Was vom Traum geblieben ist

Bosnien-Herzegowina Die Erfolgsgeschichte der multiethnischen Stadt Brčko droht zu enden. Die Volksgruppen achten wieder mehr auf Abstand
Peter Geoghegan | Ausgabe 27/2014 1

Brčko sieht aus wie jede andere bosnische Kleinstadt. Die bevölkerte Fußgängerzone wird von verräucherten Cafés gesäumt, in denen Kognak und bitterer Kaffee serviert werden. Dazu gibt es eine regionale Spezialität: hochoktavige Turbofolkmusik. Hinter dieser Alltagsfassade verbirgt sich ein ungewöhnliches Experiment. Im imposanten Gebäude des Rathauses, erbaut noch zu Zeiten der Habsburger Monarchie Anfang des 20. Jahrhunderts, sitzt eine Gemeindeversammlung, deren Befugnisse eher denen eines souveränen Staats gleichen. Die Kommune Brčko verwaltet sich beinahe völlig autonom. Neben einem eigenen Schulwesen unterhält die Stadt auch selbstständige Gerichte sowie ein Gesundheitssystem und einen unabhängigen Polizeiapparat.

Im Grunde ist Brčko so etwas wie eine „freie Stadt“ in Europa und hat viel vom Abschied aus dem bosnischen Staat profitiert. Während die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen den Rest des Lands teilweise lähmen, ist die 100.000-Einwohner-Kommune zu einem Musterbeispiel für Multiethnizität geworden. Der Bürgermeister ist Kroate, sein Stellvertreter ein bosnischer Muslem, während ein Serbe zum Sprecher der Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. Ganz neu ist das Konzept einer „freien Stadt“ innerhalb Europas nicht – die Ostseestadt Danzig (heute Gdansk) war zwischen den beiden Weltkriegen halbautonom und wurde vom damaligen Völkerbund verwaltet. Auch das im heutigen Kroatien gelegene Rijeka (früher Fiume) konnte einen ähnlichen Status genießen und stand zwischen Ungarn und Kroatien-Slawonien. Mit Brčko scheint dieses Modell wiederbelebt worden zu sein.

Blumen im Haar

Das ungewöhnliche Arrangement der Volksgruppen verdankt sich jüngster blutiger Geschichte. Als 1992 der Bosnien-Krieg ausbrach, war die in unmittelbarer Nähe zu Kroatien und Serbien gelegene Grenzstadt Brčko vornehmlich bosnisch, aber in einem „Korridor“ gefangen, der zwei große, von Serben gehaltene Gebiete verband – das eine lag im Nordwesten Bosniens, das andere im Osten. Die serbischen Truppen waren auf die Stadt als Transitraum angewiesen und nahmen sie schließlich ein. Die bosnischen Einwohner wurden vertrieben oder zu Hunderten in Lagern interniert. Als es dann 1995 endlich zu Friedensverhandlungen kam, erwies sich die zerrissene, von den Ereignissen gezeichnete Stadt trotz allem als weiterhin begehrt: Sowohl die bosnisch-kroatischen als auch die serbischen Kontingente beanspruchten Brčko für sich. Und das vehement. Fast hätte der Zwist Ende 1995 noch den Dayton-Vertrag scheitern lassen, mit dem der Konflikt um Bosnien endgültig eingedämmt wurde.

Erst 1999 verkündete dann US-Vermittler Robert Owen einen kontroversen Schiedsspruch: Brčko würde formell zu beiden Teilen des neuen Staats Bosnien-Herzegowina gehören – zur bosnisch-kroatischen Föderation wie zur Republika Srpska. Zugleich würde es aber eine separate, „gemischte“ Entität darstellen. „Brčko-District“ – so das direkt aus dem US-Verwaltungsjargon übernommene Label – war geboren und fand sich unter internationale Aufsicht gestellt. Daraus entstand ein Experiment in Multiethnizität für Menschen, deren Leben durch ethnisch motivierten Hass zerstört oder schwer beeinträchtigt worden war.

