Was sind Kamikaze-Drohnen und warum setzt Russland sie in der Ukraine ein?

Ukraine-Krieg Die ukrainische Gegenoffensive setzt die russischen Streitkräfte erheblich unter Druck. Nun setzt Wladimir Putin auf den Angriff der zivilen Infrastruktur
Russland greift Kiew mit Drohnen an (17.10.2022)
Russland greift Kiew mit Drohnen an (17.10.2022)

Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Der zunehmende Einsatz iranischer Shahed-136-Drohnen durch Russland ist Ausdruck von Stärke und Schwäche zugleich. Die Drohnenangriffe im Zentrum von Kiew am Montagmorgen, die in zwei Wellen zur Zeit des morgendlichen Berufsverkehrs stattfanden, zeigen, wie die Waffen Zerstörung und Angst in der Hauptstadt verursachen können, die bis vor einer Woche monatelang nicht angegriffen worden war.

Die Shahed-136 tauchten erstmals im September in dem Krieg auf, und obwohl sie als Kamikaze-Drohnen bezeichnet werden, sind sie eher als kleine Marschflugkörper mit einer relativ begrenzten Zerstörungskapazität angesichts ihrer 50 Kilogramm schweren Nutzlast zu betrachten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Russland habe 2.400 Stück gekauft – eine große Zahl, die jedoch schnell aufgebraucht wird.

Justin Bronk, ein Spezialist für Luftstreitkräfte beim Thinktank Rusi, sagt, dass die Drohnen „schwer abzufangen sind“, aber ihre Fluggeschwindigkeit ist im Vergleich zu Marschflugkörpern langsam, sodass die Luftabwehr immer eine Chance hat. „Letztendlich bieten sie Russland eine Möglichkeit, mehr zivile und militärische Opfer in der Ukraine zu verursachen, aber sie werden das Blatt nicht wenden“, sagte er.

Dies ist der zweite größere Angriff auf Kiew innerhalb einer Woche. Am vergangenen Montag hatte Russland als Reaktion auf die Explosion an der Brücke über die Meerenge von Kertsch zur Krim tödliche Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew und andere Großstädte gestartet.

Der blutige Angriff vom vergangenen Montag – allein an diesem Tag wurden schätzungsweise 15 Menschen getötet – und die Zerstörung des Angriffs am heutigen Montag zeigen die Grenzen der Kiewer Luftabwehr auf. Es ist nicht klar, warum es so lange gedauert hat, aber die USA reagierten letzte Woche mit der Ankündigung, dass sie die Lieferung der ersten beiden von acht versprochenen Nasams-Luftabwehrsystemen, die als gut genug für den Schutz des Pentagon gelten, beschleunigen würden.

Gehen Russland die Raketen aus?

Doch während die Angriffe auf Kiew weltweit für Schlagzeilen sorgen, ist der militärische Nutzen eher gleich null und wird für sich genommen keine nennenswerte psychologische Wirkung auf die weitgehend entschlossene Zivilbevölkerung des Landes haben. Die Angriffe lösen Angst, aber auch Wut aus, insbesondere nachdem Wladimir Putin erklärt hat, es bestehe „keine Notwendigkeit“ für weitere massive Angriffe auf die Ukraine.

Ihr Einsatz scheint auch zu zeigen, dass Russland kaum noch über Lenkraketen verfügt. Westliche Beamte erklärten am Freitag, sie stimmten weitgehend mit einer ukrainischen Einschätzung überein, wonach Moskau etwa zwei Drittel seiner Bestände aufgebraucht hat und nur noch 124 von 900 Iskander-Mittelstreckenraketen besitzt. „Wir denken, dass das ungefähr richtig ist“, sagte ein Beamter, obwohl solche Schlussfolgerungen unmöglich zu verifizieren sind.

