"Warum tun wir der Erde weh?"

Klimapädagogik Viele Eltern wollen ihre Kinder über den Klimawandel aufklären. Aber wie setzt man das um, ohne sie dabei zu sehr zu verängstigen? Das ist auch unter Experten umstritten

„Ein vierjähriges Kind könnte das verstehen! Los, bringen sie mir einen Vierjährigen“. Im vergangenen Jahr hätte ich mir dieses Groucho-Marx-Zitat auf die Innenseiten meiner Augenlieder tatöwieren lassen können. Wenn man sich wie ich daran macht, ein Kinderbuch über ein so komplexes und zuweilen deprimierendes Thema wie den Klimawandel zu schreiben, muss man sich vor jedem Satz neu daran erinnern, niemals die kindliche Lernfähigkeit und -bereitschaft zu unterschätzen.

Während ich mich abmühte, Dinge wie den Albedoeffekt, Fluorchlorkohlenwasserstoff oder die Milanković-Zyklen zu erklären, ging mir eine zentrale Frage nicht aus dem Kopf: In welchem Alter sollte man beginnen, mit seinen Kindern über den Klimawandel reden? Und: Wie redet man mit ihnen über ein Thema, das einen zunehmenden und vorwiegend negativen Einfluss auf ihr Leben haben wird? Sollten wir die schlechten Nachrichten von ihnen fernhalten, so lange es geht? Oder verdienen es unsere Kinder, so früh wie möglich die Wahrheit zu erfahren? Immerhin wird ihre Generation einmal die Rechnung zu begleichen und mit den Folgen zu leben haben. Wäre in meinen Augenliedern genug Platz, hätte ich deshalb wohl auch noch ein anderes, einschlägiges Zitat hinein gequetscht: „Der Krieg ist nie so hässlich, wie wenn man ihn Kindern erklärt.“

Der Klimawandel gehört inzwischen in die lange Reihe von Themen wie Tod in der Familie, Terrorangriffe, Armut, Drogen, Mobbing, Naturkatastrophen oder Rassismus, welche Eltern ganz schön ins Straucheln bringen können. Wie sollten sie mit ihren Kindern darüber sprechen, ohne dabei Traumata, Verwirrung oder Wut auszulösen?

Das Thema ist auch politisch

Im Gespräch mit Kindern ist der Klimawandel auf zwei Ebenen eine Herausforderung. Zunächst ist der wissenschaftliche Aspekt teils sehr kompliziert zu vermitteln. Zudem wird eine Vielzahl heikler Fragen aufgeworfen, wenn es um die Verursacher und mögliche Lösungen geht. Die Sache ist eben auch durch und durch politisch.

Meine drei eigenen Kinder waren natürlich die ersten, auf die ich blickte. Esme, mit sechs Jahren die älteste, hat als einzige schon eine Vorstellung von dem Begriff Klimawandel. Ich glaube nicht, dass sie den Ausdruck als solchen kennt, aus der Schule hat sie aber Dinge mitgebracht, die irgendwie damit zusammenhängen. Zum Beispiel, dass „das Eis auf dem die Eisbären leben, schmelzen kann, wenn man das Licht brennen lässt“.

„Das stimmt“, entgegnete ich in lobenden Tonfall, als sie das sagte. Dann aber kam ich ins Grübeln: Will ich wirklich, dass sie sich Sorgen über das Schicksal der Tiere macht, von denen eine Mini-Kuscheltierversion auf ihrem Bett sitzt? Dieses Kind fängt immerhin an zu weinen, wenn sie am Straßenrand totgefahrene Tiere liegen sieht. Wäre es nicht vielleicht besser, ihr das Thema nahezubringen, indem man ihr erzählt, dass für ihre Eltern Energiesparen auch Geld sparen bedeutet?

