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Was der 9. Mai in Wladimir Putins Russland heute bedeutet – und wie es dazu kam

Russland Was an diesem Montag in Moskau oder Mariupol auch geschieht: Der „Tag des Sieges“ der Sowjetunion über Deutschland hat seit Putins Amtsantritt eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen – bis zum Motiv der „Entnazifizierung“ der Ukraine
In Moskau laufen die Vorbereitungen für die Militärparade zum 77. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland
In Moskau laufen die Vorbereitungen für die Militärparade zum 77. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland

Foto: Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

In den Städten Russlands werden an diesem Montagmorgen Panzer und Raketenfahrzeuge durch die Hauptstraßen donnern. Soldaten werden über zentrale Plätzen marschiere. Über die Köpfe der Menschen werden Kampfjets hinwegdonnern. Der Tag des Sieges, an dem die Russen das Ende des „großen patriotischen Krieges“, wie sie ihn immer noch nennen, im Jahr 1945 feiern, ist in den zwei Jahrzehnten, in denen Wladimir Putin an der Macht ist, allmählich zum Kernstück eines russischen Identitätskonzepts geworden.

In diesem Jahr, dem des grausamen Angriffs der russischen Armee auf die Ukraine, findet der Tag besondere Resonanz. Einige erwarten eine dramatische Ankündigung Putins, die entweder den Sieg in der Ukraine verkündet oder die Lage weiter verschärft.

In ganz Russland werden einige Familien in Stille ihrer Vorfahren gedenken, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben ließen, oder auf die wenigen noch lebenden Veteranen anstoßen. Andere werden im Einklang mit der offiziellen Botschaft einen bombastischeren Ansatz wählen, vielleicht den Kinderwagen ihres Kindes mit einem Pappmaché-Turm versehen, damit er wie ein Panzer aussieht, oder „Nach Berlin“ auf ihr Auto schmieren.

Die „Entnazifizierung“ der Ukraine

Ein düsterer Slogan, der in den vergangenen Jahren am Tag des Sieges an Popularität gewonnen hat, lautet „Wir können es wieder tun“. Russischen Staatsnachrichten zufolge ist dies genau das, was Russland in der Ukraine seit der Invasion am 24. Februar getan hat. Von Anfang an hat der Kreml die Sprache und die Bildsprache des Zweiten Weltkriegs verwendet, um den Angriff auf sein Nachbarland zu beschreiben.

Putin hat die „Entnazifizierung“ der Ukraine als eines der zentralen Ziele seiner Invasion beschrieben. Als er Mitte März im Moskauer Luzhniki-Stadion vor einer fahnenschwenkenden Menge sprach, versprachen Transparente eine „Welt ohne Faschismus“. Seine Soldaten tragen oft das orange-schwarze St.-Georgs-Band, das zum Symbol sowohl für den Sieg im Zweiten Weltkrieg als auch für den Krieg in der Ukraine geworden ist.

Viele halten dieses Gerede von „Entnazifizierung“ für reine Propaganda. Sicherlich gibt es andere überzeugende Erklärungen für den Einmarsch Russlands in die Ukraine: die Angst vor der Expansion der NATO, die postimperiale Verachtung der ukrainischen Sprache und Kultur, oder die Erzählung von Putin als isoliertem Führer, der die Covid-19-Pandemie in einem Bunker verbrachte und dabei über sein Vermächtnis nachdachte. Aber auch die Rhetorik des Sieges und des Kampfes gegen die Nazis, die in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer verdrehter geworden ist, spielt eine Rolle.

Natürlich bedarf es einer besonderen Denkweise, um angesichts des russischen Expansionskrieges mit seinen Hinrichtungen, den gezielten Angriffen auf Zivilisten und der Schikanierung Andersdenkender im eigenen Land zum Schluss zu kommen, die Ukrainer seien Nazis. Doch schon seit einigen Jahren wird der Siegeskult von Kritikern als „Pobedobesie“ bezeichnet – eine abfällige Anspielung auf die russischen Wörter für „Sieg“ und „Obskurantismus“.

