Waterboarding für Staatsfeinde

Pakistan Verhaftung, Folter, Mord – Tausende von Militär und Geheimdienst gewaltsam Entführte bleiben für immer verschwunden
Waterboarding für Staatsfeinde
„Ich war nicht der, den sie gesucht hatten“. Sie quälten Qayyum dennoch

Foto: Fahim Siddiqi/Getty Images

Die Entführer handelten routiniert. Während Qayyum* und seine Familie schliefen, kletterten zwölf maskierte Soldaten in Uniform per Leiter über das Gartentor in einem wohlhabenden Viertel der Stadt Quetta (Provinz Belutschistan). Sie stürmten ins Haus, weckten die Familie und verlangten Qayyums Ausweis. „Und bringen Sie auch Ihr Handy und Ihren Laptop mit“, bellte ein Offizier. Dann stülpte man Qayyum eine Tüte über den Kopf und zerrte ihn nach draußen in ein abfahrbereites Fahrzeug. Qayyum, ein Mitarbeiter der Regierung, hatte keine Ahnung, warum man ihn abholte, aber er wusste, was vor sich ging. Gewaltsame Entführungen durch ominöse Militäreinheiten sind seit mehr als zwei Jahrzehnten Teil des Lebens in Pakistan. Wer verdächtigt wird, Verbindungen zu Rebellen oder politischen Aktivisten zu haben, wird abgeholt und ohne offiziellen Rechtsweg in Geheimgefängnisse gebracht. Dort können Monate oder gar Jahre der Folter bevorstehen. Manche werden entlassen, andere nie wieder gesehen.

Qayyum erlebte im Inneren eines getarnten Gefängnisses die schlimmsten Wochen seines Lebens. Man zwang ihn, vor einer Folterzelle zu stehen und zu hören, wie andere Häftlinge geschlagen wurden. Männer wurden bewusstlos aus dem Raum getragen, blutig und schlaff, bis er selbst an der Reihe war. „Als ich die Zelle betrat, bekam ein Soldat den Befehl, mich auszuziehen“, erzählt Qayyum. „Ich bat ihn, mir nicht die Ehre zu nehmen, ich weinte und beschwor ihn. Aber man warf mich auf den Boden, und jemand begann, mein Gesäß mit einem Gürtel zu schlagen.“

Nie sah Qayyum die Gesichter seiner Peiniger. Sie peitschten ihn aus, bis er blutete und in Ohnmacht fiel. „Ich hatte das Gefühl, nach dieser Demütigung niemals weiterleben zu können.“ Am nächsten Abend wurde er nochmals in dieselbe Zelle gebracht. Und diesmal stellte ein Polizeioffizier ganz konkrete Fragen: Was er über den Tod von vier Sicherheitsbeamten in Quetta wisse. Ob er sich mit einem Mann namens M. getroffen habe. „Sie wollten immer wieder wissen: ‚Wer ist M? Wann trafen Sie ihn zuletzt?‘ Ich antwortete, es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Ich würde diese Person nicht kennen, ich sei nicht der, den sie suchten. Dann bekam ich Elektroschocks an den Hoden. Als ich hinfiel, machten sie mit dem Elektrokabel am Kopf und am Hals weiter.“ An manchen Abenden wurde sein Kopf in eiskaltes Wasser getaucht, sodass er zu ertrinken glaubte. Und dann immer wieder die gleichen Fragen, die er nicht beantworten konnte. Dennoch hält sich Qayyum für einen der Glücklichen, denn nach Wochen der Folter ließ man ihn gehen. Soldaten warfen ihn eines Abends irgendwo in Quetta aus dem Auto, nicht ohne zuvor gewarnt zu haben, über alles zu schweigen, was passiert sei. „Ich war nicht der, den sie gesucht hatten, aber die Wochen in der Folterzelle töteten meinen Geist“, sagt er heute. „Ich kam als toter Körper zurück.“

Das Militär ist Staat im Staat

Dass Menschen „verschwinden“, ist in Pakistan nichts Neues. Das Militär rechtfertigt Entführung und Folter als essenzielles Mittel, um der nationalen Sicherheit zu dienen. Islamisten und Separatisten könnten nur so bekämpft werden. In den 1970ern fing es an, aber zur Praxis der Sicherheitsbehörden, besonders des mysteriösen Geheimdienstes ISI, wurde dieses Vorgehen erst nach 9/11. Damals wurde Pakistan zum Partner der USA im „Krieg gegen den Terror“. Der ISI und seine Milizen verhafteten Hunderte von Al-Qaida-Verdächtigen, die dann heimlich im berüchtigten US-Stützpunkt Guantánamo auf Kuba interniert wurden.