Am Montagmorgen wurde angedeutet, dass Russland zum Teil versucht haben könnte, einen Energiestandort in Kiew ins Visier zu nehmen, obwohl die genauen Einzelheiten noch nicht bestätigt sind. Generell mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass Russland versucht, die ukrainischen Energie- und Versorgungsnetze anzugreifen, während der Winter und die „Heizperiode“ des Landes beginnen.

Das ist auch den besorgten Verteidigern des Landes nicht entgangen, die die Bevölkerung auffordern, den Stromverbrauch abends zwischen 17 und 23 Uhr zu reduzieren. Im letzten Monat wurde die Stromversorgung in Charkiw, Kiew und Lemberg zeitweise durch russische Angriffe beeinträchtigt.

Russische Streitkräfte auf dem Rückzug

Drohnen wie die Shahed-136 sind gegen solche statischen Ziele effektiver als gegen Armeen auf dem Schlachtfeld, und für Moskau könnten die disruptiven Auswirkungen auf die Ukraine größer sein. Gleichzeitig wird es Russland ein Anliegen sein, die Gegenoffensive der Ukraine zumindest so lange zu stoppen, bis heftige Regenfälle im Spätherbst zu einer Art Pause führen werden.

Russlands Aufforderung zur Evakuierung von Zivilisten aus der Oblast Cherson in der vergangenen Woche mag von einem örtlichen Beamten als nur vorübergehend bezeichnet worden sein, doch ist dies der nächste Schritt auf dem Weg zu einem allmählichen Rückzug aus dem Gebiet westlich des Dnjepr, wo die russischen Streitkräfte seit Anfang des Monats auf dem Rückzug sind.

Die Ukraine hat seit Anfang September eine Gegenoffensive gestartet und ist gegen die russischen Linien vorgedrungen, jedoch ohne nennenswerten Erfolg bis Anfang Oktober, als die russischen Truppen einen bis zu 30 Meilen tiefen Gebietsstreifen nordwestlich der Stadt Cherson an eine neue Front nördlich des Dorfes Mylove abtraten.

Wenn dies ein Versuch war, die Frontlinien zu begradigen, so ist er angesichts der Ankündigung der Evakuierung eindeutig gescheitert, und in einigen westlichen Kreisen wurde spekuliert, dass Cherson selbst schon nächste Woche zurückerobert werden könnte, was allerdings eine sehr optimistische Einschätzung ist.

Cherson ist wichtigste Frontlinie

Möglicherweise bereitet sich Russland einfach auf eine Verteidigung der Stadt vor, indem es seine Linien zusammenzieht und die Ukraine in eine kostspielige Herbstschlacht verwickelt. Es wird leichter sein, die Stadt zu verteidigen als das offene Land um sie herum, was Kiew in die Zwickmühle bringt, wie viel es auf dem Weg zum Erfolg bereit ist, zu zerstören.

Doch im Moment ist die Stadt die wichtigste Frontlinie in dem seit fast acht Monaten andauernden Krieg, in dem die Ukraine zu Lande die Oberhand zu haben scheint. Russland gerät auch im nordöstlichen Teil der Front weiter unter Druck, wo die Ukraine versucht, nach der Einnahme von Lyman in Richtung Kreminna und Svatove, einem Verkehrsknotenpunkt, vorzustoßen.

Russland hat eine halbe Million Wehrpflichtige an die Front geschickt, und es gibt erste deprimierende Berichte über Zwangsrekruten, die in Orten wie Lyssytschansk starben, nachdem sie eine minimale oder gar keine Ausbildung erhalten hatten.

Die Fortschritte an der ukrainischen Front sind derzeit zwar nicht rasant, aber stetig, und es ist zu befürchten, dass das unter Druck geratene Russland seine Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastrukturen verstärken wird, da dies die einzige Taktik ist, die aus seiner Sicht Wirkung zeigt.

Dan Sabbagh ist Redakteur für Verteidigung und Sicherheit beim Guardian

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Geschrieben von

Dan Sabbagh | The Guardian

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