Während ab 1995/96 in Bosnien-Herzegowina Schüler verschiedener Bevölkerungsgruppen getrennt voneinander unterrichtet wurden, schlug man in Brčko einen anderen Weg ein. Hier lernen bis heute Serben, Bosnier und Kroaten nach einem Lehrplan und sitzen bei einigen Fächern im gleichen Klassenraum. Was daraus werden kann, lässt sich in der an der Peripherie gelegenen Šesta-Grundschule besichtigen: Mädchen in traditionellen Kleidern und mit Blumen im Haar wirbeln durch einen bosnischen Volkstanz, bis die Musik nahtlos in eine schnellere serbische Weise übergeht. Die auf Holzbänken platzierten Eltern klatschen, jubeln und fotografieren mit ihren Smartphones. „Es gibt keine Unterschiede zwischen uns. Wir sind alle gleich“, freut sich die 15-jährige Emira Alić. Ihre bosnischen Eltern flohen in den Jahren des Kriegs aus Brčko und kehrten erst 2003 zurück. Im Herbst wird Emira auf eine gemischte weiterführende Schule wechseln. Sie träumt davon, Lehrerin zu werden.

Nicht nur bei der Bildung war man in Brčko erfolgreich. Anfangs pumpte die internationale Gemeinschaft, die großes Interesse daran hatte, die „freie Stadt“ nicht scheitern zu lassen, jede Menge Geld nach Brčko, ließ zwischen 2001 und 2004 über 200 Kilometer Straßen bauen und half, etwa 8.000 neue Jobs zu schaffen. Tausende kehrten allein schon deshalb in die Stadt zurück, weil dort bessere Löhne gezahlt wurden und die Arbeitsbedingungen angenehmer waren als sonst irgendwo in Bosnien-Herzegowina.

Aus dem Arizona-Markt in Brčko – nach dem Krieg ein Umschlagplatz für Drogen, Prostituierte, Waffen und gefälschte Banknoten – wurde ein lizensierter und gepflegter Basar. Während andere bosnische Städte im Nachkriegssiechtum verfielen, wurde aus der am stärksten von der Teilung betroffenen Stadt Bosniens eine multikulturelle Oase, die allerdings nichts weniger verträgt, als idealisiert zu werden.

„Wir sind ein Leuchtturm“, glaubt Ismet Dedeić von der bosnischen Partei Union für ein besseres Bosnien und Herzegowina. „Jeder, der zurückkehren wollte, konnte dies ohne Reglementierung tun. Statt als Bosnier, Kroaten oder Serben empfinden sich die Einwohner Brčkos überwiegend als Bürger dieses Distrikts.“

Jeder kennt jeden

Obwohl Brčko zu den am stärksten durchmischten Städten Bosniens zählt, mehren sich dennoch die Zeichen der Spaltung. Eine auffallende Selbstsegregation greift um sich. Die rot-weiß-blaue serbische Fahne weht über dem Glockenturm einer orthodoxen Kirche. An einer Bushaltestelle prangt das Graffito einer bosnischen Lilie. Das neue, ursprünglich multiethnische Siedlungsprojekt im Stadtteil Ilićka ist inzwischen beinahe ausschließlich von Serben bewohnt. Die dorthin zurückgekehrten Bosnier und Kroaten haben die Häuser verkauft, die ihnen übergeben wurden. Auch gelang es der Gemeindeversammlung nicht, sich auf ein gemeinsames Mahnmal zur Erinnerung an die bleiernen Jahre zwischen 1992 und 1995 zu einigen. Nun steht am Rathaus ein bosnisch-kroatisches Monument, und neben einem in der Nähe gelegenen Hotel fordert eine Skulptur zum Gedenken an gefallene Serben auf.

Derartige Episoden einer ethnischen Politik, die Nachkriegsbosnien so sehr schadet, sind auch in Brčko zur Normalität geworden. Erst Ende Mai hat die Stadtverordnetenversammlung ein Gesetz erlassen, das vorschreibt, Personalausweise und Führerscheine müssten Angaben darüber enthalten, ob es sich bei den Inhabern um Bürger der Republika Srpska oder der von Bosniern und Kroaten dominierten Föderation handelt. Dieses Gebot soll offenbar jene 30.000 Bürger Brčkos, die sich bislang zu keiner der beiden Entitäten bekannt haben, ermuntern, eine Staatsbürgerschaft anzunehmen, um wählen zu können.

