Was gehen uns die Pentagon Papers noch an?

Geheimpapiere Am Montag wurden die 1971 durchgestochenen Pentagon Papers über den Vietnam-Krieg nach 40 Jahren vollständig veröffentlicht. Welche Lehren wir daraus ziehen können

Am gestrigen Montag wurde die Original-Version der Pentagon Papiere (PP) freigegeben und im Netz veröffentlicht – jene 7.000-Seiten umfassende, streng geheime Untersuchung des amerikanischen Verteidigungsministeriums über die Entscheidungsprozesse der Amerikaner in Vietnam zwischen1945-67, die ich vor 40 Jahren an 19 Zeitungen und Senator Mike Gravel übergeben hatte (Verhandlungen, die ich nur dem Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des Senats übergab, befanden sich nicht darunter). Gravel fügte die Unterlagen, die ich ihm gegeben hatte, in den Bericht des Kongresses ein und veröffentlichte später fast alles bei Beacon Press. Zusammen mit der Berichterstattung in den Zeitungen und einer von der Regierung herausgegebenen Ausgabe, die zwar stark redigiert war, sich aber dennoch mit derjenigen von Senator Gravel deckte, ist das meiste Material seit 1972 für Öffentlichkeit und Wissenschaft zugänglich. Die Bände mit Verhandlungen wurden vor ein paar Jahren freigegeben, der Senat, wenn nicht das Pentagon hätte sie aber spätestens mit Ende des Krieges 1975 veröffentlichen sollen.

Mit anderen Worten: Die gestrige Freigabe der gesamten Untersuchung kommt 36 bis 40 Jahre zu spät. Andererseits erhält sie damit genau zum rechten Zeitpunkt erneut Aufmerksamkeit, insofern wir heute wieder in Kriegen feststecken – insbesondere in Afghanistan – die dem 30 Jahre andauernden Konflikt in Vietnam erstaunlich ähneln, ohne dass wir über vergleichbare Dokumente und Insider-Analysen verfügen, die erhellen könnten, wie wir in die Sache hineingeraten sind und welche Richtung sie wahrscheinlich nehmen wird.

Was diesen Monat eigentlich veröffentlicht werden sollte, wären die Pentagon Papers aus dem Irak, Afghanistan (Pakistan, Jemen, und Libyen). Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass wir diese bekommen werden. Wahrscheinlich existieren sie noch gar nicht, zumindest nicht in der brauchbaren Form wie die Dokumente damals. Doch die Original-Analysen zu Vietnam sind überraschender Weise gar kein schlechter Ersatz - man kann definitiv etwas aus ihnen lernen.

Ja, die Sprachen und ethnischen Zugehörigkeiten, die wir nicht verstehen, sind im Mittleren Osten andere als in Vietnam. Das Klima, Terrain und die Art der Angriffe unterschieden sich. Aber wie die Berichte in den PP erklären, stehen wir in Afghanistan vor demselben vergeblichen Versuch, nationalistische Guerillas zu finden und auszuschalten oder sie dazu zu bewegen, gegen ausländische Invasoren und die korrupten Despoten, die von diesen gestützt werden, zu kämpfen. Wie in Vietnam, können die Aufständischen umso schneller ihre Reihen wieder schließen und erhalten umso mehr Zulauf, je mehr Soldaten wir ihnen ins Land schicken und je mehr von ihnen wir, (zusammen mit Zivilisten) töten, denn es ist ja gerade unsere Anwesenheit, das, was wir dort machen und unsere Unterstützung für ein System, das jeglicher Legitimation entbehrt, das die wichtigste Basis für ihre Rekrutierungen darstellt.

Was Washington betrifft, so lesen sich die Berichte über die sich wiederholenden Entscheidungen wie ein verlängertes Vorwort zu Bob Woodwards im vergangenen Jahr erschienenem Buch Obama's War über die langwierigen internen Kontroversen, die der Entscheidung des Präsidenten vorausgingen, die Zahl der Soldaten in Afghanistan zu verdreifachen. Auch Woodwards Buch basiert auf geheimen Leaks. Unglücklicherweise kamen diese erst an die Öffentlichkeit, nachdem die Entscheidung getroffen worden war, und wurden nicht von einer Dokumentation flankiert: Woodward oder seine Quellen könnten diese aber immer noch an Wikileaks weiterreichen – es ist noch nicht zu spät.

In Berichten über einen Krieg, der 40 Jahre zurückliegt, lesen wir die gleichen, unverantwortlichen und egoistischen Einwände, um einen nicht zu gewinnenden Konflikt zu verlängern und zu verschärfen: Namentlich die Notwendigkeit, sich vom politischen Gegner im eigenen Land nicht der Schwäche bezichtigen zu lassen, nur weil ein paar inkompetente oder allzu ehrgeizige Generäle törichterweise behaupten, er könne gewonnen werden. Wenn man die politische Entscheidungsfindung und die Realitäten vor Ort zusammenbringt, sehen wir die gleiche, endlose und blutige Hängepartie, bis der Kongress unter Druck der Öffentlichkeit damit droht – wie 1972-73 geschehen –, keine Gelder mehr zu bewilligen und die Exekutive zur Aushandlungen der Bedingungen für einen Rückzug zu zwingen.

Um die Wähler und den Kongress dazu zu bringen, uns von diesen Kriegen unserer Präsidenten zu befreien, brauchen wir die Pentagon Papiere des Mittleren Ostens jetzt sofort, nicht erst in 40 Jahren und auch nicht erst nach weiteren zwei oder drei Jahren festgefahrener und nicht zu rechtfertigender Kriege.

