Was eine Frau alles sein kann

Glamour Bei Glamour denken die einen an die Dietrich, die anderen an Lady Gaga. Der Begriff: Bis heute eine Gratwanderung zwischen sexueller Selbstbestimmung und Ausbeutung

Meine Generation, die in den fünfziger Jahren in Großbritannien aufwuchs, hat gelernt, dass Glamour etwas sehr Fragwürdiges ist. Meine häusliche Mutter pflegte missbilligend den Mund zu spitzen, wenn sie das leuchtend blonde Haar und den souveränen Lidstrich sah, welche die Mutter einer Freundin, eine Laienschauspielerin, mit Stolz trug.

Für die Rektorin unseres Mädchen-Gymnasiums waren Mode und Intelligenz ein Widerspruch. Sie war berühmt-berüchtigt dafür, dass sie ihrem Lehrerkollegium verbot, Lippenstift aufzutragen. In den Fünfzigern führte sie einen Guerillakrieg gegen die hauchdünnen Petticoats, die dafür sorgten, dass die Röcke der Sommerkleider von den Körpern ihrer Trägerinnen abstanden. Bei den Schülerinnen der Oberstufe konfiszierte sie diese Unterröcke mit schöner Regelmäßigkeit. Dann hingen sie wie Skalps an Haken vor ihrem Arbeitszimmer, als stille Mahnmale, die eine klare Botschaft an die Mädchen der Unterstufe aussandten: Glamour bringt ein Mädchen in Schwierigkeiten.

In den Mädchenschulen herrschte zu der Zeit ziemliche Geschlechterverwirrung. Das, was Germaine Greer einmal als die „absurde Version einer männlichen Uniform“ bezeichnete, wurde oft mit polizeilichem Eifer überwacht: Unförmige Trägerröcke über Hemdkrägen und maskulinen Krawatten, die Rocklängen und die Dichte der Strümpfe waren genau festgelegt. Trotzdem sollten wir uns „ladylike“ benehmen, uns unauffällig und ordentlich kleiden und auf der Straße Hüte und Handschuhe tragen.

Bloß kein Sexobjekt sein

Die strengen Regeln brachten natürlich eine oppositionelle Subkultur hervor. Wer würde es schaffen mit einem schwarzen BH, blass-rosa Nagellack und Clearasil-Makeup über der Akne-geplagten Teenagerhaut durchzukommen? Einige Mädchen seufzten vor Erleichterung, wenn sie die Schule endlich verlassen konnten und trugen fortan die Schminke mit dem Spachtel auf. Doch gerade als der Glamour den Reiz des Verbotenen langsam verlor, kamen die Feministinnen der zweiten Generation und warnten uns vor der Gefahr, uns damit zu Sexobjekten zu degradieren.

Das britische Wort Glamour ist seit etwa 1900 in Umlauf. Ursprünglich war es in etwa gleichbedeutend mit Worten wie „Magie“ oder „Verzauberung“. Im frühen 20. Jahrhundert avancierte es zum Modewort, das mit exotischen Orten und den neuen Möglichkeiten schnellen Reisens in Verbindung gebracht wurde. Für Männer war es damals genauso schick, glamourös zu sein, wie für Frauen. Die Piloten der Royal Airforce zum Beispiel wurden die „Glamour Boys“ genannt, Männer wie der Schauspieler Rudolph Valentino verkörperten den glamourösen Mann. In den Zwanzigern und Dreißigern wurde die Idee des Glamours dann untrennbar mit Modernität und natürlich mit Hollywood verknüpft.

Stilbildende Traumfabrik

Die Stars der Filmindustrie trugen seidige Kleider aus schimmerndem Satin, sie funkelten nur so vor Diamanten und Pailletten und mümmelten sich in weiche Pelze ein. Man denke nur an die Frauen aus dem Film Grand Hotel (Dt. Menschen im Hotel, 1932), die bis über beide Ohrenspitzen in Pelzmänteln stecken, oder an Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs Blonde Venus (ebenfalls aus dem Jahre 1932). Entweder man hüllte sich in Pelz oder man räkelte sich darauf. Ein anderes Standardfoto zeigte den weiblichen Star am Toilettentisch, in einem seidenen Kimono und von einer stattlichen Anzahl von Kosmetikartikeln und Parfümflaschen umringt.

Hollywood übte in den Jahren zwischen den Weltkriegen großen Einfluss auf die Britinnen aus. Kein Wunder, dass es auch die „Traumfabrik“ genannt wurde. Hollywood prägte die Ambitionen, Kleider, Frisuren und das Make-Up der jungen Frauen. Neue Zeitschriften wie Girls’ Cinema, Miss Modern, Film Fashionland und Woman’s Filmfair brachten die neuesten Modetrends aus den Staaten nach Großbritannien.