Putins Vertrauter Nikolai Patruschew

Da sich diese Pobedobesie von Jahr zu Jahr ausbreitete, nahm das Phänomen immer groteskere Formen an: In den Schulen wurden Aufführungen veranstaltet, bei denen sich Kinder als sowjetische Soldaten verkleideten; Menschen, die sich als gefangene Nazis ausgaben, wurden durch die Straßen geführt. Immer mehr Gegner des modernen Russlands wurden als Nazis, Neonazis oder Nazi-Komplizen gebrandmarkt. Heutzutage wird in fast jedem Interview mit einem Repräsentanten des russischen Staates über aktuelle Ereignisse auf den Zweiten Weltkrieg Bezug genommen. Das Außenministerium twittert fast täglich darüber. Putins einflussreicher Vertrauter Nikolai Patruschew machte kürzlich den Westen für den Aufstieg Hitlers verantwortlich und meinte, die heutige westliche Welt (und ihre ukrainischen „Marionetten“) seien die wahren Erben der Nazis. „Man sollte sich nicht von angelsächsischer Seriosität täuschen lassen. Selbst ein eng geschnittener Anzug kann Hass, Wut und Unmenschlichkeit nicht verbergen“, wütete er.

In modernen russischen Darstellungen der sowjetischen Kriegsanstrengungen wird Unbequemes wie der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 und die anschließende Aufteilung Europas oder die Deportation ganzer ethnischer Gruppen durch Stalins Regime während des Krieges stillschweigend ignoriert. Auch das Bild der „Nazis“ hat sich zunehmend verwischt. In russischen Geschichtslehrbüchern ist kaum von Hitlers Politik, seinem Aufstieg zur Macht, seinem Antisemitismus und vom Holocaust die Rede. Stattdessen ist das Hauptmerkmal der „Nazis“, dass sie die Sowjetunion angegriffen haben. Nach dieser Logik sind alle, die das moderne Russland bedrohen, ebenfalls Nazis.

Dieser Prozess ging im Laufe der langen Amtszeit Putins schrittweise voran. Im Jahr 2000 fand der Tag des Sieges nur zwei Tage nach Putins erstem Amtsantritt als Präsident statt. In einer Rede vor Veteranen erklärte der neue russische Staatschef die Bedeutung des historischen Sieges: „Durch Sie haben wir uns daran gewöhnt, Sieger zu sein. Das ist uns ins Blut übergegangen. Das war nicht nur für militärische Siege verantwortlich, sondern wird auch unserer Generation in friedlichen Zeiten helfen, ein starkes und blühendes Land aufzubauen.“

Es gab kaum eine Familie in Russland ohne Verwandte, die im Krieg gekämpft hatten, und die enormen Verluste, die die Sowjetunion durch den Sieg über Deutschland erlitt, stellen die Verluste der anderen Alliierten zusammengenommen in den Schatten. Doch das Erbe des Krieges und Putins Rede von den „Siegern“ war auch ein seltener historischer Lichtblick für eine Bevölkerung, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und das wirtschaftliche Chaos der 1990er Jahre traumatisiert war.

Natürlich ist Russland nicht das einzige Land, das in seinen Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg gefangen ist. Großbritannien hat einen Premierminister, der sich derzeit – weitgehend erfolglos – darum bemüht, den Geist Winston Churchills wirken zu lassen; Polens Regierung arbeitet fieberhaft daran, jeden Hinweis auf polnische Komplizenschaften beim Holocaust herunterzuspielen. Deutschlands Zurückhaltung bei der Lieferung von Waffen an die Ukraine wird weithin dem historischen Schuldgefühl angesichts der Nazi-Vergangenheit des Landes zugeschrieben, und in Teilen der Ukraine verwehren sich viele Menschen tatsächlich dagegen, die Mitschuld ukrainischer Nationalisten an den Verbrechen während der Kriegsjahre zu untersuchen.

2008: Einmarsch in Georgien

Sowohl das Ausmaß der Verzerrung als auch die Durchdringung des Diskurses in Russland jedoch sind mit keinem anderen Land des modernen Europas vergleichbar. Allmählich geht es am Tag des Sieges weniger um die Erinnerung an die Vergangenheit als vielmehr um die Projektion der Macht von Putins neuem Russland. Im Jahr 2008 wurden bei der Parade zum Tag des Sieges zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schwere Waffen aufgefahren. Drei Monate später marschierte Russland in Georgien ein.

