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Torpedo LED-Schriftbänder haben Jenny Holzer berühmt gemacht. Die Tate Modern zeigt nun ein umfassenderes Bild von ihr

Ich hoffe, mein altes Telefon macht Sie nicht kirre“, sagt Jenny Holzer, noch bevor unsere Unterhaltung beginnt. Es ist nicht unbedingt das, was ich von einer Künstlerin erwartet hätte, die für ihren bahnbrechenden Einsatz von Technologie bekannt ist. Holzer erlangte 1982 Prominez, als sie die LED-Werbetafeln am Times Square umprogrammierte und mit ihren eigenen Botschaften bestückte. „Truisms“ nennt sie diese teils bitteren, teils widerspüchlichen Slogans: „Protect me from what I want“ („Beschütze mich vor dem, was ich will“) oder auch „Abuse of power comes as no surprise“ („Machtmissbrauch ist keine Überraschung“).

Im Verlauf der vergangenen 40 Jahre hat Holzer konsequent einige der jeweils neusten Medien und digitalen Technologien für ihre künstlerische Arbeit eingesetzt: Virtual Reality, Drohnen, Projektionen, Netzkunst und voll automatisierte Fließbänder.

Wo laufen Sie denn?

Der Bundestag ist einer von zehn Orten in Deutschland, an denen dauerhaft Werke von Jenny Holzer zu sehen sind. Seit dem Umbau des Reichstagsgebäudes durch Sir Norman Foster ziert den Nordeingang eine Stele mit vier digitalen Leuchtschriftbändern, auf denen Reden von Abgeordneten von der Reichsgründung 1871 bis zur Neueröffnung des Gebäudes im April 1999 durchlaufen, 447 insgesamt. In Hamburg verbindet Holzers

Ceiling Snake den Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle mit dem 1996 eröffneten Neubau. In roter LED-Schrift laufen kritische Sätze und Satzfragmente in deutscher und englischer Sprache die Decke des Treppenhauses entlang, darunter „Even your family can betray you“ und „Warten hilft keinem“.

Aktuell nicht zu sehen, aber im Besitz der Neuen Nationalgalerie in Berlin, sind 13 je 49 Meter lange Schriftlaufbänder, die Holzer 2001 für die Rasterdecke des Mies-van-der-Rohe-Baus entwickelte. Sie enthalten Truisms aus den vorangegangenen 20 Jahren von Holzers Karriere. Aber auch anderen setzte sie Denkmale: Für das Paula-Modersohn-Becker-Museum widmete Holzer ihre Arbeit Mother and Child, mit der sie 1990 auf der Biennale in Venedig vertreten war, zu einer Hommage an die Malerin um. Für das Café des Münchner Literaturhauses entwickelte sie nicht nur eine LED-Laufsäule mit einem Text von Oskar Maria Graf, auch Bänke, Tische und das Geschirr gestaltete sie mit Sätzen des Schriftstellers. Weitere Werke sind in Aachen, Nordhorn, Leipzig, Köln und Hannover zu sehen.

Die Tate Modern zeigt aktuell eine Ausstellung, die anhand acht entscheidender Punkte in Holzers Karriere ihre künstlerische Laufbahn nachzeichnet. Den Auftakt macht eine Serie von Zeichnungen, die Holzer 1976 anfertigte. Besonders bemerkenswert sind die rund 60 handgezeichneten Schaubilder, die in einer Glasvitrine zu sehen sind. Sehr detailliert ist hier zum Beispiel erfasst, welchem Muster die Bewegung unserer Augen folgt oder wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Holzer selbst nennt ihre frühen Zeichnungen „besessen“: „Ich habe keine Ahnung, wie viele hundert Zeichnungen dieser Art ich gemacht habe, angefangen bei der theoretischen Physik über Psychologie hin zu medizinischen Sachen. Es sind destillierte Darstellungen aller möglichen visuellen Vorgänge, und sie alle haben Legenden, die ich originalgetreu übertragen habe.“