Einige Moralisten äußerten sich besorgt über die Anziehungskraft des amerikanischen Glamour, doch sein Siegeszug war längst nicht mehr aufzuhalten. Fabrikarbeiterinnen, die wie Filmstars aussahen, prägten das Bild dieser Zeit. Forschungsinstitute wie Mass Observation erforschten neue Trends. Ihre Beobachter schwärmten im Londoner East End aus und spionierten den jungen Mädchen in der Kosmetikabteilung von Woolworth und auf den öffentlichen Toiletten, wo sie ihr Make-Up auffrischten, hinterher. Neue Pelz-, Nagellack-, Hut- und sogar Haarspangentrends wurden akribisch erfasst. „Glamour lautet der Tenor“, hielt einer der Beobachter fest. „Der Einfluss Hollywoods ist überdeutlich.“

Um es mit den Worten der Filmkritikerin Annette Kuhn zu sagen: Das Kino erweiterte die Vorstellung dessen, was eine Frau alles sein konnte. Das weibliche Publikum fühlte sich von starken, ehrgeizigen Frauen angezogen, die sich ihrer Reize wohl bewusst waren.

Glamour gerät aus der Mode ...

Nach dem Krieg begann unter dem Einfluss von Christian Diors New Look der Siegeszug von Klasse und Eleganz, im Vergleich dazu wirkte der Glamour plötzlich billig. Die Krönung von Elisabeth II. rief in Großbritannien eine Nostalgie-Welle hervor, altmodische Formen von Weiblichkeit waren wieder angesagt. Das Wort Glamour verlor seinen Glanz, es wurde zunehmend mit Pin-Up-Bildern und Soft-Porno-Magazinen in Verbindung gebracht. Die englische Mittelklasse rümpfte die Nase über die Eskapaden von Starlets wie Diana Dors oder Sabrina und äußerte sich missbilligend über „Partymäuse“: „Rundum Pelz und darunter keine Höschen“, wie es damals hieß. Jungen Damen gebührte es nicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und ging es beim Glamour nicht gerade darum? „Pass auf, dass du bloß nicht billig aussiehst“, rieten die Mütter Ende der Fünfziger ihren Töchtern.

In den Sechzigern, als jugendliches Aussehen, Dufflecoats und die Carnaby Street zum Kult avancierten, wurden die alten Insignien des Glamour – rote Lippen, ausladende Kurven, dicke Pelze und schwere Parfums – von den jungen Frauen als altmodisch abgetan. So etwas trugen in ihren Augen nur Frauen, die sich aushalten ließen. Die feministische Kritik am Glamour nahm Fahrt auf, auch wenn diese Denkweise nie ganz unangefochten war. Die schwarze Aktivistin Claudia Jones (die den Notting Hill Carnival ins Leben rief) warb für Schönheitswettbewerbe, um nicht-weiße Schönheitsstandards zu etablieren. Trotzdem sollte die Endausscheidung der Miss-World-Wahlen in der Royal Albert Hall 1970, bei der (weiße) Feministinnen bekanntermaßen den Ablauf störten, indem sie den Moderator Bob Hope mit Mehl, Stinkbomben und Plastikmäusen bewarfen, als Meilenstein in die Geschichte eingehen.

... und kehrt mit aller Macht zurück

Erst in den Achtzigern kam der Glamour mit aller Macht zurück, wenn auch vor dem Hintergrund beträchtlicher Errungenschaften auf dem Gebiet der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt. War dies ein Rückschlag, oder ging es um etwas ganz anderes? Naomi Wolf, und unlängst auch Natasha Walter, behaupten, dass der Druck, gut auszusehen, für junge Mädchen heute unerbittlich und schädlich ist.

Es liegt nahe, die Frage zu stellen, ob der Glamour, der einst für die Frauen ein Mittel war, um aus den Zwängen auszubrechen, heute ein Gefängnis geworden ist. Aber erwachsene Frauen sind nicht einfach Gefangene, Gelackmeierte oder Opfer, und der Glamour hat auch eine spielerische Seite, für die viele weibliche Künstlerinnen stehen: Mae West, Marlene Dietrich, Madonna, Courtney Love und seit einiger Zeit auch die herrlich durchgeknallte Lady Gaga.

Sobald man über Glamour genauer nachdenkt oder schreibt, betritt man vermintes Terrain. Sprechen wir über Künstlichkeit und den Reiz falscher Werte? Über Verführerinnen, die sich einen reichen Kerl angeln wollen oder über Frauen, die eine Karriere anstreben? Wie steht es mit den ethischen Fragen im Hinblick auf Pelz und Diamanten? Was ist mit Schönheitsoperationen und den natürlichen Verformungen im Teenageralter? Ist die Idee des Glamour ausschließlich westlich und weiß?

Macht Glamour die Frauen stärker oder degradiert er sie zu Objekten? Man darf nicht vergessen, dass Frauen sich den Glamour auch zunutze machen – sie sind nicht einfach nur Objekte des männlichen Blicks. Historisch gesehen hält es sich in etwa die Waagschale, ob glamouröse Frauen als Gefahr für den Mann oder selbst als Opfer betrachtet wurden. Glamour kann für Selbstbewusstsein, sexuelle Selbstbestimmung, Verspieltheit und Vergnügen stehen. Doch schlussendlich gibt es nichts, was einer Frau mehr Stärke verleiht als eine gute Ausbildung und ein gut bezahlter Job.

Carol Dyhouse hält eine Forschungsprofessur an der Universität Sussex. Ihr aktuelles Buch Glamour: Women, History, Feminism ist in Großbritannien bei Zed Books erschienen

Übersetzung: Christine Käppeler

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10:00 28.03.2010
Geschrieben von

Carol Dyhouse | The Guardian

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The Guardian

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