Der ganze Prozess beschleunigte sich 2014, als die russische Propagandamaschinerie zu behaupten begann, sie kämpfe in der Ukraine gegen echte Nazis, wobei sie sich auf eine Minderheit von Kämpfern konzentrierte, die tatsächlich rechtsextreme Ansichten hatten. Der Tod von 48, hauptsächlich pro-russisch eingestellten Menschen bei einem Brand in Odessa im Mai 2014 wurde vom russischen Fernsehen als vorsätzliches faschistisches Massaker dargestellt. Sergej Aksjonow, der vom Kreml eingesetzte Marionetten-Regierungschef auf der Krim, trug kurz nach deren Annexion auf einer Kundgebung auf dem Roten Platz in Moskau das orange-schwarze St.-Georgs-Band an seinem Revers und nicht die russische Trikolore. Er sprach davon, die Halbinsel vor Massakern durch Horden ukrainischer Faschisten zu retten.

In Ermangelung anderer belastbarer ideologischer Grundlagen für das Putin-Regime wurden der Sieg von 1945 und der von 2014 zur Daseinsberechtigung der Regierung, beide Ereignisse gekennzeichnet durch die orange-schwarzen Bänder. Der Sieg wurde zu Russlands neuer Religion. In einem Interview aus dem Jahr 2015 schimpfte der damalige Kulturminister Wladimir Medinskij, heute Leiter der russischen Delegation bei den festgefahrenen Friedensverhandlungen mit der Ukraine, über Historiker, die anhand von Archivmaterial zu beweisen versuchten, dass bestimmte sowjetische Kriegsmythen geschönt oder erfunden waren: „Wir sollten sie so betrachten wie die Heiligen in der Kirche.“

In der Kathedrale der Streitkräfte

Dieses Konzept wurde mit der Einweihung einer riesigen Kathedrale der Streitkräfte außerhalb Moskaus vor zwei Jahren in die Tat umgesetzt. Das Innere der Kathedrale, zugleich atemberaubend und unheimlich, verbindet in einer Reihe von großartigen Mosaiken militärische und religiöse Motive. Außen ist eingeschmolzenes Metall erbeuteter Nazi-Panzer verarbeitet. Bei Führungen werden Besucher aufgefordert, sich beim Betreten so zu fühlen, als träten sie die Faschisten mit ihren Füßen.

„Nur Russen sind in der Lage, sich zu opfern, um die Menschheit zu retten, so wie Jesus es getan hat", sagte ein Messdiener während einer Führung durch die Kathedrale im Jahr 2020. Neben dieser befindet sich ein brandneues Museum des Zweiten Weltkriegs. Eine Fremdenführerin namens Viktoria zeigte zügig durch die Räume und erzählte von sowjetischen Heldentaten und Opfern. Grafische Darstellungen und laute Geräusche sorgten für einen beeindruckenden Effekt, aber man hatte eher das Gefühl, sich in einem Computerspiel zu befinden, als eine lehrreiche Erfahrung zu machen. Nahezu gänzlich fehlte es an Kontext sowohl zu Elementen des stalinistischen Systems als auch zu den Nazis. Der Holocaust wurde kaum erwähnt, und wenn, dann in einen Topf geworfen mit den allgemeinen sowjetischen Kriegsanstrengungen: „Hitler wollte zwei Drittel aller Slawen mit Hilfe von Konzentrationslagern vernichten, und das berühmteste dieser Lager war Auschwitz“, so Viktoria. Auf die Frage, warum der Holocaust nicht ausdrücklich erwähnt wurde, antwortete sie: „Wir haben beschlossen, alles zusammenzufassen, denn man sollte die Opfer nicht nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit trennen.“

Zu diesem Zeitpunkt stand der Begriff „Nazis“ im russischen Diskurs schon für nichts anderes mehr als für den Angriff auf die Sowjetunion 1941. Und da das russische Fernsehen mit endlosen Schauergeschichten über westliche, gegen Russland gerichtete Pläne hausieren geht, erfordert es für viele Russen nicht wahnsinnig viel Fantasie, um da gleiche Narrativ auf heutige Ereignisse zu übertragen.