Ich kann mich noch sehr gut an die Schrecken und Ängste meiner eigenen Kindheit erinnern. Nachdem ich Raymond Briggs When The Wind Blows gelesen hatte, versteckte ich mich nachts unter der Decke vor lauter Angst, die Russen würden jeden Augenblick Atombomben auf uns alle herabfallen lassen. Hat mich das etwas über die Realität der großen, bösen Welt gelehrt? Ganz bestimmt hat es zu meiner Politisierung beigetragen, aber das wäre auch ohne kalten Angstschweiß möglich gewesen.

Es kommt auf den Ton an

Meine Arbeit an diesem Buch hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass es ganz auf den Tonfall, die Ausgewogenheit und den Zeitpunkt ankommt. Esmes Grundschule hat fantastische Arbeit geleistet und in ihr Respekt vor der Tier- und Pflanzenwelt, der Umwelt im weiteren Sinne, und ein Bewusstsein für die Bedeutung von Recycling und dem achtsamen Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Elektrizität geweckt. Natürlich versuche ich ihr Interesse weiter zu nähren. Aber alles zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, um ihr begreiflich zu machen, dass das Klima sich verändert – und wir Menschen schuld daran sind –, dafür scheint mir der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen zu sein. Und ich bin auch nicht unbedingt scharf darauf, ihn allzu eilig herbeizuführen.

Die britischen Lehrpläne schreiben den Klimawandel als Unterrichtsthema erst beim Übergang in die weiterführende Schule vor. Die Schüler sind dann ungefähr elf Jahre alt.

Doch sollten wir die Aufgabe den Lehrern der weiterführenden Schulen überlassen? Oder können auch jüngere Kinder schon mit dem Thema in Berührung gebracht werden? Die Kinderbuchillustratorin Debi Gliori glaubt ja. Sie veröffentlichte im vergangenen Jahr das an Fünf- bis Siebenjährige gerichtete Buch The Trouble with Dragons, in dem „Drachen“ Bäume fällen, Straßen bauen, viel fressen und „viel heiße Luft rausblasen“ und damit zur Zerstörung ihrer Umwelt beitragen. „Kinder mögen es nicht wenn man sie anlügt“, meint Gliori. „Dies ist auch ihre Welt. Sie werden sie erben. Wir sind nicht in einem Disney-Film. Ich habe mich für die Verwendung von Euphemismen entschieden, weil sie die Kinder nicht verschrecken. Ich möchte ihnen die Wahrheit sagen, erzähle die großen Dinge aber über die Drachen. Trotzdem habe ich es bei Vorträgen, die ich gehalten habe, erlebt, dass Kinder traurig wurden. War ihnen einmal klar, dass die Drachen für die Menschen stehen, fragten sie Sachen wie: „Heißt das, dass es für uns keine Erde mehr geben wird?“. Manchmal habe ich Schuldgefühle, weil ich etwas Störendes in ihre Welt bringe. Man macht sich nicht viele Freunde damit. Aber ich lüge Kinder nun mal nicht gerne an.“

Professor Hugh Montgomery, Facharzt für Intensivmedizin und Direktor des Institute for Human Health and Performance am Londoner University College, schreibt nebenbei Kinderbücher. In The Genie in the Bottle erzählt er die „einfache Geschichte vom Klimawandel: Wie fossile Brennstoffe entstehen, wie die Menschen die Umwelt verändert haben, welche Auswirkungen CO2 auf die Atmosphäre hat und somit auch Auswirkungen auf unsere Zukunft auf diesem Planeten haben könnte.“ Montgomery ist überzeugt, dass Kinder nicht zu jung sein können, um vom Klimawandel zu erfahren. Er hat sogar seinem dreijährigen von den „Stinkegasen“ erzählt, die der Erde Schaden zufügen.