Seither wird dem ISI vorgeworfen, ein „Staat im Staat“ zu sein und mehr als 10.000 Mitarbeiter zu beschäftigen, die meisten davon aktive Militärs. Es stellt sich die quälende Frage, warum außergerichtliche Verhaftungen bis heute an der Tagesordnung sind, obwohl das Land seit 2008 von demokratisch gewählten Regierungen gelenkt wird. Als Imran Khan 2018 zum Premierminister aufstieg und an die Regierungsspitze kam, hat das „Verschwinden“ nicht aufgehört, sondern eher zugenommen. Weil nie jemand offiziell zur Rechenschaft gezogen wird?

UN-Ermittlern, die das Kidnapping weltweit untersucht haben, lagen 1.144 Fälle für Pakistan vor, von denen 731 bis heute nicht aufgeklärt sind. Offiziell verweigert der ISI dazu jeden Kommentar. Doch sagt ein hoher Geheimdienstmitarbeiter unter der Bedingung, anonym zu bleiben: „Es ist falsch, zu behaupten, man habe diese Leute verschwinden lassen. Das sind Leute, die getötet worden sind, weil sie die Armee an Grenzübergängen angegriffen haben. Oder weil sie aus Afghanistan und den Grenzregionen kamen. Es handelt sich um Rebellen und Terroristen, die ins Gefängnis gesteckt wurden und entflohen sind, um illegal nach Europa einzuwandern. Auf dem Weg dorthin hat man sie dann wieder gefasst.“

2006 begann der Supreme Court Fälle pakistanischer Vermisster zu bearbeiten, aber weniger als ein Jahr später rief der damalige Premier Pervez Musharraf den nationalen Notstand aus und alle Richter wurden abgesetzt. Im Jahr 2011 richtete man in Islamabad eine Untersuchungskommission ein, die Vermisste aufspüren und Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen sollte. Aber im September 2020 machte ein vernichtender Bericht der Internationalen Juristenkommission (ICJ) deutlich, dass diese Kommission in neun Jahren keinen einzigen Täter benannte, der bestraft worden wäre. „Die Entführungen finden nicht nur weiter statt, sie haben ein Ausmaß an Dreistigkeit erreicht, das noch vor Jahren unvorstellbar war“, urteilte die ICJ.

Die Macht des pakistanischen Militärs bleiben unantastbar. In der Opposition galt Premier Khan als loyal gegenüber der Armee, prompt verhalf ihm der Rückhalt des Militärs 2018 zur Macht. Folglich denkt Khans Regierung gar nicht daran, das Kidnapping zu kriminalisieren. Das heißt, die Kultur der Straflosigkeit hat Bestand, sie wird durch die weitverbreitete Zensur in den Medien verschärft. Journalisten, die Angst haben müssen, entführt zu werden, fühlen sich nicht frei, über Folter und inneren Terror zu schreiben.

Unter den prominenten Opfern aus Khans Regierungszeit ist der Menschenrechtsanwalt Idris Khattak, der sich für Vermisste einsetzte. Er wurde Ende 2019 entführt. Auf internationalen Druck hin gab das Militär zu, ihn festzuhalten, doch Freilassung bedeutete das nicht. Unterdessen steigt die Zahl der Toten weiter an. Im Oktober fand man bei Chagai in Belutschistan eine halb verweste Leiche: Hafeezullah Mohammed, der am 30. August 2016 entführt worden war. Ein Armeeoffizier verlangte daraufhin 6,8 Millionen Rupien (75.000 Euro) für seine Entlassung. Obwohl die Familie zahlte und der Offizier später wegen Korruption ins Gefängnis kam, tauchte Hafeezullah nie mehr auf. Inzwischen ergab die Obduktion, dass er seit mindestens drei Jahren tot ist. Ein Bruder musste die verstümmelte Leiche identifizieren. „Seine Kleider, Schuhe, Socken sind die gleichen, die er an jenem Tag getragen hat“, war alles, was er danach sagen konnte.

Info

*Name geändert

Hannah Ellis-Petersen ist Korrespondentin des Guardian in Südasien

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 01.02.2021
Geschrieben von

Hannah Ellis-Petersen | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 23/2021

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