Was wir über Covid-19 wissen – und was nicht

Hörensagen Soziale Netzwerke und Gruppenchats sind voller Legenden über das Coronavirus. Sechs davon wollen wir hier aufklären
Was wir über Covid-19 wissen – und was nicht
Helfen Atemschutzmasken? Oder helfen sie nicht?

Foto: Mladen Antonov/AFP/Getty Images

Behauptung: ‚Gesichtsmasken bringen eh nichts‘

Das Tragen einer Gesichtsmaske ist sicherlich keine hieb- und stichfeste Garantie dafür, nicht zu erkranken – Viren werden auch über die Augen übertragen und winzige virale Teilchen, so genannte Aerosolpartikel, können durch Masken dringen. Aber solcher Gesichtsschutz kann effektiv Tröpfchen abhalten und damit einen der Hauptübertragungswege des Coronavirus verhindern. Laut einigen Studien ist der Schutz fünf mal höher als ohne Barriere (wobei andere Studien von einer niedrigeren Effektivät ausgehen).

Besteht die Wahrscheinlichkeit, in engen Kontakt mit einer infizierten Person zu kommen, verringert die Maske also die Gefahr, dass die Krankheit weitergegeben wird. Weist man selbst Corona-Symptome auf oder ist die Krankheit diagnostiziert, kann das Tragen einer Gesichtsmaske wiederum andere schützen. Daher sind Masken essentiell für medizinisches Personal und Sozialarbeiter, die sich um Patienten kümmern. Empfohlen werden sie auch für Familienmitglieder, die eine kranke Person versorgen müssen. Dann sollten idealerweise sowohl der Patient oder die Patientin als auch die betreuende Person eine Maske tragen.

Läuft man dagegen nur in der Stadt herum oder fährt mit dem Bus, wird es kaum einen großen Unterschied machen, ob man eine Maske trägt oder nicht. Einen großen Vorrat anzulegen, ist daher nicht notwendig.

Behauptung: ‚Das Virus mutiert bald in eine tödlichere Variante‘

Alle Viren entwickeln mit der Zeit Mutationen und das Virus, das Covid-19 verursacht, ist da keine Ausnahme. Wie weit sich unterschiedliche Virenstämme ausbreiten, ist eine Frage der natürlichen Selektion. Die Varianten, die sich am schnellsten verbreiten und sich im Körper effektiv vermehren, werden die „erfolgreichsten“ sein. Das bedeutet allerdings nicht notwendig, dass sie am gefährlichsten für den Menschen sind. Denn Viren, die Menschen schnell töten oder so krank machen, dass sie außer Gefecht gesetzt sind, werden weniger wahrscheinlich weiterverbreitet.

Eine genetische Analyse von 103 Proben des Virus durch chinesische Wissenschaftler ergab, dass anfangs zwei Hauptstämme auftauchten, die mit L und S bezeichnet wurden. Obwohl der L-Stamm häufiger vorzukommen schien als der S-Stamm (rund 70 Prozent der Proben gehörten zum ersteren), zeigte sich, dass die S-Variante des Virus die ältere Version war.

Laut dem Forschungsteam könnte das darauf hinweisen, dass der L-Stamm „aggressiver“ ist, also leichter übertragen wird oder sich schneller im Körper vermehrt.

Aber bisher ist diese Theorie reine Spekulation. Es gab noch keine direkten Vergleiche, um herauszufinden, ob Menschen, die eine der beiden Virus-Versionen in sich tragen, ansteckender sind oder an schwereren Symptomen leiden.

Behauptung: ‚Corona ist nicht gefährlicher als eine ordinäre Grippe‘

Viele Menschen, die sich mit dem Coronavirus anstecken, werden nicht mehr Symptome haben als bei einer saisonalen Grippe. Aber das Gesamtprofil der Krankheit, inklusive seiner Sterblichkeitsrate, sieht ernster aus. Zu Beginn des Ausbruchs einer neuen Krankheit kann die scheinbare Sterblichkeitsrate leicht überschätzt werden, wenn viele mild verlaufende Fälle nicht erkannt werden. Aber laut WHO-Experte Bruce Aylward, der eine internationale Mission in China leitete, um sich über den Virus und die Maßnahmen des Landes gegen seine Ausbreitung zu informieren, ist das bei Covid-19 nicht der Fall. Die Beweislage deutete nicht darauf hin, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen. Wenn sich das durch weitere Tests bestätigt, könnten die derzeitigen Schätzungen von rund 1 Prozent richtig liegen. Dann wäre Covid-19 rund zehn Mal so tödlich wie eine saisonale Grippe, an der weltweit geschätzt jedes Jahr zwischen 290.000 und 650.000 Menschen sterben.

Behauptung: ‚Covid-19 ist nur für Ältere tödlich – Jüngere können sich entspannen‘

Die meisten Menschen, die nicht älter sind und keine gesundheitlichen Vorbelastungen haben, werden von Covid-19 nicht lebensgefährlich krank. Aber die Krankheit führt dennoch mit höherer Wahrscheinlichkeit zu ernsthaften Atemwegsbeschwerden als eine saisonale Grippe. Außerdem gibt es weitere Risiko-Gruppen: Mitarbeiter im Gesundheitssystem etwa sind gefährdeter, weil sie dem Virus wahrscheinlich stärker ausgesetzt sind. Was junge und gesunde Menschen tun – etwa über Symptome berichten und Quarantänevorgaben einhalten –, wird eine wichtige Rolle dabei spielen, die am meisten Gefährdeten in der Gesellschaft zu schützen und die Verlaufskurve des Corona-Ausbruchs zu beeinflussen.

Behauptung: ‚Man muss mindestens zehn Minuten mit einer infizierten Person verbracht haben, um sich anstecken zu können‘

Laut einigen Krankenhausrichtlinien war man der Grippe in gefährlichem Maße ausgesetzt, wenn man sich mindestens zehn Minuten weniger als zwei Meter von einer ansteckenden Person aufgehalten hat, die niest oder hustet. Allerdings ist es auch möglich, sich durch kürzere Interaktionen zu infizieren oder sich den Virus durch Schmierinfektion über betroffene Oberflächen zu holen – selbst wenn das als der weniger häufige Übertragungsweg gilt.

Behauptung: ‚In ein paar Monaten gibt es eh einen Impfstoff‘

Unterstützt durch die frühe Veröffentlichung der Gensequenz durch chinesische Forscher saßen Wissenschaftler schnell in den Startlöchern, um nach einem Impfstoff gegen Corona zu suchen. An der Entwicklung eines tragfähigen Impfstoffs wird auch weiter mit Hochdruck gearbeitet. Verschiedene Expertenteams testen mögliche Optionen in Tierversuchen. Aber der notwendige schrittweise Überprüfungsprozess vor der Markteinführung eines Impfstoffs ist noch ein langwieriges Unterfangen. Und ein nötiges dazu: Nur so lässt sich sicherstellen, dass auch seltene Nebenwirkungen entdeckt werden. Wäre innerhalb eines Jahres ein kommerziell vertriebener Impfstoff erhältlich, wäre das schnell.

Hannah Devlin ist Wissenschaftsredakteurin des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
17:43 20.03.2020
Geschrieben von

Hannah Devlin | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 13/2020

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