Weil wir hier zu Hause sind

Leben im Krieg (III) Abu Yahya wohnt mit seiner Familie in einem der umkämpftesten Viertel von Damaskus. Jeden Tag versucht er mit seinem Rettungswagen, Menschen zu retten
Weil wir hier zu Hause sind
Abu Yahya rast mit seinem Fahrzeug durchs Viertel, wenn ein Verwundeter ins Hospital muss. Oft riskiert er sein Leben

Fotos: Zakariya Al-Kafi / AFP / Getty Images

Abu Yahya, seine Frau und die vier Kinder sitzen zusammengedrängt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, das sie nun auch als Schlafzimmer nutzen müssen. Wie bei den meisten Häusern in dieser Gegend von Damaskus hat der Einschlag einer Granate den ersten Stock unbewohnbar gemacht. Vor der Haustür sind Sandsäcke und Reste von Möbeln aufgetürmt. Von ihrer Sitzbank aus können die Yahyas durch die Fenster nach draußen auf die Straße blicken. Was sie dort sehen, ist ein Meer der Zerstörung, ohne Ende, ohne Anfang. Außer der Couch und einem Computer findet sich kaum sonst noch etwas im Zimmer. Heute fühlt sich die Familie im Glück: Ein Freund hat Abu Yahya für 24 Stunden eine Autobatterie geliehen, damit er skypen kann.

Seit drei Jahren lebt die Familie im Damaszener Stadtteil Jobar oftmals für Wochen unter permanenter Belagerung. Flugzeuge werfen Sprengbomben ab, Scharfschützen schießen von einem nahe gelegenen Turm, ein Bergplateau über dem Viertel dient als Raketenbasis. Abu Yahya denkt dennoch nicht daran, diesen Rayon zu verlassen. Erstens könne er sich das überhaupt nicht leisten, und zweitens sei Jobar sein Zuhause, sagt er. Also warum sollte er wegziehen? Die Assad-Regierung weiß, dass viele in diesem Teil der Stadt die Freie Syrische Armee (FSA) unterstützen, und handelt entsprechend. „Sie setzen uns wirklich sehr hart zu“, sagt Yahya. „Die Geschosse, die auf uns abgefeuert werden, sind so schwer, dass sie von allen hier ‚Elefanten-Granaten‘ genannt werden. Wir können von hier aus den Hügel gut sehen, auf dem sie ihre Artilleriestellung eingerichtet haben.“

Abu Yahyas Gesicht ist so rau wie grau, er trägt kurze Haare und einen Schnurrbart. Aus seinen Augen sprechen Trotz und Härte. Früher hat er von einem kleinen Lieferwagen aus Obst und Gemüse verkauft. Das ist seit Monaten nicht mehr möglich. „Nur wer lebensmüde ist, klappert mit seinem Gefährt jetzt noch die Nachbarschaft ab. Abgesehen davon gibt es kaum etwas zu verkaufen. Es werden schließlich auch die Farmen beschossen, auf denen früher Obst und Gemüse angebaut worden sind.“ Das einzige Produkt, das man jetzt noch erhalten könne, seien Zucchini. „Kein Fleisch, kein Fisch, selten Brot, nur noch Zucchini. Die lassen sich leicht anbauen. Man braucht nur ein kleines Stück Land, etwas Wasser, am besten einen kleinen Sumpf. “ Abu Yahya grinst. „Es handelt sich um Baschar-Widerstands-Zucchini. Ende August ist die Zucchini-Saison vorbei, dann sind wir auf Auberginen angewiesen.“

Zu verwegen

So arbeitet der 44-Jährige im Augenblick beim örtlichen medizinischen Zentrum als Fahrer eines Rettungswagens. Sie bilden dort jeweils eine Equipe von sechs Fahrern pro Schicht, die zwölf Stunden dauert. Yahya rast mit seinem Fahrzeug durchs Viertel, wenn ein Verwundeter ins Hospital muss. Oft riskiert er sein Leben – manchmal umsonst, wenn jede ärztliche Hilfe zu spät kommt. Über sich selbst sagt Abu Yahya, er sei kein politischer Mensch, sei es nie gewesen. „Ich bin einfach nur ein friedliebender Familienvater. Ich möchte arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, und mich um meine Kinder kümmern.“ Abu ist stolz, seit über drei Jahren am Aufstand beteiligt zu sein. „Wir nennen es Revolution gegen die Ungerechtigkeit.“

