Was weiß er über Dich?

Stalking 2.0 Sie stellen Opfern im Netz nach: Cyberstalker nennen willkürliche Nutzer Pädophile: Die Schäden sind so dramatisch wie in der realen Welt

Vor diesem Augenblick hatte sich Roland Reed schon lange gefürchtet. „Ich habe Dich gerade eben gegoogelt, Dad“, begann die Mail seiner Tochter. „Warum sagen all diese Leute im Netz solch schreckliche Dinge über Dich?“ Reed verließ sein Büro, holte tief Luft und wählte die Nummer seiner Tochter. So ruhig wie möglich erklärte er ihr, dass er kein Pädophiler sei, sondern es im Internet jemand auf ihn abgesehen habe. Ein Cyberstalker hatte sich Reed als Opfer auserkoren, offenbar völlig willkürlich. „Ich habe ihr gesagt, das sei nur irgendein Verrückter, sie solle ihn ignorieren“, sagt er.

Er aber konnte dies nicht. Jede Nacht ging er ins Internet, um zu sehen, was der Stalker an diesem Tag wieder unternommen hatte, um Reeds Ruf zu ruinieren. Die Anschuldigungen verbreiteten sich schleichend von einem Internet-Forum zum nächsten und er konnte nichts tun, um der Sache ein Ende zu bereiten: selbst wenn er die Zeit gehabt hätte, den Moderator jeder Seite einzeln zu kontaktieren – wenn es denn überhaupt einen gab –, hätte er sich nichts davon versprochen. Sein Stakler postete von einem nicht zu identifizierenden Proxy-Server aus. Er würde einfach an anderer Stelle unter einem neuen Nick auftauchen. Außerdem wollte er nicht zeigen, dass ihm das Ganze etwas ausmachte und den Täter dadurch möglicherweise noch zusätzlich anstacheln.


Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs schadet natürlich jedem, aber für den 42-jährigen Jugendhelfer Reed war es eine Katastrophe. Er hatte seinen Chef bereits vorgewarnt, dass jemand eine Verleumdungskampagne gegen ihn angezettelt hat und auf mehreren Seiten im Internet behauptet, er würde Kinder belästigen, um diese Behauptungen dann unter anderen Decknamen zu bestätigen. Zum Glück glaubte ihm sein Chef. Was aber ist mit den anderen, die aus reiner Langeweile seinen Namen in eine Suchmaschine eingaben? „Jedes Mal, wenn ein Arbeitskollege mich merkwürdig ansieht, frage ich mich, ob er im Netz dieses Zeug über mich gefunden hat“, sagt Reed, der bis zum heutigen Tag terrorisiert wird.

Cyberstalking hat viel mit seinem Offline-Pendant gemeinsam. Aber während Stalker im „echten Leben“ ihre Opfer fast immer kennen – für gewöhnlich gut, manchmal aber auch nur flüchtig –, so nehmen im Netz die meisten Stalker ihre Opfer aus keinem erkennbaren Grund ins Visier, wie Reed zu seinem zusätzlichen Entsetzen feststellen musste. Mit Cyberstalking bezeichnet man jede wiederholte Handlung, die dazu führt, dass eine andere Person sich unwohl oder bedroht fühlt. Das können unerwünschte E-Mails, Spams oder das Anlegen eines Dossiers mit persönlichen Informationen über eine bestimmte Person sein, um diese zu bedrohen oder anderweitig zu belästigen. Es kann auch bedeuten, dass man sich online als sein Opfer ausgibt und in einem sozialen Netzwerk eine Seite oder eine Internetadresse mit dessen Namen oder einem diesem ähnlichen einrichtet. Es kann auch, wie im Falle Reeds, eine Verleumdungskampagne im Netz bedeuten.

Die Hälfte aller Stalker benutzt nach Untersuchungen der Kriminalpsychologin Dr. Lorraine Sheridan und dem Network for Surviving Stalking (NSS) im vergangenen Jahr mittlerweile das Internet, um ihre Opfer zu kontaktieren oder anzugreifen. Die Untersuchung ergab, dass Cyberstalking für das Opfer die gleichen negativen Folgen hat wie Stalking in der wirklichen Welt...und fast alle medizinischen und psychologischen sowie die meisten der sozialen und finanziellen Auswirkungen gleich sind: Auch hier kommt es zu Selbstmordversuchen, Aggression, Paranoia, dem Zerbrechen von Beziehungen, die Opfer wechseln die Wohnung und haben zudem Ausgaben für Therapie und Beratung.

Auch Reed hält Cyberstalking nicht für harmloser als andere Formen der Nachstellung. „Es ist genauso verletzend. Dass es sich um einen gesichtslosen Feigling handelt, der sich hinter der Anonymität des Internet versteckt, ist frustrierend. Das erlaubt ihnen, Dinge zu sagen und zu tun, mit denen sie im echten Leben nie durchkommen würden.“ Und weil es leichter ist, jemanden über das Internet zu terrorisieren, gleichzeitig aber schwerer, die Wirkung seines Handelns einzuschätzen, neigen Cyberstalker dazu, in ihrem Tun immer weiter zu gehen, sagt Sheridan.