Die Zeichnungen stammen aus Holzers Zeit an der renommierten Rhode Island School of Design, an der sie 1975 zu studieren begann. Die Semester verbrachte sie größtenteils in der Bibliothek, wo sie sich in Bücher mit eher abseitigen Schaubildern vertiefte: „Ich versuchte irgendwie wettzumachen, dass ich nicht wirklich eine künstlerische Ausbildung hatte. Und ich war neugierig, wie es anderen gelang, Sinnzusammenhänge zu visualisieren. Wie man Menschen Inhalte aufzeigen kann.“

Kunst gegen Kugeln

Die Ausstellung torpediert die Betrachter dann ins Hier und Heute mit der Installation IT IS GUNS: STUDENTS TALK SENSE (2018), die als direkte Reaktion auf das Massaker an einer Highschool in Parkland, Florida, entstand, bei dem im Februar 17 Schüler, Lehrer und Angestellte der Schule getötet wurden. Zwei Wochen nach der Gewalttat schickte Holzer Lkws, die mit riesigen LED-Tafeln bestückt waren, nach Florida sowie nach New York, Los Angeles, Chicago, Atlanta, Dallas und Washington DC. Darauf standen Slogans wie „STUDENTS WERE SHOT“ und „THE PRESIDENT BACKS AWAY“ („Der Präsident duckt sich weg“). Mit ihrem Projekt wollte Holzer die Schüler unterstützen, die nach dem Massaker die Organisation Never Again MSD gegründet hatten, um schärfere Waffengesetze zu fordern. MSD steht für den Namen der Schule: Marjory Stoneman Douglas. Die Lastwagen wurden vor den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Städte geparkt, darunter auch die Trump Towers in Washington und Chicago. Auch bei der Großdemo „March for Our Lives“ am 20. März in Atlanta waren sie vor Ort. Für die Tate hat Holzer aus Fotos und Videoaufnahmen dieser Aktionen eine digitale Animation erstellt, die durch Texte ergänzt wird, die Holzer im Verlauf der Ereignisse schrieb. Im Museum, so hofft sie, erreichen die Bilder noch einmal einen anderen Personenkreis.

Es ist die Arbeit auf der Straße, die von Anfang an Holzers künstlerische Praxis bestimmt. 40 Jahre später ist ihr Ziel noch immer, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Ihre Karriere begann an der Lower East Side in New York, wo zu jener Zeit auch Wand- und Graffiti-Künstler wie Keith Haring, Lady Pink und A-One aktiv waren. Mit Ilona Granet, die für ihre feministischen Verkehrsschilder bekannt ist, arbeitete Holzer in der Künstlergruppe Colab zusammen. Als Mitglied von Colab erstellte Holzer ihr erstes öffentliches Projekt, eine Reihe von Werbeplakaten mit Truisms. „Wir wollten mit Colab abseits der offiziellen Kunstwelt arbeiten“, sagt Holzer. „Uns ging es darum, etwas herzustellen, wovon andere wirklich einen Nutzen haben.“ Sie selbst habe durch die Gruppe viel über die Vorteile der Zusammenarbeit gelernt: „Es ist nachhaltiger, mit anderen gemeinsam zu arbeiten. Es entschädigt einen als Künstlerin für die Zeit, in der man einsam ist und sich elend fühlt – und die für die künstlerische Arbeit auch notwendig ist.“

In der Londoner Ausstellung sind drei große Graffiti zu sehen, die 1983/84 zusammen mit Lady Pink und Ilona Granet entstanden sind. Zwei davon zeigen apokalyptische Szenen: Personen in der New Yorker U-Bahn, die von Flammen ergriffen werden. Den Satz „I am not free because I can be exploded anytime“ („Ich bin nicht frei, denn ich kann jeden Moment zur Explosion gebracht werden“) hat Granet in einer fetten Schrift, die an frühe Computerspiele erinnert, ausgeführt.