Iwan Fjodorow, der Bürgermeister der südukrainischen Stadt Melitopol, macht für seine Entführung durch russische Soldaten im März, einige Wochen nach Besetzung der Stadt, genau das als einen der Gründe aus: Veteranen des Zweiten Weltkriegs seien in Melitopol nicht respektiert und sogar verprügelt worden, waren seine Entführer fest überzeugt. Er habe versucht, ihnen zu erklären, dass derzeit 34 Veteranen in Melitopol lebten, sagt Fjodorow, dass er sie alle persönlich kenne und sich mit ihnen treffe, um sowohl des Sieges als auch der Befreiung von Melitopol am 23. Oktober zu gedenken. „Ich drang nicht zu ihnen durch. Sie wiederholten nur ihre Mantras, sie waren wie Zombies.“

Russlands Präsident eint die Ukraine

Sollte Russland an diesem Montag in den verkohlten Ruinen Mariupols eine Siegesparade abhalten, so werden viele, die zu Hause im Fernsehen zuschauen, vielleicht tatsächlich glauben, dass Russland die Stadt von ukrainischen „Nazis“ und deren amerikanischen Unterstützern „befreit“ habe. Aber nur wenige außerhalb Russlands werden dem zustimmen, selbst unter denjenigen, die vor dem Februar 2022 noch mit der Haltung des Kreml sympathisierten.

Die Ukrainer ihrerseits haben auf Russlands Reden von „Nazis“ reagiert, indem sie dem einen Spiegel vorhielten. Präsident Wolodymyr Selenskyj leugnet nicht die Bedeutung des sowjetischen Sieges, sondern versucht, den Russen die Kontrolle über Symbole und Legenden zu entreißen, indem er den das „ideologische Erben der Nazis“ im Kreml verortet.

Putins Aggression hat in der Ukraine rasend schnell eine Art von Nationalstolz wachsen lassen, wie es sie in solcher Einheitlichkit vorher gegeben hat – in einem Land, in dem drei Jahrzehnte lang viele Vorstellungen von nationaler Identität und Geschichte miteinander konkurrierten. Jetzt scharen sich die Ukrainer um ihre Fahne, so wie viele Sowjetbürger bis zum Tod gekämpft haben, um ihr Land zu verteidigen, auch wenn sie zuvor an ihrer politischen Führung zweifelten.

Russische Soldaten werden in der Ukraine inzwischen allgemein als „Raschisten“ (eine Mischung aus „Russen" und „Faschisten“) bezeichnet. Kollaborateure, die sich bereit erklären, für die Russen zu arbeiten, werden „Gauleiter“, das war die Bezeichnung für die obersten Nazifunktionäre in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs. Und Kiew ist voll von Plakaten, auf denen die Jahre 1941 und 2022 miteinander verglichen werden – zwei Jahre, in denen die Stadt jeweils von einer bösartigen äußeren Macht angegriffen wurde.

Selber „Nazi“

Zelenskiy hat den Titel „Heldenstadt“ nach sowjetischem Brauch an Orte verliehen, die am meisten Widerstand gegen die russischen Angriffe geleistet haben. Ein US-Waffen-Hilfsprogramm für die Ukraine wurde in Anlehnung an das Kriegshilfsprogramm für die Sowjetunion „Lend-Lease“ genannt.

Kurz gesagt, die Russen sind in ihrer eigenen Geschichte zu den Nazis geworden.

Die Behauptung Russlands, dass es in der Ukraine gegen Nazis kämpft, wird von Woche zu Woche unlogischer, wie die jüngste Behauptung von Außenminister Sergej Lawrow zeigt: Adolf Hitler habe jüdische Wurzeln gehabt, antwortete Lawrow, als er gefragt wurde, wie die Ukraine ein Nazi-Staat sein könne, wenn ihr Präsident doch Jude ist. Das Außenministerium legte noch einen drauf und veröffentlichte eine Erklärung, in der es „tragische Beispiele für die Zusammenarbeit zwischen Juden und Nazis“ nannte, was Israel, das sich in dem Konflikt bisher weitgehend neutral verhalten hat, in Rage versetzte. Einige Tage später entschuldigte sich Putin beim israelischen Premierminister Naftali Bennett.

„Mir fehlen die Worte ... Die russische Führung hat alle Lektionen des Zweiten Weltkriegs vergessen“, kommentierte wiederum Zelenskij die Worte Lawrows in einer nächtlichen Videobotschaft. „Oder sie haben sie vielleicht nie gelernt.“

Shaun Walker ist Korrespondent des Guardian für Mittel- und Osteuropa.

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Geschrieben von

Shaun Walker | The Guardian

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