Daraus lässt sich politischer Profit schlagen – den größten Nutzen von mehr registrierten Wählern könnten die ethnisch definierten Parteien haben. Unter anderem deshalb hat Mujo Hadžić, ein Beamter des Distrikts, gegen dieses Dekret geklagt.

Auch der Korruption werde durch diesen Versuch erneuter Ethnisierung von Politik Vorschub geleistet, meint Goran Lujić, der Polizeichef von Brčko. „Da hier unter so wenigen Menschen so viele nationale Mächte konzentriert sind, ist die in Bosnien ohnehin gängige Bestechung noch mehr verbreitet. Jeder kennt jeden. Das kann ein Problem sein.“

Zur Nachahmung empfohlen

Mit anderen Worten: Die Zukunft Brčkos ist ungewiss. Die Befugnisse des internationalen Kommissars, der einst destruktive Gesetze blockieren konnte, sind seit 2012 arg beschnitten. Überhaupt will die internationale Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina immer weniger involviert sein.

Und obschon Brčko einst die erfolgreichste Stadt dieses Zwei-Staaten-Provisoriums war – der Etat liegt immer noch über dem anderer Kommunen vergleichbarer Größenordnung –, ist sie nicht immun gegen die Wirtschaftskrise, die das Land beutelt. Die Löhne liegen im Schnitt nur bei umgerechnet 200 Euro. Im Februar gab es Proteste, am Stadthaus kleben noch die Spuren von Eiern, die wütenden Demonstranten als Wurfobjekte dienten. Jener Aufruhr hatte zwar keine ethnische Komponente, dennoch könnte jede Änderung an Brčkos einzigartigem Status wieder von völkischen Motiven genährte Spannungen schüren.

Tamir Waser, der allgegenwärtige Brčko-Kommissar, ist überzeugt, das Modell der „freien Stadt“ sei trotz allem nicht bedroht: „Im Großen und Ganzen empfiehlt es sich zur Nachahmung. Das gilt nach wie vor.“ Matthew Parish, einst Rechtsberater des Kommissars, sieht das anders: „Der multiethnische Traum, den der Brčko-Distrikt einst darstellte, hat sich schon nach den ersten Wahlen im Jahr 2004 in Wohlgefallen aufgelöst.“ Parish, der das Buch A Free City in the Balkans geschrieben hat, fällt ein ernüchterndes Urteil: „Die Multiethnizität ist nur noch Firnis – darunter ist nichts mehr.“

Fadil Redžić meint, so einfach sei es dann doch nicht. Er saß Monate in einem serbischen Lager für Bosnier und Kroaten im Hafen von Brčko. Heute ist er Präsident des Brčkoer Zweigs des Verbands der Konzentrationslagerinsassen Bosnien-Herzegowinas. „Brčko ist Brčko. Hier entwickeln sich die Dinge anders“, sagt er, umgeben von grobkörnigen Farbaufnahmen von Opfern des Lagers. Im kommenden Monat wird im Hafen ein teils von der Stadtversammlung finanziertes Museum eröffnen. „Im Vergleich zu anderen Städten ist es hier aber sehr viel besser. Die Leute kooperieren und verbringen viel Zeit zusammen.“

Brčko wird wohl einmalig bleiben. Dennoch kann die Nachkriegsgeschichte dieser Stadt einiges über die Lebensfähigkeit „gemischter“ Agglomerationen in Ländern lehren, die von ethnischen Konflikten gespalten sind. In der Šesta-Grundschule erklärt der 14-jährige Stefan Tomić, zwar würden in dieser Stadt Schüler gemeinsam unterrichtet, für die Fächer Religion und Muttersprache aber getrennt. Als Stefan sich zur Serbischstunde aufmacht, gehen seine bosnischen Freunde in die Bibliothek zum Bosnischunterricht. „Wir sind eine kleine Klasse. Wenn wir getrennt sind, sind wir sogar noch weniger. Das macht keinen Spaß“, sagt Stefan. „Mir gefällt es am besten, wenn wir alle zusammen sind.“

Peter Geoghegan ist freier Autor und besonders mit Büchern über den Nordirland-Konflikt bekannt geworden

Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 16.07.2014
Geschrieben von

Peter Geoghegan | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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