Washingtoner Komplott

USA/Iran Der vereitelte Anschlag auf den saudischen Botschafter in Washington wirft viele Fragen auf. Die iranische Al-Quds-Einheit geht eigentlich nicht so unprofessionell vor

Wer auch immer hinter dem Washingtoner Komplott steckte, war bereit, einen Krieg im Nahen Osten zu provozieren. Die Region steht wegen des iranischen Atomprogramms ohnehin am Rande eines bewaffneten Konflikts. Israel ist über die Fortschritte Teherans hin zur Produktion waffenfähigen Materials zunehmend beunruhigt. Darüber hinaus geht aus den geleakten Depeschen des US State Department hervor, dass der saudische König Abdullah die USA wiederholt dazu gedrängt hat, „der Schlange den Kopf abzuschlagen“ und Iran anzugreifen.

Vor diesem Hintergrund hätte ein erfolgreicher Anschlag auf den saudischen Botschafter in Washington, der möglicherweise viele weitere amerikanische Opfer gefordert hätte und vielleicht von einem Anschlag auf die israelische Botschaft begleitet worden wäre, die Region mit Sicherheit in Flammen aufgehen lassen. Die USA beschuldigen die für Auslandseinsätze zuständige Al-Quds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden, der Drahtzieher zu sein. Angesichts des Machtgefüges innerhalb des Teheraner Regimes hätte eine Operation von solch gewaltigen Ausmaßen und Konsequenzen freilich die Zustimmung des Obersten Führers Aytatollah Ali Chamene'i erfordert, der dieser Formation persönlich vorsteht.

Doch wäre Chamene'is Beteiligung gelinde gesagt überraschend. Während seiner gesamten Amtszeit seit dem Tod des Republikgründers Ayatollah Chomeini im Jahr 1989 zeigte Chamene'i sich stets als äußerst vorsichtig und bestrebt, die Macht des klerikalen Regimes zu festigen. „Chamene'is oberste Priorität liegt in der Stabilität seines Regimes, das iranische Atomprogramm rangiert für ihn weit dahinter“, so der iranisch-israelische Guardian-Kommentator Meir Javendafar.

Das stinkt zum Himmel

Eine Spekulation besagt, dass Chamene'i sich durch die innere Opposition so unter Druck gesetzt fühle, dass er möglicherweise einen Angriff provozieren wollte, um sein eigenes Land wieder besser in den Griff zu bekommen. Die Oppositionsbewegung befindet sich momentan freilich in einer Art Schwebezustand, und das Atomprogramm macht Fortschritte, ohne dass irgendetwas auf eine konzertierte Aktion der internationalen Gemeinschaft oder weltweite Unterstützung für einen israelischen Angriff auf die iranischen Anlagen hindeuten würde.

Zudem sieht der Anschlagsplan der Al-Quds nicht ähnlich. Die Einheit ist finanziell gut ausgestattet und genießt bei ihren Aktionen im Ausland große Freiheiten. Sie steht unter Verdacht, am Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in Buenos Aires im Jahr 1994 beteiligt gewesen zu sein, die Hisbollah im Libanon, schiitische Milizen im Irak und sogar die Taliban in Afghanistan finanziell und militärisch zu unterstützen. Im Jahre 2008 ließ Kassim Suleimani, Chef von al-Quds, dem US-Oberbefehlshaber im Irak, General David Petraeus, eine Nachricht zukommen, in dem er dem Empfänger zufolge für sich reklamierte, die iranischen Außenpolitik in der Region zu kontrollieren.
Diese Operationen auf US-Territorium auszuweiten, wäre allerdings ein Schritt von gewaltiger Konsequenz. Die Art und Weise, wie der Anschlag geplant wurde, gibt darüber hinaus zu der Vermutung Anlass, dass die eigentlich hocheffiziente und hochprofessionelle Gruppe die Bodenhaftung verloren hat und so unvorsichtig war, Geld von unter ihrer Kontrolle befindlichen Konten direkt auf amerikanische Bankkonten zu überweisen.

Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer, der über langjährige Erfahrung mit der Al-Quds verfügt, sagte: „Die Sache stinkt zum Himmel. Die Quds sind sehr gut. Sie setzten sich nicht mit Leuten zusammen, die sie nicht kennen und schmieden mit ihnen einen Plan. Sie arbeiten mit Strohmännern und sind dabei hochprofessionell. Wenn Kassim Suleimani es auf Sie oder mich abgesehen hätte, dann wären wir tot. Das sieht ihnen überhaupt nicht ähnlich.“

Das Werk von Fanatikern

Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Operation nur von einer Fraktion innerhalb der Al-Quds organisiert wurde, ohne hierfür den Segen des Obersten Führers zu haben. Mache argumentieren, der Anschlag hätte den Zielen von Präsident Ahmadinedjad gedient, der jüngst einen unblutigen Machtkampf mit Chamenei verloren hat. Wäre das Attentat erfolgreich gewesen, hätte das dramatisch Folgen heraufbeschworen und die starre Hierarchie des Gottesstaates umkehren können – möglicherweise zugunsten Mahmud Ahmadinedjad.
Bei den Verantwortlichen könnte es sich auch um Fanatiker innerhalb des militärischen Establishments handeln, die die Revolutionsgarden an die Spitze der Pyramide des Regimes loten wollen, indem sie offen in den Wettlauf der Produktion von Atomwaffen eintreten und Israel direkt konfrontieren.

Dass der Anschlag vereitelt werden konnte, hat einen bewaffneten Konflikt mit ziemlicher Sicherheit erst einmal verhindert. Die Spannungen in der Region werden sich dennoch verschärfen. Jede noch so entlegene Hoffnung auf eine Wiederaufnahme der Atom-Gespräche ist vorerst gestorben. Stattdessen werden weitere Sanktionen und Resolutionen des UN-Sicherheitsrates auf den Tisch kommen. Es ist denkbar, dass dies Chamene'i zum Einlenken bringt und zu einem Kompromiss führt, der die Gefahr eines Krieges vereitelt. Es könnte ihn aber ebenso gut darin bestärken, das Programm weiter voranzutreiben, weil er sich in die Enge getrieben fühlt. Käme es dazu, könnte dieses bemerkenswerte Komplott schließlich doch seinen Zweck erfüllen und zu einem neuen Konflikt in dieser höchst fragilen Region führen.

Übersetzung: Holger Hutt
14:55 12.10.2011
Geschrieben von

Julian Borger | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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