Bei Dingen, die im echten Leben eindeutig als Überschreitung einer Grenze gelten, scheint im Netz Unklarheit zu herrschen, sagt Dr. Emma Short, Psychologin an der Universität von Bedfordshire, die am vergangenen Freitag eines der umfangreichsten Forschungsprojekte zum Thema Cyberstalking begonnen hat. „Es gibt recht viele Leute, die es akzeptabel finden, kompromittierende Fotos ihrer Ex-Partner ins Netz zu stellen, sie würden aber nie daran denken, diese Bilder auszudrucken und sich an die Tür zu hängen. Meine Untersuchungen haben gezeigt, dass jeder eine Vorstellung davon hat, welche Regeln im Internet herrschen. Das Problem besteht nur darin, dass jeder seine eigenen Ideen hat und diese graduell voneinander abweichen. Neulich erzählte mir eine Studentin während einer Vorlesung, sie denke daran, die Polizei einzuschalten, weil ihr Ex graphische Darstellungen von ihr auf Facebook gepostet habe. Daraufhin meldete sich eine andere Studentin und sagte, sie habe erst vor kurzem genau das gleiche mit ihrem Ex gemacht. Das sei in Ordnung, das habe der verdient.“


Reeds Martyrium begann vor zwei Jahren, als er und seine Frau darüber nachdachten, sich in Frankreich ein Haus zu kaufen. Weil er sich in Bezug auf die Logistik nicht sicher war, recherchierte Reed ein wenig und stolperte über ein Internetforum für Briten, die sich Immobilien im Ausland zulegen wollen. In einem öffentlichen Posting stellte er sich den anderen Mitgliedern kurz mit seinem Vornamen vor und bat um Tipps über den französischen Immobilienmarkt. Ein paar Tage später erhielt er über die Seite eine Droh-Mail. „Ich dachte mir nur, es handle sich um einen gelangweilten Teenager und schrieb ihm eine Mail zurück, in der ich ihn dazu aufforderte, das in Zukunft sein zu lassen. Ich dachte, die Sache habe sich damit erledigt.“ Heute glaubt er, dass es ein Fehler war, zu antworten. „Ich zeigte ihm, dass ich Notiz von ihm genommen hatte.“ Bald schon erhielt er weitere Mails mit Beschimpfungen und Morddrohungen vom gleichen Absender. Eines Tages eröffnete der Stalker Reed in einer privaten E-Mail, dass er Reeds volle Identität in Erfahrung gebracht habe und nannte ihm auch prompt seine Adresse, sein Geburtsdatum und den Namen seiner Frau. Alles stimmte. „Ich war entsetzt darüber, dass er so weit ging und Informationen über jemanden einholte, den er gar nicht kannte. Es gab einfach überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund dafür.“

Aber es wurde noch schlimmer. „Eines Tages rief mich ein Freund an und fragte mich, warum Leute im Netz Dinge über mich verbreiten. Ich hatte keine Ahnung, also riet er mir, meinen Namen zu googeln.“ In einem Nachrichten-Forum beschuldigten ihn eine Reihe von Leute der Pädophilie. Schnell wurde ihm klar, dass die Nachrichten von derselben Person stammen mussten. „In allen fanden sich dieselben grammatikalischen Fehler, Phrasen und Wörter, die ich auch von den E-Mails kannte“, so Reed.

Opfer, die in Sheridans Studie zitiert werden, beschreiben, wie ihre Stalker sich auf Sex-Seiten unter ihrem Namen eingeloggt haben und intime Details an Fremde weitergaben. Viele erzählen von gehackten E-Mail-Accounts, gefakten Facebook-Seiten und anstößigen E-Mails, die in ihrem Namen an dritte verschickt wurden. Reed versuchte, sämtliche im Netz zugänglichen Informationen über sich zu entfernen, um zu verhindern, dass der Stalker noch mehr über ihn herausfindet. Deshalb weihte er auch seinen Chef ein und bat darum, seinen Namen von allen elektronischen Newslettern zu entfernen, die seine Jugendarbeitsprojekte erwähnen oder Bilder von ihm enthalten könnten. „Aber man kann dritte nicht daran hindern, dass sie ohne böse Absicht Informationen über einen veröffentlichen. Man kann nicht verhindern, dass sich im Netz etwas über einen findet.“

Nachdem er juristischen Rat eingeholt hatte, entschied er, dass es sich nicht lohne, zur Polizei zu gehen. „Der Stalker befindet sich im Ausland in einem anderen Rechtsraum und es gibt keine Garantie dafür, dass die zuständige Polizei etwas gegen ihn unternehmen könnte. Ich muss einfach hoffen, dass es ihm irgendwann zu langweilig wird und er aufhört. Das ist auch der Grund, weshalb ich die Moderatoren der Foren nicht bitte, den Dreck zu löschen, denn das würde ihn neu motivieren.“

Niemals den wahren Namen nennen

Nach Garry Shewan von der britischen Association of Chief Police Officers ist die mangelnde Anzeigebereitschaft aber ein großes Problem. „Wir können Stalking-Opfer nur dazu auffordern und ermutigen, Polizei und Opfervereine um Hilfe zu bitten. „Die Polizei hoffe auch, im kommenden Jahr mit Internet-Providern zusammenarbeiten zu können und diese dazu zu bewegen, den Usern die Meldung von Verstößen zu erleichtern. Jeder sollte seiner Meinung nach genau darüber nachdenken, welche persönlichen Informationen er online stellt. Ein Satz, den die Opfer ausnahmslos bestätigen. „Offenbaren Sie nie ihren wahren Namen, nicht einmal ihren Vornamen und nie ihren Beruf oder Wohnort. Am besten nicht einmal Ihr Geschlecht. In keinem Fall Fotos.“

Wir befinden uns in einer Art Grauzone, meint Susan Short, in der die Menschen sich nicht wirklich gefährdet fühlen. „In gewisser Weise ist es ein wenig so, wie damals, als die HIV/Aids-Kampagne anlief und niemand glaubte, ihm könne so etwas passieren. Die Menschen müssen lernen, das Risiko zu verstehen, das mit manchen ihrer Online-Aktivitäten einhergeht und ihr Verhalten entsprechend ändern.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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17:00 27.09.2010
Geschrieben von

Helen Pidd | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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