Wegen seines Muts wird Abu Yahya auch Rambo genannt. Manche sagen sogar, er sei zu verwegen. Mitten im schwersten Granatenbeschuss geht er raus, um Verwundete und Tote einzusammeln, um sie ins Krankenhaus oder in die Leichenhalle zu bringen. Auch an diesem Tag hat er schon einen Mann aufgelesen, der von einer Granate getroffen wurde. „Ich hab ihn gerade in die Klinik gebracht und bin dann zurückgekommen, um mit Ihnen zu sprechen. Vor zwei Wochen kamen hier an einem Mittwoch 14 Menschen ums Leben, und ich musste sie alle abtransportieren. Vor einer Woche sind vier meiner Cousins den Märtyrertod gestorben. Sie standen vor ihrem Haus, als es plötzlich einen Luftangriff gab und sie zu spät Schutz suchten.“

Umm Yahya hat jedes Mal schreckliche Angst, wenn ihr Mann zur Arbeit geht. „Ich muss immer daran denken, dass er getroffen wird und verblutet, weil er nicht geborgen werden kann.“ Für seine Arbeit bekommt Abu umgerechnet 75 Euro im Monat – Geld, das von Ärzten gespendet wird. Ein Kilogramm Zucker kostet aber schon 1.500 syrische Lira (7,50 Euro), ein Beutel Reis 1.000 Lira (fünf Euro).

Jeden Tag steht die Familie um fünf Uhr auf, um zu beten. Um neun gibt es Frühstück. „Um diese Zeit fliegen für gewöhnlich Flugzeuge über uns hinweg und schießen vier Raketen ab. So beginnt unser Tag. Und vom Berg erhalten wir täglich mindestens zwölf Granaten“, erzählt Abu Yahya. Nicht nur die Assad-Armee nehme sie unter Beschuss, dies gelte auch für die Hisbollah und irakische Milizen.

Weil sie kaum noch Strom haben, kocht Umm Yahya über einer Feuerstelle auf dem Balkon. Worüber sie an Lebensmitteln verfügt, reicht für höchstens zwei Mahlzeiten am Tag. Selbstgemachte Malzmarmelade und Joghurt gibt es zum Frühstück und Zucchini zum Tee. „Die Kinder haben wegen der mangelhaften Ernährung nicht genügend Kraft. Sie schaffen es kaum, mir den gefüllten Wasserkanister zu bringen“, sagt Umm Yahya.

Vor Beginn des Bürgerkriegs hatte die Familie kaum Berührung mit dem Tod. „Die Menschen sterben hier erst mit 80 oder 90. Mein Großvater wurde sogar 100. Aber seit der Bürgerkrieg begonnen hat, sieht man hier ständig Tote – auch junge Frauen und Kinder“, sagt Abu. „Während ich arbeite, kann ich diese Bilder verdrängen, weil ich gut beschäftigt bin. Aber hinterher muss ich weinen.“

Er erzählt von einem Vorfall, der ganz besonders dramatisch für ihn gewesen sei. „Ich musste vier Menschen evakuieren, die von einer Granate getroffen worden waren. Drei waren bereits tot, einer lebte noch. Ich rannte also zu meinem Rettungswagen, um für den Überlebenden die Krankenbahre zu holen. Es waren noch gut 20 Meter, die ich gebraucht hätte, da erhielt das Fahrzeug einen Volltreffer und wurde völlig auseinandergerissen. Mein Kollege, der in der Fahrerkabine wartete, kam dabei ums Leben. Ich habe ihn noch am gleichen Tag zum Friedhof gebracht und begraben.“ Inzwischen scheine in diesem Krieg alles erlaubt zu sein. Es gebe keine Tabus mehr. „Selbst der Friedhof wird beschossen, als hätte die Armee Angst davor, dass selbst die Toten noch Widerstand leisten könnten. Dann gehört es eben dazu, auf sie zu schießen.“ Während unseres Gesprächs gibt Abu alle paar Minuten einem seiner vier Söhne einen Kuss oder nimmt ihn in den Arm. Yazin, erst zwei Jahre alt, ist der Jüngste und sitzt bei seiner Mutter auf dem Knie. „Die ersten drei Worte, die er vor sich hin gebrabbelt hat, waren ‚Granate‘, ‚Flugzeug‘ und ‚Allahu Akbar‘“, sagt Umm Yahya. „Unser Ältester ist sehr traurig, denn er hat einen Freund verloren, als es hier im Viertel einen Selbstmordanschlag gab“, erzählt der Vater.