Dass Holzer so bereitwillig ihre Bühne mit diesen weniger prominenten Kolleginnen teilt, zeugt auch von ihrem unermüdlichen Einsatz, sich für Künstlerinnen starkzumachen. In einem Podiumsgespräch mit dem Direktor der Tate, Frances Morris, äußerte sie sich kürzlich zum Stellenwert der Anonymität in ihrem Werk und über ihre anfänglichen Ängste, als Frau in der Kunstwelt nicht erfolgreich sein zu können: „Die Anonymität war für mich sehr wichtig, da ich Selbstzweifel hatte und fürchtete, die Inhalte meiner Arbeit könnten auf Ablehnung stoßen. Ich wollte deshalb den Fokus auf das Werk lenken und nicht auf mich als Urheberin.“

Erfolg und Selbstzweifel

Obwohl sie anfangs zögerte, öffentlich in Erscheinung zu treten, hat Jenny Holzer inzwischen eine internationale Prominenz erlangt wie nur wenige andere zeitgenössische Künstlerinnen. Erfolg und Selbstzweifel gehen für sie jedoch Hand in Hand. 1990 wurde sie ausgewählt, den amerikanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu bespielen: „Es war schön, die erste Frau zu sein, die die USA mit einer Einzelausstellung vertritt. Aber ich hatte auch Angst, dass die Leute denken würden, es sei ein ,Mädchenproblem‘, falls ich scheitern sollte.“ (Ihre Arbeit Mother and Child erhielt dann den Goldenen Löwen.)

Während ihre Truisms bewusst mehrdeutig und widersprüchlich waren, sind ihre politischen Botschaften in jüngster Zeit direkter und unmissverständlich geworden. Als ich sie frage, wie sie auf die politischen Entwicklungen in den USA schaut, lautet ihre Antwort: „Entsetzt, frustriert, angstvoll, angeekelt … die Liste ließe sich fortsetzen.“ Dass eines ihrer Werke in der neuen amerikanischen Botschaft in London zu sehen ist – einem Gebäude, das Donald Trump verhasst ist –, kommentiert sie trocken so: „Ich bin gerne da, wo er nicht ist.“ The Waging of Peace („Frieden führen“) lautet der Titel der Arbeit, die aus Zitaten von Ralph Waldo Emerson, Robert F. Kennedy und Queen Elizabeth II. besteht, die in Stein gemeißelt wurden. Um die Aufgaben der Botschaft zu spiegeln – Kulturaustausch, Pflege binationaler Beziehungen –, hatte Holzer im Vorfeld Briten und Amerikaner dazu aufgefordert, thematisch passende Vorschläge einzureichen.

Auch Holzers frühere Arbeiten stoßen in diesen unruhigen politischen Zeiten auf neues Interesse. Ihr Truism „Abuse of power comes as no surprise“ wurde von Aktivistinnen aufgegriffen, die sich We Are Not Surprised nennen. Die Gruppe ist ein Ableger der #MeToo-Bewegung und will sexuelle Belästigung und Diskriminierung von Frauen in der Kunstwelt offenlegen. Die Gruppe gründete sich vergangenen Herbst, nachdem es zahlreiche Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen Knight Landesman, den Herausgeber von Artforum, gab. „Ich habe mich gefreut, dass sie mich fragten, ob sie das verwenden könnten. Es ehrt mich.“ Dann sagt sie noch etwas, das ihre Karriere ganz gut zusammenfasst: „Nehmt es euch, haut ab damit, benutzt es. Es gibt viel zu tun.“

Info

Artists Rooms: Jenny Holzer Tate Modern London, bis 31. Juli 2019

Judith Wilkinson ist Kunstkritikerin in London und schreibt für den Guardian

Übersetzung: Christine Käppeler
06:00 09.01.2019
Geschrieben von

Judith Wilkinson | The Guardian

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