Weltkulturerbe Olivenöl?

Mediterrane Küche Niemand kann sagen, was die mediterrane Küche denn überhaupt sein soll und warum sie des Schutzes der Weltgemeinschaft bedarf

Dank der unglaublichen Macht des Internets und eines Redakteurs, der die Bedeutung des Wortes Urlaub nicht begriffen zu haben scheint, schreibe ich diese Zeilen unter einem Sonnenschirm in Frankreich. Genauer gesagt schreibe ich auf einer Café-Terrasse mit Blick auf die Pont du Gard. Viele von ihnen werden schon selbst in den Genuss gekommen sein, dieses Kunstwerk zu bestaunen, viele andere werden es von Abbildungen oder Videos kennen. Es ist ein atemberaubendes Stück römischer Baukunst, das von versklavten Galliern errichtet wurde und seinen Status als UNESCO-Weltkulturerbe völlig zu recht besitzt.

Denn wie so viele andere Monumente und Naturschauplätze ist diese Kombination aus Brücke und Aquädukt ein Teil unserer gemeinsamen Menschheitsgeschichte und Kultur, sie gehört in gewissem Sinne der ganzen Menschheit und ihr Erhalt sollte uns alle angehen. Es kommt einem daher umso merkwürdiger vor, an solch einem Ort zu erfahren, dass die italienische Regierung darauf drängt, die „mediterrane Küche“ ins UNESCO-Weltkulturerbe aufnehmen zu lassen, worüber im November entschieden werden soll.

Normannisches Paradox

Das erste Problem hierbei ergibt sich wohl bei der Frage, was denn überhaupt unter mediterraner Küche zu verstehen sei. Tomaten, Olivenöl, Auberginen, Weintrauben, gegrillter Fisch und große, irdene Krüge mit schwerem Rotwein? Ich glaube, es reicht nicht aus, dass faule und armselige Gastroautoren diese Dinge zu einer Art Kult erhoben haben. Was sollen wir denn da mit der nicht minder faszinierenden Küche entlang der Küste Nordafrikas machen, wo wenig Wein getrunken, dafür aber umso mehr Lammfleisch gegessen wird? Und sollen wir etwa auch die von Griechenland über die Türkei und den Balkan rund um das östliche Mittelmeer weit verbreiteten Mezedes außen vor lassen? Eine schwierige Frage.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Italiener diesen wahnwitzigen Versuch einer Definition unternehmen wollen. Schließlich ist „die italienische Küche“ ein Begriff, den nationalstaatsbeseelte Revisionisten wie Pellegrino Artusi einem Land aufgedrängt haben, dessen Art zu essen von so einzigartiger Vielseitigkeit und regionalen Besonderheiten geprägt ist, dass man immer noch Gefahr läuft, ein Messer in den Nacken gestochen zu bekommen, weil man die falsche Soße mit der falschen Nudelform kombiniert hat.

Auberginen aus North Yorkshire

Es dürfte uns – also dem Rest der Welt – folglich einige Schwierigkeiten bereiten, zu bestimmen, woraus die mediterrane Küche denn nun genau besteht. Genauso gut könnten wir uns fragen, worin denn überhaupt ihr Nutzen liegen soll. Auch wenn Ernährungswissenschaftler sagen, Bestandteile der mediterranen Ernährungsweise seien gesund, so gibt es doch auch genügend Anwälte der japanischen Küche oder der Steinzeiternährung. Es gibt sogar Zahlen, die als „normannisches Paradox“ bekannt sind und die belegen, dass diejenigen, die sich ausschließlich nach der traditionellen Küche Nordfrankreichs ernähren, die voll auf Butter, Sahne, tierische Fette, Schweinefleisch und Alkohol setzt, eine erstaunlich hohe Lebenserwartung aufweisen und selten an Herzleiden erkranken. Mein persönlicher Favorit ist das weniger bekannte „Inuit Paradox“, nach dem Leute, die überhaupt kein Gemüse essen und ihre Vitaminversorgung allein über die Aufnahme von Seehundfleisch und Walleber regeln, ein langes und gesundes Leben führen.


Des Weiteren stellt sich die verzwickte Frage nach der Bewahrung und dem Schutz des Erbes. Werden Blauhelmsoldaten einschreiten und mit Halbkettenfahrzeugen an Restaurants vorfahren, wenn Gäste ihren Rucola-Salat mit Salz und Essig anmachen wollen, oder vielleicht sogar Mayonnaise bevorzugen? Und nicht zuletzt schadet das Gedöns um die mediterrane Küche dem Ansehen Großbritanniens. Wenn minderbemittelte Gastro-Autoren sich in epischer Breite darüber auslassen, wie großartig von der Sonne gewärmte, frisch von den Hängen des Vesuv gepflückte San-Marino-Tomaten schmecken, wird dies den Leistungen unserer heimischen britischen Produktion nicht gerecht. Denn schließlich ist es viel schwieriger, eine Aubergine in einer meteorologisch von Graupelschauern bestimmten Ecke North Yorkshires zur Reife zu führen, weshalb unser eigenes Essen für uns auch eine viel größere Bedeutung hat und entsprechend gewürdigt werden sollte.


Wenn die UNESCO unbedingt eine bestimmte Ernährungsweise fördern möchte, dann sollten wir uns mit den Skandinaviern, Osteuropäern und Iren zusammentun und uns für die Würdigung des gemeinsamen nordeuropäischen Esskulturerbes bewerben, das aus geräuchertem Fisch, Wurzelgemüse, Beeren, Rindfleisch, Eisbein und kalorienhaltigen Desserts besteht. Ich für meinen Teil werde nun damit fortfahren, dieses architektonische Weltkulturerbe wie auch die mediterrane Küche hier zu genießen. Aber der Unterschied sollte doch jedem klar sein: Während diese Brücke, um erhalten zu werden, die Unterstützung der Weltgemeinschaft braucht, trägt es einen feuchten Kehricht zum Reichtum unseres gemeinsamen Menschheitserbes bei, wenn die idealisierte Küche einer nur schwer zu definierenden Region, die bei der Gesundheitspolizei gerade angesagt ist, mit höheren Weihen versehen wird.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:35 25.08.2010
Geschrieben von

Tim Hayward | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2021

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