Abu Yahya stellt mir den zwölf Jahre alten Mohammed vor, der still zu seiner Linken sitzt. Der Junge streicht sich die Haare zurück, um mir das Loch in seinem Kopf zu zeigen. Er wurde von einem Granatsplitter getroffen und wartet auf die Operation, bei der alles entfernt werden soll. „Ich habe meine Kinder immer gewarnt, nicht draußen zu spielen, aber er hat mir nicht geglaubt. Als das Flugzeug über ihn hinwegflog, war es zu spät.“ Obwohl der Junge unter Erschöpfung, Erbrechen und Schwindel leidet, glauben die Eltern nicht, dass sein Gehirn ernsthaft verletzt wurde. „Es ist ein Wunder, dass er noch am Leben ist“, meint Abu Yahya.

Alles ist erlaubt

Die Kinder sind seit zwei Jahren in keiner Schule mehr gewesen, und die Eltern können ihnen nicht helfen – Abu ist Analphabet, Umm Yahya hat zwar eine Acht-Klassen-Schule besucht und versucht, ihren Söhnen das Lesen beizubringen, aber gewöhnlich sind die Kinder einfach zu erschöpft, um viel aufnehmen zu können. Einen Großteil des Tages verbringen sie damit, Brennholz zu sammeln, das sie auf der Straße oder in zerstörten Häusern finden, oder für Wasser aus der einzigen Pumpe des Viertels anzustehen. „Sie müssen nachmittags um fünf los“, berichtet Umm Yahya. „Wir wissen, dass um diese Zeit nicht geschossen wird. Es bleibt dann eine Stunde Zeit, um die Behälter zu füllen.“

Es gibt so gut wie keine funktionierenden Fernsehgeräte mehr und auch sonst wenig, womit sich die Kinder beschäftigen können. „Selbst wenn sie zu Hause spielen, spielen sie Krieg und schießen aufeinander“, erzählt der Vater. „Sie träumen davon, wieder in die Schule zu gehen, ihre Freunde zu sehen und einen Abschluss zu machen. Das ist kein Leben für Kinder: Holz sammeln, Wasser holen und sich vor dem nächsten Beschuss verstecken.“

Abends um halb zehn versuchen die Yahyas zu schlafen, sofern die Nacht ruhig bleibt. Doch beginnen Bombardements nicht selten um diese Zeit.

Wir fragen, ob sie denn keine Musik hören, um nichts mehr von den Schrecken mitzubekommen. Abu Yahya lacht. „Unsere Musik sind die Granaten, Bomben und Raketen. Wir würden den Kindern gern ein paar Lieder beibringen, aber sie können nicht singen, weil sie vergessen haben, wie man singt. Sie wissen dafür, welche Flugzeuge sich dem Viertel nähern. Sie erkennen die Maschinen an ihren Geräuschen. Sie haben gelernt, was man nur im Krieg braucht.“

Trotz allem bleibt Abu Yahya optimistisch. „Ich wünsche mir, und ich bete zu Allah, dass eine Zeit kommt, in der ich wieder meinem alten Beruf nachgehen und Gemüse verkaufen kann. Ich glaube fest daran, dass wir durchkommen und dass wir wieder ein gutes Leben haben werden.“ Vier Tage nach diesem Interview wird Umm Yahyas Bruder Jamal von einem Heckenschützen getötet.

Simon Hattenstone und Mona Mahmood berichten für den Guardian aus Syrien und dem Irak

Im ersten Teil der Serie berichtet Alec Luhn über die Lage in der Ostukraine

Im zweiten Teil der Serie berichtet Martin Chulov über die Lage im Irak

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 27.08.2014
Geschrieben von

Simon Hattenstone, Mona Mahmood | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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