ermüdung und Verdruss ein solches Problem für neue Coronavirus-Maßnahmen, bei der alltäglichen staatlichen Verabschiedung und Umsetzung von Gesetzen und Normen, die unser Leben dauerhaft regeln, aber nicht?

Wir können diese Fragen nicht beantworten, weil die Wissenschaftler der Regierung noch nicht offenlegen, welche Studien und Beweise aus der Vergangenheit ihren Ansatz untermauern. Die Taktik der Regierung besteht darin, auf die Referenzen ihrer Berater und Verhaltensforscher zu verweisen und den Experten zu vertrauen.

Halperns Team für Verhaltensforschung wurde 2010 von der Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberaldemokraten als ein Unternehmen gegründet, an dem das behördliche britische Cabinet Office Anteile hält. Es kann einige Erfolge vorweisen – etwa die verstärkte Rekrutierung von Schwarzen Menschen und Angehörigen ethnischer Minderheiten für die Polizei und höhere Steuereinnahmen von Großverdienern.

Es gibt in der epidemiologischen Literatur durchaus Hinweise, dass jene Ermüdung ein echtes Problem ist – zum Beispiel zeigt die Forschung, dass die mediale Thematisierung der Grippe abnehmenden Einfluss auf menschliches Verhalten hat. Aber wir können nicht sagen, welche Rolle Studien wie diese für die Regierung spielen, und solche Studien führen uns zum gleichen Rätsel zurück: Wenn wir zum Überdruss neigen, warum sich dann auf Nudges, auf Stupser, verlassen?

An der irischen Grenze

Die Ansätze Großbritanniens und des restlichen Europas sind grundverschieden, und beide können sich als nicht richtig erweisen. Fehler des einen werden sich auf Entwicklungen beim anderen auswirken. Nirgendwo wird dies deutlicher sein als in Irland: Nördlich der irischen Grenze sind die britischen Schulen offen, und die Bürger sollen getreu des Nudging-Mottos „Keep calm and wash your hands“ handeln. Südlich der Grenze sind die Schulen zu – und Nudging gilt als unzulänglich.

Vor nicht allzu langer Zeit gab die von Boris Johnson angeführte Vote-Leave-Kampagne Wählerinnen und Wählern vor, nur ja nicht auf den breiten ökonomischen Konsens der Experten zu hören, wenn es um die Auswirkungen eines EU-Austritts ging. Jetzt führt Johnson eine Regierung, die alle darauf einschwört, auf die Experten – in diesem Fall Verhaltensforscher – zu hören. Deren Rat wäre wohl leichter zu beherzigen, wenn der Öffentlichkeit vorläge, auf welcher substanziellen Grundlage Großbritannien in Sachen Coronavirus so gänzlich anders vorgeht als alle anderen.

Tony Yates war Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Birmingham. Er arbeitet als Berater bei Resolution Foundation and Fathom Consulting und schreibt für den Guardian

Übersetzung: Sebastian Puschner
18:16 14.03.2020
Geschrieben von

Tony Yates | The Guardian

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Ausgabe 13/2020

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