Sarah Bosley, The Guardian
21.08.2009 | 16:50 8

Was bestimmt Caster Semenyas Geschlecht?

Biologie Eigentlich sind Männer und Frauen eindeutig an ihren Chromosomen zu unterscheiden. Aber manchmal spielen die Hormone verrückt

Es ist die erste Frage, die Eltern nach der Geburt ihres Kindes stellen: Ist es ein Mädchen oder ein Junge? In ganz seltenen Fällen muss die Hebamme ehrlich zugeben: Ich weiß es nicht. Es gibt Babys, die ohne chirurgischen Eingriff beides und zugleich keines von beiden sind. Sie wurden Hermaphroditen, Pseudohermaphroditen und intersexuelle Kinder genannt, die Ärzte ziehen es mittlerweile allerdings vor, von sexuellen Entwicklungsstörungen zu sprechen, da Störungen in vielen Fällen behoben werden können. Diese Kinder müssen nicht ihr ganzes Leben im Zustand sexueller Mehrdeutigkeit leben. Wenn der Zustand früh genug erkannt wird, kann ihnen geholfen werden, in einem ausdrücklich männlichen oder weiblichen Körper aufzuwachsen.

In der Vergangenheit wurden solche Kinder manchmal auf brutale Weise chirurgischen Eingriffen unterzogen. Andere haben es nie jemandem erzählt, sind ihr ganzes Leben lang nicht zum Arzt gegangen und hatten damit sehr geringe Chancen, je selbst Kinder zu kriegen. Manche, insbesondere sogenannte über-virilisierte Frauen hatten möglicherweise durch ihre ungewöhnliche Kraft ein höheres sportliches Potential.

Bei den Olympischen Spielen, die 1996 in Atlanta stattfanden, fielen acht Athletinnen beim Sex-Test zunächst durch, legten dann aber Berufung ein und wurden vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen. Bei sieben von ihnen wurde diagnostiziert, dass sie sich körperlich weder vollständig zu einer Frau noch zu einem Mann entwickelt hatten.

Die internationale Leichtathletikföderation wird eine Reihe von Experten auswählen, die entscheiden sollen, ob Caster Semenya ein Mann oder eine Frau ist. Nach Ansicht der Medizin-Professorin Wiebke Arlt von der Universität Birmingham ist die Frage, welches Geschlecht das angemessene sei, relativ einfach zu beantworten. Jeder von uns verfügt über 46 Chromosomenpaare und zusätzlich über dasjenige, welches in den meisten Fällen über unser Geschlecht entscheidet. Entweder haben wir 46 XX und sind weiblich oder wir haben 46XY und sind männlich.

Hormone siegen

Aber manchmal besteht eine Diskrepanz zwischen den im Körper vorhandenen männlichen und weiblichen Hormonen und diesen Schlüsselchromosomen. In manchen Fällen kann dies korrigiert werden, so dass die Chromosomen das Geschlecht bestimmen. Manchmal ist dies aber auch nicht möglich und die Hormone obsiegen.

Eine der geläufigeren Störungen, die allerdings nur bei einer von 15.000 Geburten vorkommt, hat unglaublich schöne Frauen hervorgebracht, die im technischen Sinne als Männer geboren worden waren. (Es gab gegenstandslose Spekulationen darüber, Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich und Greta Garbo hätten unter dieser Störung gelitten. Man kann derlei Gerüchte aber leicht damit erklären, dass die Leute Probleme mit den androgyn anmutenden Erscheinungen der beiden hatten.) Die Betroffenen haben 46XY-Chromosome und männliche Hormone, aber diese Hormone können aufgrund der Mutation eines Proteins, mit dem sie sich eigentlich verbinden sollten, nicht aktiv werden.

„Sie sehen aus und verhalten sich wie Mädchen. Viele Models und Filmstars haben diese Störung. Sie sind sehr groß, schlank und feingliedrig, ausgesprochen schön und haben Pfirsichhaut. Normalerweise merken sie, was mit ihnen los ist, wenn ihre Periode ausbleibt. Sie haben keine Gebärmutter, die Vagina führt nirgendwo hin. Sie haben Hoden im Unterleib, die entfernt werden müssen, weil sie ein hohes Krebsrisiko bergen. Abgesehen davon, dass sie keine Kinder kriegen können, sind sie absolut weiblich.“ Dennoch haben diese Frauen XY-Chromosome und wenn ein Sex-Test sich allein auf diese beschränkt, werden sie als männlich klassifiziert.

