Was der User nicht kennt...

Unter Gleichen Am liebsten umgeben sich die Leute mit Gleichgesinnten. Auch im weltoffenen Internet. Wäre es nicht an der Zeit, dass Portale garantiert Unbekanntes empfehlen?

Während des vergangenen Präsidentschaftswahlkampfs erzählten mir amerikanische Freunde immer wieder, der Sieg Obamas sei so sicher wie das Amen in der Kirche, sie hätten nämlich noch keinen einzigen Menschen getroffen, der die Republikaner wählen wolle. Was das Wahlergebnis angeht, hatten sie natürlich recht. Aber 58 Millionen haben gegen Obama gestimmt – es ist nur so, dass man diese Leute nicht in den Coffee-Shops von Brooklyn trifft. Nach der gleichen Logik könnte ich schlussfolgern, dass in Großbritannien niemand die Todesstrafe befürwortet, dass alle von der Fernsehserie The Wire besessen sind und so gut wie niemand den Da Vinci Code gelesen hat. Die Meinungsumfragen werden mir recht geben, vorausgesetzt natürlich, sie werden ausschließlich unter Gästen der Nordlondoner Gastropubs durchgeführt.

Die etwas traurige menschliche Neigung, sich mit Leuten zu umgeben, mit denen man möglichst viel gemeinsam hat, beeinflusst unsere Ansichten und unser Leben weitaus stärker als uns gemeinhin bewusst ist. Sie erklärt, warum man, wenn man die politischen Ansichten der Freunde eines Menschen kennt, man auch mit ziemlicher Sicherheit diejenigen der Person selbst vorhersagen kann. Oder warum Kreationisten glauben, die Debatte über die Evolution sei immer noch nicht entschieden: In den Kreisen, in denen sie verkehren, ist dem ja auch so.

Wir wollen unsere Ansichten bestätigt und nicht in Frage gestellt sehen, was dem Harvard-Medienforscher Ethan Zuckerman zufolge Unwissenheit befördert und erzeugt. Gleichzeitig macht es uns auch extremer: Eine Gruppe Konservativer, die nur untereinander diskutiert, wird die Diskussion noch konservativer machen. Selbst offene, liberale und tolerante Menschen sind vor dieser Gefahr nicht gefeit. Auch sie umgeben sich oft nur mit Menschen, die sich für ebenso offen halten, und zusammen feiert man dann die gemeinsame Liebe zur Verschiedenartigkeit.

Leute wie Du und ich

Die Technik birgt das Risiko, diese Tendenz noch zu verschärfen, so Zuckerman: Im Internet existiert man fast ausschließlich in einer von den eigenen Vorlieben geschaffenen Schleife. Bei all den Nachteilen, die es mit sich brachte, als alle noch die gleichen Nachrichtensendungen ansehen mussten, wurden manche Menschen dabei immerhin mit Dingen konfrontiert, nach denen sie nicht selbst gesucht hatten. Wenn man dagegen etwas googelt, verwendet man von Anfang einen äußerst feinen Filter dafür, was man in sein Gesichtsfeld dringen lässt und was nicht. Auf Seiten wie Amazon oder I-Tunes dreht sich alles um Gemeinsamkeiten: Sie stellen die Basis für das „collaborative filtering“ dar, bei dem einem Bücher und Platten empfohlen werden, die auch andere „Leute wie du“ erworben haben.

Hier wird unterstellt, dass man immer schon weiß, was einem gefällt und dass das Höchste der Gefühle darin besteht, das eigene Wissen allenfalls noch ein klein wenig über das Bestehende hinaus zu erweitern. Wenn die Glücksforschung uns aber etwas gelehrt hat, dann, dass die Menschen sich unglaublich schwer damit tun, vorherzusagen, was sie glücklich machen wird. Könnte es nicht sein, dass wir am Ende glücklicher werden, wenn wir uns die Möglichkeit offen halten, zufällig Neues zu entdecken und Dinge kennenzulernen, von denen wir immer zu unrecht dachten, wir mögen sie nicht?

Hierfür bedarf es nicht der Technik, die Technik muss dem aber auch nicht im Wege stehen: Facebook könnte ohne weiteres eine Liste derjenigen Leute anbieten, die man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kennt. Stellen Sie sich mal vor, wie so etwas die interkulturelle Verständigung befördern könnte. Die englischsprachige Internetseite LibraryThing.com wartet bereits mit dem sogenannten "Unsuggester" auf: Bei diesem Feature gibt man den Namen eines Buches ein, das man in letzter Zeit gelesen hat und erhält eine Liste mit Titeln, die wahrscheinlich kaum einer kennt, der das eingegebene Buch ebenfalls gelesen hat. Wenn Sie also eingeben, sie seien ein Fan von Kants Kritik der reinen Vernunft, wird Ihnen empfohlen, sich einmal die Bekenntnisse einer Shopping-Süchtigen von Sophie Kinsella zu Gemüte zu führen. Vielleicht sollten Sie das ja auch wirklich mal.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:35 02.02.2009
Geschrieben von

Oliver Burkeman | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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