Weltliteratur als Tweet

Twitteratur (II) Auch die großen Klassiker werden nun getwittert: ein New Yorker Verlag hat ein Buch in Auftrag gegeben hat, das große Werke der Weltliteratur im Twitterformat enthält

Hat denn die Twittermania gar kein Ende? In der vergangenen Woche noch konnten wir mit ansehen, wie das Social-Networking-Tool Twitter auf den Straßen Teherans zum Einsatz kam. Diese Woche bewegt es sich nun nahtlos vom Erhabenen zum Lächerlichen und soll zur Verarbeitung der größten Werke der Weltliteratur herangezogen werden.

Fans der Klassiker werden entweder begeistert oder entsetzt über die Nachricht sein, dass der New Yorker Ableger von Penguin-Books ein Buch in Auftrag gegeben hat, das große Werke der Weltliteratur im Twitterformat enthalten soll. Der Band trägt einen Arbeitstitel, der Puristen aufschreien lässt: Twitterature. Hier sollen die Juwelen der Weltliteratur – genannt wurden Dante, Shakespeare, Stendhal, Joyce und JK Rowling – in maximal zwanzig Tweeds gepresst werden, von denen jeder zwanzig Sätze mit weniger als 140 Zeichen umfasst.

Die Idee zu dem Band hatten zwei 19-jährige Erstsemester der University of Chicago, die vom Schlafsaal ihres Uni-Wohnheims aus eine kulturelle Revolution lostreten wollen. Emmett Rensin und Alex Aciman hatten darüber nachgedacht, was denn die größten Projekte ihrer Generation sein könnten, die gleichzeitig den Gemütszustand der US-Amerikaner des 21. Jahrhunderts am besten zum Ausdruck bringen.

Das mag anmaßend klingen, frühreif ist es mit Sicherheit. Die beiden kamen zu dem Ergebnis, dass Literatur für jede Generation einen wichtigen Bezugspunkt darstellt. Gleichzeitig erkannten sie in Twitter – der Website, auf der User jede dem Menschen zugängliche Erfahrung auf 140 Zeichen komprimieren – die Form der Mitteilung, die der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und Informationsflut, die unsere Zeit prägen, am besten entspricht. Was also, wenn man beides zusammenbringt, Weltliteratur und Twitter zu einer neuen Form der Twitteratur verbindet? "Wir sind zu dem Versuch angetreten, die zwei großen Säulen unserer Generation ein für alle Mal zusammenzubringen“, erklärten die Studenten.

Im Klappentext nennen Aciman und Rensin dann aber durchaus weltliche Gründe, die sie zum Schreiben veranlasst haben: Beide wollen Schriftsteller werden, beide sind jung und brauchen das Geld. Nach eigener Aussage wollten sie ein Werk schaffen, das literarisch so anspruchsvoll ist, um die Blogosphäre zu begeistern. Gleichzeitig soll es ein Verkaufsschlager werden, der den Markt „im Sturm“ erobert.

Ob es ihnen gelingt, ihre Träume zu erfüllen, hängt davon ab, wie viele Leute die Lust verspüren, die 512 Seiten der Penguin-Klassiker-Edition von Dantes Göttlicher Komödie in 20 kurzen Sätzen oder Harry Potters 784 Seiten umfassendes vorerst letztes Abenteuer mit 2.800 Zeichen abgehandelt zu sehen. Erfahren werden wir dies im Herbst, wenn Twitterature voraussichtlich erscheinen soll.

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Ed Pilkington, The Guardian | The Guardian

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