Leider besteht wenig Aussicht, dass wir diese rechtzeitig erhalten. Die unautorisierten Wikileaks-Veröffentlichungen der vergangenen Jahre waren diesbezüglich der erste Versuch, der an Bedeutung den PP gleichkommt (und sie in Bezug auf Umfang und Aktualität sogar noch übertrifft): Aber leider hatte die mutige Quelle, die diese geheimen Feldberichte veröffentlichte – der Gefreite Bradley Manning wird beschuldigt, was aber noch nicht durch ein Gericht bestätigt ist – keinen Zugang zu streng geheimen Vorschlägen, Einschätzungen und Entscheidungen auf höchster Ebene.

Die wenigsten unter denen, die Zugang zu solchen Unterlagen haben, werden ihren Bewegungsspielraum und ihre Karriere aufs Spiels setzen und die (unter Obama gestiegene) Möglichkeit in Kauf nehmen, strafrechtlich verfolgt zu werden, indem sie dem Kongress und der Öffentlichkeit über politische Entscheidungen Rechenschaft ablegen, die sie persönlich für verheerend halten und von denen sie denken, dass sie zu Unrecht geheim gehalten werden.

Als Sonderberater im Pentagon gehörte ich 1964/65 zu denjenigen, die über der Zugang zu solchen Unterlagen verfügten. Mit meiner Meinung dazu war ich alles andere als allein. (Mein unmittelbarer Vorgesetzter John T. McNaughton, Robert McNamaras Chefberater für Vietnam, dachte wie ich, wie in seinem jüngst veröffentlichten persönlichen Tagebuch nachgelesen werden kann.)

Ich habe lange Zeit bereut, dass es mir im August 1964 nicht einmal in den Sinn gekommen ist, die Dokumente zu veröffentlichen, die sich in meinem Safe im Pentagon befanden, um die Behauptung eines „eindeutigen, nicht provozierten“ Angriffs auf unsere Zerstörer im Golf von Tonkin als Lüge zu entlarven, der ein Vorläufer der „über jeden Zweifel erhabenen Beweise“ für inexistente Massenvernichtungswaffen im Irak war, mit denen der Kongress einmal mehr dahingehend manipuliert wurde, die genaue Entsprechung zur Tonkin-Resolution zu verabschieden.

Senator Morse – einer der beiden Senatoren, die gegen diesen verfassungswidrigen und unbefristeten Blankocheque für einen präsidialen Krieg gestimmt hatten – sagte mir, die Resolution wäre nie verabschiedet worden, wenn ich ihm diese Beweise bereits 1964 zur Verfügung gestellt hätte und nicht erst 1969, als ich sie letztlich dem Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten aushändigte, in dem wir beiden zusammenarbeiteten: „Die Tonkin-Resolution hätte niemals den Ausschuss verlassen, und wenn sie zur Abstimmung gebracht worden wäre, wäre sie abgelehnt worden.“

Ich habe damit eine schwere Last zu tragen: Hätten ich oder ein anderer, der Zugang zu den gleichen Informationen hatte, nach unserem Amtseid gehandelt – der kein Eid war, dem Präsidenten zu gehorchen, oder Stillschweigen darüber zu bewahren, dass er seine eigenen Verpflichtungen verletzt, sondern ein Schwur „die Verfassung der Vereinigten Staaten zu stärken und zu verteidigen“, hätte dieser schreckliche Kriege möglicherweise vollständig verhindert werden können. Dafür hätten wir die Dokumente aber rechtzeitig veröffentlichen müssen, bevor der Konflikt eskalierte – nicht erst fünf, sieben, ja nicht einmal zwei Jahre, nachdem der unheilvolle Einsatz beschlossen wurde.

Eine Lektion, die man aus der Lektüre der PP ziehen kann, wenn man weiß, was alles folgte und in den Jahren seitdem ans Licht gekommen ist, besteht für mich darin, denjenigen, die im Pentagon, im Weißen Haus, bei der CIA und ihren Entsprechungen in Großbritannien und anderen Nato-Ländern arbeiten, und ähnlichen Zugang zu Information haben wie ich damals und und etwas über weitere katastrophale Verschärfungen unsere Kriege im Mittleren Osten wissen, zu sagen:

Macht nicht den gleichen Fehler, den ich gemacht habe. Wartet nicht, bis ein neuer Krieg im Iran begonnen hat, bis in Afghanistan, Pakistan, Libyen, Irak und dem Jemen noch mehr Bomben gefallen sind. Wartet nicht, bis noch tausende mehr gestorben sind, bevor ihr euch an die Presse und den Kongress wendet, um die Wahrheit mit Dokumenten zu belegen, die Lügen oder interne Abwägungen von Kosten und Gefahren offenbaren. Wartet nicht 40 Jahre darauf, dass diese Dokumente freigegeben werden, oder wie ich sieben Jahre, bis jemand sie an eurer Stelle veröffentlicht.

Das persönliche Risiko ist hoch. Aber die Menschenleben, die ein ganzer Krieg vernichten würde, könnten dadurch gerettet werden.

Daniel Ellberg war Militärexperte unter Verteidigungsminister Robert McNamara und spielte 1971 der Presse geheime Dokumente, die so genannten Pentagon Papers, zu, aus denen hervorging, dass der Waffengang gegen Vietnam von langer Hand geplant war.

Die gesamten Dokumente wurden nun erst 40 Jahre später an diesem Montag durch das Nationalarchiv öffentlich zugänglich gemacht.

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Daniel Ellsberg | The Guardian

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