"Was halten Sie von ihrem Outfit?"

Frauensache Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden häufig erstmal nach ihrem Äußeren bewertet – viele meiden daher die große Bühne. Dabei werden sie dort gebraucht
Kirsty Lang | Ausgabe 26/2013 14
"Was halten Sie von ihrem Outfit?"

Illustration: Otto

Als während der TED-Konferenz, die vor zwei Wochen in Edinburgh stattfand, eine eloquente Ökonomin über Fragen der Entwicklungspolitik referierte, sprach mich die Person auf dem Sitz neben mir an: „Was halten Sie von ihrem Outfit?“ Ich hatte schon bemerkt, dass die Vortragende ein figurbetontes Kleid und sehr hohe Absätze trug, doch die Frage irritierte mich: Schließlich fragt man das bei einem Mann auch nicht.

Als ich als Nachrichtensprecherin fürs Fernsehen arbeitete, bezogen sich die meisten Kommentare, die ich von Zuschauern und Vorgesetzten bekam, auf mein Aussehen. Dass ich zwei Uniabschlüsse habe und mehr als 25 Jahre internationale Berufserfahrung als Print-, Radio- und Fernsehjournalistin vorweisen kann, interessierte niemanden. Aber hatte ich schon mal darüber nachgedacht, mir meine Haare glätten zu lassen oder mehr Grün zu tragen?

Das ist nach wie vor die Realität von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen. Wir wissen, dass unser Aussehen überprüft und kommentiert wird. Und das ist auch einer der Gründe, warum viele Frauen ungern in der Öffentlichkeit das Wort ergreifen. Einer der beeindruckendsten Aspekte der TED-Konferenz war, dass fast die Hälfte der Referenten Frauen waren. Frauen neigen dazu, doch eher „nein“ zu sagen, wenn sie zu einem Vortrag eingeladen werden.

Andere Vorbilder

TED-Talk-Organisatorin June Cohen zufolge muss man Frauen regelrecht „belagern“, um sie ans Rednerpult zu bekommen. Cohen investiert viel Zeit und Energie, um Frauen zu öffentlichen Auftritten zu ermutigen und betreut sie dann intensiv. Um Rednerinnen aus der Wirtschaftswelt zu finden, sollte man ihr zufolge nicht bei den Vorstandsvorsitzenden suchen, sondern bei den Personalchefs oder den Stellvertretern nachsehen.

Diese Frage der Repräsentanz ist keine Kleinigkeit: Wir dürfen nicht zulassen, dass die einzigen Vorbilder unserer Töchter, Nichten und Enkelinnen spärlich bekleidete Popstars oder B-Promis sind, die nur deswegen bekannt sind, weil sie im Reality-TV auftreten. Wir brauchen starke und inspirierende Frauen in der Öffentlichkeit, damit die Schülerinnen von heute etwas haben, was sie anstreben können. Doch es wird Zuwendung und Aufmerksamkeit erfordern, diese Frauen zu überreden, aus dem Schatten zu treten.

Kirsty Lang moderiert bei BBC Radio 4 die tägliche Abendsendung Front Row und schreibt als freie Autorin für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:00 28.06.2013
Geschrieben von

Kirsty Lang | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14171
The Guardian

Ausgabe 31/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 14

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar