Was wollen sie wirklich?

Davos Die Corbyn-Anhänger kanalisieren ein weit verbreitetes Gefühl, dass der Kapitalismus nicht funktioniert. Doch was auf ihnen folgen soll, sagen sie nicht
Was wollen sie wirklich?
Wie viele Berührungsängste mit dem Kapitalismus haben die Corbynistas wirklich?

Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP/Getty Images

Ein Retreat für die internationale Business-Elite in den Schweizer Bergen ist nicht der naheliegendste Ort für eingeschworene Gegner des Kapitalismus. Hier verbringt man seine Zeit für gewöhnlich eher mit künftigen europäischen Finanzministern. Dass John McDonnell beides vereint, macht ihn zu einem der exotischeren Gäste auf dem Weltwirtschaftsforum, das in dieser Woche in Davos stattfindet.

McDonnells Anwesenheit ist heute weniger überraschend als sie es noch vor ein paar Jahren gewesen wäre. Als der Schatten-Finanzminister und sein Freund Jeremy Corbyn noch rebellische Labour-Hinterbänkler waren, hatten sie noch keine Zeit, um mit den Oligarchen aller Länder in den Alpen exklusive Partys zu feiern. (Davon abgesehen hat sie früher auch niemand eingeladen.) Während die alte Verachtung noch nicht vergessen sein dürfte, hat die realistische Aussicht darauf, in nicht allzu ferner Zukunft Regierungsverantwortung zu übernehmen – was keiner der beiden vor der Wahl im vergangenen Jahr für möglich gehalten hätte – den Ton um gewisse Nuancen verändert. Einem Sprecher zufolge reist McDonnell in die Schweiz, „um Labours Vision für einen alternativen ökonomischen Ansatz zu erläutern, mit dem das gegenwärtige kapitalistische Modell ersetzt werden soll“.

Von einem Mann, der die sozialistische Revolution früher einmal gar nicht erwarten konnte, klingt das schon recht gemäßigt. Labours Top-Team lässt bei seinen Zuhörerinnen und Zuhörern keinen Zweifel daran, dass sie von Märkten und dem privaten Sektor nicht viel halten, doch je näher sie der Regierungsverantwortung kommen, desto zurückhaltender werden sie bei der Frage, wie viel von beidem zugelassen werden sollte. Soll der Kapitalismus repariert oder soll er überwunden werden?

Der Status quo ist ungerecht

Zum Schrecken der Konservativen klingt Corbyn diesbezüglich stets vollkommen moderat. Angriffe auf den Labour-Chef als einen mit Terroristen sympathisierenden Bolschewiken haben ihr Ziel bislang verfehlt. Eine verbreitete Erklärung für dieses Scheitern in Tory-Kreisen lautet, dass die jüngeren Generationen die Segnungen des freien Marktes für selbstverständlich erachten und daher leicht von den Sirenen des Anti-Kapitalismus verführt werden können. Dieser Sicht zufolge könnten Erinnerungen an die Gräueltaten Stalins und Maos Corbyn-Anhängerinnen und -Anhänger aus ihren verheerenden utopischen Träumen reißen.

Millenials haben keine eigene Erinnerung an die Diktatur des Proletariats und können mit der Regierung Theresa Mays nichts anfangen. Das bedeutet nicht, dass das es hier einen kausalen Zusammenhang gäbe, und es gibt zahlreiche ältere Labour-Anhänger, die sich an den Kalten Krieg erinnern können, ohne dies zur Grundlage ihrer Wahlentscheidung zu machen. Ein sinnvollerer Weg, um auf das Verhältnis der britischen Linken zum Kapitalismus zu blicken, ist eine Art generalisierter kultureller Skeptizismus, den man „Kapiskeptizismus“ nennen könnte. Er besteht aus dem starken Gefühl, dass der Status quo ungerecht ist, ohne dass man irgendeiner konkreten Theorie anhängt, wie er ersetzt werden sollte.

Die kapiskeptische Sicht des Kapitalismus weist Analogien zur der europskeptischen Haltung gegenüber der EU auf, die in Britannien vor dem Brexit herrschte. Man war davon überzeugt, dass die EU nichts taugt, war sich der Konsequenzen eines Austritts aber nicht bewusst. Der Unterschied zwischen unverbindlichem kulturellem Missfallen und der Bereitschaft zur ideologischen Vernichtung wurde erst deutlich, als eine Abstimmung eine Entscheidung erzwang.

Um die Analogie weiter zu treiben: Das Verhältnis der Kapiskeptiker zum Marxismus entspricht eher dem Verhältnis zwischen den Eurosekeptikern und dem ausländerfeindlichen Nationalismus a la Ukip. Es gibt Überschneidungen. Es gibt aber auch Angehörige der einen Gruppe, die die andere verabscheuen und die sich empören, wenn Kritiker sie über einen Kamm scheren. Genau wie die Remainer sich keinen Gefallen damit taten, jeden Leaver als durchgeknallten Farage-Fan darzustellen, tun die Verteidiger des freien Marktes von heute Unrecht, wenn sie kapitalismusskeptische Wähler wie hohläugige Leninisten behandeln.

Hammer und Sichel

Natürlich sind auf Corbyn-Veranstaltungen genügend Hämmer und Sicheln zu sehen, dass einem Liberalen bange werden kann. Aber diese Fahnen werden meisten von älteren Anhängern mit gefestigten politischen Überzeugungen getragen. Sie mit einzubeziehen, wird Labour im Laufe der Zeit sicherlich schaden, genauso wie es unklug von May war, Teile von Ukips politischer DNA in das Tory-Genom zu verpflanzen. Doch in den zerlesenen Ausgaben des Kleinen Roten Buches findet sich keine Beschreibung der breiteren Stimmung, die Corbyn anspricht.

Der moderne Kapiskeptiker vereint einen kapitalistischen Lebensstil mit der Überzeugung, dass Großbritanniens Wirtschaftsordnung ein Motor der Ungerechtigkeit ist. Ich habe sie an Orten getroffen, an denen ich sie nicht erwartet hätte: in der Werbung, in Banken, im öffentlichen Dienst. Viele tun sich schwer, sich Corbyn als Premierminister vorzustellen, finden aber, dass er Recht hat. Sie spüren, wie verrückt unser völlig dysfunktionaler Wohnungsmarkt geworden ist und finden es unfair, dass Bosse selbst dann noch Boni kassieren, wenn sie ihr Unternehmen an die Wand gefahren haben. Sie sehen, dass für Reiche andere Regeln gelten. Das macht sie aber noch nicht zu Leuten, die die Sowjetunion wiederhaben wollen. Kapiskeptiker finden wahrscheinlich auch die Kontrolle nicht gut, die Großunternehmen über jeden Aspekt unseres Lebens gewonnen haben, während sie sich gleichzeitig ein Leben ohne die Dienste dieser Unternehmen kaum vorstellen können.

Diese Einstellung kann man als inkohärentes Geplapper einer verwöhnten Generation verspotten – die Cortados trinkenden Kämpfer für die soziale Gerechtigkeit, die auf ihren immer griffbereiten Iphones auf Facebook Mems über die Tyrannei von Facebook teilt. Auf die Heuchelei der Kapitalismuskritikerinnen und Kritiker hinzuweisen, die dessen materielle Wohltaten zu schätzen wissen, gehört zum Zeitvertreib selbstgefälliger Konservativer. Etwas nachdenklichere Torys versuchen sich zwar ernsthaft mit der neuen Stimmung auseinanderzusetzen, ihre Anstrengungen werden aber davon behindert, dass sie sich einfach nicht vorstellen können, dass jemand ernsthaft an den Vorzügen der freien kapitalistischen Marktwirtschaft zweifeln könnte. May stichelte am Wochenende ein wenig gegen skrupellose Bosse, tat dies aber mit einem Vokabular, das so sehr durch die Rechtfertigung der Privatwirtschaft belastet ist, dass schwer zu verstehen war, worauf sie damit eigentlich hinauswollte.

Die Unbestimmtheit kapiskeptischer Politik muss hinterfragt werden, bevor sie zum Regierungsethos wird. Der Brexit hat gelehrt, dass es einfacher ist, den Unmut gegen ein System anzuhäufen, als Alternativen zu formulieren. Als die verhasste EU erst einmal abgelehnt war, erwies sich der Impuls der Ablehnung als das einzige, was die Skeptiker gemein hatten. Für alle einen Ersatz zu finden, der sie zufrieden stellt, hat sich als unmöglich erwiesen.

Wo steht Labour wirklich?

Pro-Europäer konnten feststellen, dass der Skeptizismus ein schwer zu fassender Gegner ist. Er ernährt sich von unbestimmter Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber der Obrigkeit, ohne ein Bekenntnis zu einer bestimmten Politik einzufordern. Wenn er in einer Kultur Fuß fasst, ist es nicht einfach, ihn zu widerlegen, indem Politiker den Skeptikern erzählen, die Dinge seien nicht so schlimm, wie es scheine, oder dass die Rezepte der Opposition noch schlimmer wären.

Auf den hinteren Seiten findet sich bei Corbyn viel Kritik am Kapitalismus, er spricht aber nicht davon, ihn abschaffen zu wollen. Der Frage, ob dies letztlich doch sein Ziel ist, das er nur unter dem Deckel hält, weil er Angst hat, Wähler zu verschrecken, weicht er aus. Wenn ihm vorgeworfen wird, mit Extremisten gemeinsame Sache zu machen, dann erkennen seine Anhänger nicht, dass sie selbst gemeint sein könnten und sehen in den jüngsten Reden ihres Vorsitzenden keine Anhaltspunkte dafür. Sie hören, dass er sich gegen die Austeritätspolitik ausspricht, gegen den Neoliberalismus, gegen exzessive Privatisierungen und die Gier der Unternehmen – all diese Dinge können als Symptome eines Systems gesehen werden, das dringend reparaturbedürftig ist – oder als Synonyme für ein System, das vollständig überwunden werden muss. Das Ausmaß von Corbyns Radikalismus – ob er Reformen will oder die Revolution – eine Hinwendung zur kontinentalen Sozialdemokratie oder etwas Extremeres – liegt im Auge des Betrachters.

Es gibt in Britannien keine Mehrheit für einen radikalen Anti-Kapitalismus, anscheinend durchleben wir aber einer länger andauernde kapiskeptische Phase. In der Opposition kann der Unterschied verwischt werden, aber nicht in der Regierung. Es wäre hilfreich, vor den nächsten Wahlen zu wissen, wo Labour wirklich steht.

18:01 24.01.2018
Geschrieben von

Rafael Behr | The Guardian

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