Wie ein Junge

Am anderen Ende des Spektrum befinden sich diejenigen mit 46XX-Chromosomen, Sie sollten eigentlich weiblich sein, leiden aber aufgrund eines Mangels an dem Stresshormon Cortisol an einer zu hohen Aktivität männlicher Hormone in ihrem Körper. Wer unter dieser kongenitale adrenale Hyperplasie genannten Störung leidet, „kann von außen aussehen wie ein Junge“, sagt Arlt, „ aber einmal im Monat dürfte er Blut im Urin haben. Die Genitalien müssen nicht vollständig männlich ausgeprägt sein, sie können auch in einem Zwischenbereich liegen. Heutzutage nehmen Ärzte in so einem Fall recht früh einen chirurgischen Eingriff vor.“

Normalerweise würde so jemandem eine weibliche Identität ausgestellt, aber Arlt hatte auch schon Patienten, die als Jungen aufgezogen wurden und nun in mittleren Jahren Familienväter sind. Hormone sind entscheidend für das biologische Geschlecht, es gibt aber von Mensch zu Mensch verschiedene Grade. „Es wird immer Frauen geben, die muskulöser sind und sich eher bewegen wie Männer“, sagt Arlt. Das bedeutet aber nicht, dass sie Männer sind.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (8)

corvinplutarco 22.08.2009 | 18:26

Es ist vielen ein unangenehmes Thema. Ich kenne Frauen, die maskuline Züge an sich haben. Einige "gestehen" es sich ein, andere tun dies nicht oder es fällt ihnen gar nicht auf. Aber generell versuchen, denke ich, die meisten hin zu einem Geschlechtsextrem zu tendieren. Also Männer mit femininem Körperbau streben zu männlichen Proportionen und eher maskuline Frauen versuchen sich betont weiblich zu geben.
Ich sehe dort zwei Probleme:
1. bei Menschen, bei denen es zur Geburt tatsächlich nicht zu unterscheiden ist, wird es entschieden und dementsprechend chirurgisch eingegriffen. In Deutschland muss ein geborenes Kind als Mädchen oder Junge deklariert werden. Das ist finde ich sehr problemtaisch, da tatsächlich viele später ein Identitätsproblem bekommen.
In anderen Kulturen (Atzteken, Maya, sogar in Preußen)war das so genannte dritte Geschlecht offiziell anerkannt oder sogar verehrt.
2. Daraus resultiert: die Gesellschaft trägt letztendlich dazu bei, ob Zwischengeschlechtliche so in ihrer Form anerkannt werden. Nicht umsonst gibt es einige wenige, die diese "Störung" leben und bewusst damit umgehen.

So lange es im Sport Unterteilungen in Frauen- und Männerwettbewerbe gibt, ist es für Personen wie Caster Semenyas schwierig.
Auch bei sportlichen Wettbewerben sollten aber klare Kategorien bestehen und vielleicht sollte es eben Extrawettkämpfe für Zwitter geben, ähnlich wie Paralympics.

Holger Hutt 24.08.2009 | 12:27

Der Satz hat mich auch zutiefst irritiert, weil die Autorin mit keinem Wort das Problem thematisiert, wer denn darüber entscheiden soll, wie man dem Kind "hilft". Woher will man denn bei einem Neugeborenen wissen, ob es sich später als Frau oder als Mann fühlt und sich den entsprechenden Körper ersehnt oder ob es trotz des gewaltigen gesellschaftlichen Drucks als Intersexueller weiterleben möchte?

verqueert 25.08.2009 | 18:49

hm, die Stelle ist mir auch aufgestossen, zudem wird rein biologistisch argumentiert ohne die Biologie selber zu hinterfragen, Der beitrag ist wieder das scheinbar aufgeklärte blabla um dann doch wieder in die üblichen Klisschees zu verfallen (angeblich höheres Krebsrisiko bei Hoden etc.), die inzwischen als zumindest in Frage gestellt gelten müssten. Am besten den beitrag ganz schnell vergessen.