Kinder nicht unterschätzen

„Kinder sind nicht leichter zu verängstigen als Erwachsene. Es ist eine Frage des Kontextes. Es gilt, die Verschwörung des Schweigens zu vermeiden. Bei meiner Arbeit im Gesundheitswesen bemerke ich oft, dass Kinder, die an Krebs sterben, dies oft lang wissen, bevor ihre Eltern vermuten. Wir dürfen sie nicht unterschätzen. Ich habe schon mit fünfjährigen Schulkindern über den Klimawandel gesprochen. Sie verstehen die Bedeutung des Begriffes Kohlendioxid. Ich zeige ihnen ein Stück Kohle und beschreibe es als „fossilisierten Salat“. Ich erzähle ihnen aber auch, dass Menschenleben bedroht sind, wenn wir den Klimawandel nicht bekämpfen. Wir sollten ihnen keine verwirrenden, widersprüchlichen Sachen erzählen.“

Er betont, auf das Wie komme es an: „Bei meinen Patienten ist es genau dasselbe. Wenn jemand durch eine Herzerkrankung bedroht ist – aufgrund von Übergewicht oder Tabakkonsum – dann muss er die Wahrheit gesagt bekommen. Man muss ihnen sagen, dass sie sich in einer gefährlichen Situation befinden. Doch statt sie dann mit Gesundheitsregeln zu überschütten, versuche ich, sie Schritt für Schritt zu ermutigen. Kinder können tatsächlich extrem viel bewirken. Durch das Bedrängeln ihrer Eltern üben sie enorme Macht aus. Wir haben das aus der medizinischen Arbeit gelernt. Wenn die eigene Tochter einem sagt, dass man vom Rauchen sterben wird, hat das viel mehr Wirkung, als wenn man es auf einem Plakat der Regierung liest.“

Die unter Padägogen und Kinderpsychologen herrschenden Ansichten scheinen zu belegen, dass Kinder ein so komplexes und emotional herausforderndes Thema wie den Klimawandel durchaus erfassen können. Die Pädagogikprofessorin Christine Howe von der Faculty of Education an der Uni Cambridge meint, das Thema sollte in den schulischen Lehrplänen stetig wiederkehren: „Im Anfangsunterricht sollte man sich aber auf einfache Zusammenhänge konzentrieren und dann über eine lange Zeitspanne hinweg aufbauend immer weiter gehen.“

Im Alter von elf ist es okay

Es gibt jedoch auch Vertreter des gegenteiligen Standpunktes. Sie fürchten, eine zu frühe Aufklärung könnte das Gegenteil der gewünschten Bewusstseinsschärfung und Motivierung bewirken. Kinder könnten von ihrer Angst gelähmt, durch überschwängliches, gut gemeintes Lob aber ebenso für tatsächlich ineffektive Maßnahmen wie das Abschalten der Telefon-Ladestation bestärkt werden.

George Marshall etwa, langjähriger Klimaaktivist, Autor und Gründer des Oxforder Climate Outreach and Information Network, findet: „Fünf- bis Siebenjährige sind für das Thema noch zu jung, im Alter von zehn bis elf ist es vielleicht okay. Meinen eigenen fünf- und siebenjährigen Kindern versuche ich zu vermitteln, dass wir eine Phase außergewöhnlicher Veränderungen erleben. Von Schuld, dem westlichen Lebensstil und solchen Sachen rede ich nicht. Ich will ihnen keine Angst einjagen. Wir sollten vorsichtig sein, was wir unseren Kindern erzählen, wo wir als Erwachsene selbst noch nicht vor unserer eigenen Tür gekehrt haben. Letztendlich überzeugt mich auch das Argument nicht, die Kinder seien doch die kommende Generation. Es gibt Zielgruppen mit höherer Priorität als Kinder.“

Wie oft ich diesen letzten Satz auch in Gedanken hin und her wälze, kann ich ihn einfach nicht annehmen, egal wie eiskalt und pragmatisch die Logik dahinter sein mag. Haben unsere Kinder nicht ganz gewiss Priorität, wenn es darum geht, Impulse für eine sinnvolle Reaktion auf den Klimawandel zu geben? Ich glaube schon.

Esme hat mich neulich gefragt: „Warum hören wir nicht einfach auf, der Erde wehzutun?“. Ich hätte keine besseren Worte finden können.

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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15:30 05.07.2009
Geschrieben von

Leo Hickman, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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