Wehren Sie sich bloß nicht

Vampirwahn Der zweite Teil der "Twilight"-Reihe hat sofort die Spitze der Kinocharts erobert. Wie bitte, Ihnen als erwachsenen, denkenden Menschen ist das egal? Das sollte es nicht

Es war in Großbritannien die größte Mitternachtspremiere aller Zeiten. Und das, obwohl ein Schultag darauf folgte! Meine Güte, was haben wir eigentlich gemacht, bevor uns die Twilight-Filme mit diesen hormongeschwängerten Vampir-Geschichten, die von übernatürlichen Ereignissen in der verregneten Kleinstadt Forks im Staat Washington handeln, um die letzten Nervenzellen gebracht haben? Wer weiß, vielleicht wehrt sich der eine oder andere unter Ihnen ja noch dagegen, sich diesem Teenie-Phänomen zu ergeben, ohne zu wissen, dass Sie mit Ihrem prinzipientreuen Widerstand die Kernmetapher der Serie, nämlich die Enthaltsamkeit, in ihrem kleinen Mikrokosmos reproduzieren. Sich diesen Filmen nicht hinzugeben ist im Prinzip genau so frustrierend wie die Jungfräulichkeit nicht an Edward Cullen zu verlieren, nur weil man dadurch in einen Vampir verwandelt würde. Apropos, vielleicht könnte sich ein Professor für Neumond-Studien bei mir melden und mir erklären, ob die Protagonistin Bella eigentlich mit Jacob Black schlafen kann ohne auch ein Werwolf zu werden?

Was auch immer die Gründe für Ihre Ablehnung sein mögen, soviel muss Ihnen klar sein: Jedes Mal, wenn sie die Sätze „Was ist Twilight?“ oder „Warum schreibt der Guardian darüber und warum wird das vom Freitag auch noch übersetzt?“ tippen, dann stirbt nicht nur eine Elfe, sondern dann werden auch Taylor Lautners (der Schauspieler, der die Rolle des Jacob Black spielt; Anm. d. Übers.) lykanische Bauchmuskeln noch ein klein wenig stärker gestählt, und das wird immer so weiter gehen, bis sie so weit von seinem Körper abstehen, dass der bloße Anblick dafür sorgen wird, dass weder Kriege, noch die Pest, Hungersnöte, der Tod oder die Wahrheit über 9/11 jemals in dieser Zeitung auch nur noch erwähnt werden. Früher oder später müssen Sie sich also entscheiden, auf welcher Seite Sie stehen.

Wenn Sie sich erstmal für die rechte Fahrbahn entschieden haben, also dafür, Fan einer Serie zu werden, die Ihrem Alter überhaupt nicht entspricht, dann werden sie schnell erkennen, dass das nur der erste Schritt war und dass sie auf diesem neuen Gebiet noch ein recht unbeholfener Fremder sind. Genau wie Bella! Fummeln Sie schüchtern an Ihrem Haar herum, das hilft, obwohl Sie natürlich auch gleich zu Ihrem ersten Ü-18 Mondlicht-Ball gehen können – oder Sie können sich der unsäglich besorgten Community twilightmoms.com anschließen.

Es gibt aber auch noch andere Wege sich den Filmen zu nähern. Auf Long Island wurden diese Woche Heroin-Tüten gefunden, die mit dem Twilight-Logo bedruckt waren. Kein Scheiß, Mann, etc., etc. Auf den Verpackungen prangt ein etwas eigenwilliges Bild des Twilight-Stars Robert Pattinson. Und jetzt sagen Sie doch selbst, gibt es ein Gesicht, das man lieber sehen würde, bevor man in einen heroin-bedingten Zustand des Vergessens fällt? Abgesehen von den hippen Hüpfern unter Euch, die sich wahrscheinlich nur ihren Druckverband enger schnallen, während sie die Verpackungen nach dem bislang noch unveröffentlichten Jacob-Heroin absuchen.

Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass Twilight-Heroin längst nicht der verstörendste, inoffizielle Merchandise-Artikel zum Film ist. Im Moment müsste das Los zwischen einer vibrierenden Edward-Puppe und einem Strampelanzug mit der Aufschrift „Meine Mama ist eine Bella“ entscheiden.

Aber zunächst ist es Zeit, Ihre Lektion über die wahrscheinlich wichtigste Eigenschaft des New Moon-Götzen zu lernen: die vollkommene Unmöglichkeit für erwachsene Sterbliche, ihn in irgendeiner Weise zu beschädigen. „Eine Ausstrahlung wie die Wachspuppen bei Madame Tussauds“, tobte der ehrwürdige Filmkritiker Roger Ebert, während der Film am Wochenende mühelos auf beiden Seiten des Atlantiks seinen Platz an der Spitze der Kinocharts hielt. „Wir versuchten New Moon als Metapher für die Zwänge und Sehnsüchte der Teenager zu lesen, aber wir fanden nur ein Kuddelmuddel“, schrieb der Hollywood Reporter naserümpfend. „Wir haben nach Kommentaren auf das Post-Aids Zeitalter und die neue Abstinenz der christlichen Rockmusik gesucht, aber wir haben nichts gefunden, das man nicht auch in einem Kirchenblatt finden könnte.“ Ein Urteil, das vermutlich ein paar Tausend eingefleischte Fans der Filme dazu veranlasst haben wird zu fragen: „Kriege ich in einem Kirchenblatt überdimensionale Bilder der Bauchmuskeln des Wolf Pack-Clans? Und wenn ja, dann merken Sie mich doch bitte für einen dieser silbernen Keuschheitsringe vor? Es ist doch sowieso nur eine Öffnung verboten, oder?“ Der Boston Globe höhnt: „Sorry Mädels. Das war's mit dem Nervenkitzel.“ Ähm, also sorry lieber Boston Globe, aber der Nervenkitzel hat sich einfach nur die Brust enthaaren lassen.

Sehen Sie, liebe Twilight-Fans auf dem ersten Level? Vergessen Sie die Sache mit der Abstinenz. Das ist doch nur eine Metapher für Impotenz. Alles, was ein Mann mittleren Alters gegen diese Filme schreibt ist nutzlos – machtlos! Bedeutungslos! – angesichts von abertausend Teenagerinnen. Also ist es wohl an der Zeit für die überflüssige, literarische Analogie der Woche: Im Prinzip ist es wie mit dieser Stelle in E.M. Fosters Reise nach Indien, als Mrs. Moore die Höhlen von Marabar besucht und entdeckt, dass alles , was sie in das Dunkel hinein sagt, das gleiche Echo produziert. Egal ob sie Worte wie Hoffnung oder Schmutz sagt, die Antwort ist immer : „Boum.“

Boum, boum, boum ... so funktioniert die Twilight-Industrie, meine Lieben – und Ihr lebt alle darin. Ihr könnt ruhig schon heute Euren Hals hinhalten und euch beißen lassen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:00 28.11.2009
Geschrieben von

Marina Hyde, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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