Wem hilft das?

Scientology John Travolta will ein Flugzeug nach Haiti schicken – mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Scientologen. Sie wollen die Katastrophe auch nutzen, um Mitglieder zu werben

Er war ein Psychopath, ein Hochstapler, Lügner, Fantast, Betrüger, Tyrann, Steuerhinterzieher und außerdem größenwahnsinnig. Keine Frage, der Tod L. Ron Hubbards war für die Menschheit ein schwerer Schlag. Doch in die Dunkelheit, die über die Welt gefallen ist, seit der Gründer von Scientology seine irdische Hülle 1986 verlassen hat, scheint zum Glück ein Licht. Heute gibt es prominente Persönlichkeiten, die die Organisation repräsentieren und ihre Expansion vorantreiben. Und nun kommt das Beste: Sie haben auch Haiti im Blick.

Würde man etwa einen Trottel wie Sie damit beauftragen, eine Liste der Dinge zusammenzustellen, nach denen in dieser unglücklichen Katastrophenregion Bedarf besteht, dann würde ich wetten, dass Sie vergessen würden „militante Scientologen, die behaupten, posttraumatische Stresssyndrome sind eine konspirative Erfindung böser Psychiater und glauben, der richtige Umgang mit Traumatisierten sei diese mit dem Finger zu berühren und sie dann zu den Lehren Hubbards zu bekehren“ auf ihre Liste zu setzen.

Da kann ich nur sagen: Dem Himmel sei Dank für John Travolta. Der Star von Filmen wie Born to be wild – saumäßig unterwegs hat öffentlich erklärt, was er der Krise entgegenzusetzen hat: „Ich habe ein Flugzeug organisiert, das Ehrenamtliche Geistliche mit Nahrungsmitteln und Medikamenten dort runter bringen wird.“ Für die Medikamente und die Nahrungsmittel gebührt Travolta zweifellos Dank. Über die Ehrenamtlichen Geistlichen, die Haiti via "Air Travolta" zusammen mit einer Reihe von anderen Scientologen erreichen werden, lässt sich das nicht unbedingt sagen.

Sie wollen "spirituelle Erste Hilfe" leisten

Laut einer offiziellen Pressemitteilung wird das Korps vor Ort sein, um den Haitianern "spirituelle Erste Hilfe" zu leisten. Denn, mal ganz ehrlich, es gibt doch nichts, was in diesen Tagen wichtiger wäre, als in Port-au-Prince herumzustreunen und Überlebenden die Möglichkeit zu geben, sich an einen E-Meter anschließen zu lassen. Hoffentlich stoßen sie auf genügend Schwule, damit sie mit deren Heilung beginnen können.

Für einen Ehrenamtlichen Geistlichen von Scientology ist eine Tragödie immer auch eine Chance, eine „Tragitunity“ eben.

Aber bitte, hören Sie nicht auf mich, sondern auf L Ron selbst, der höchstpersönlich eine Strategie ersann, die er „Casualty Contact“ nannte. Er empfahl Scientologen, die Zeitungen nach Berichten über Unfälle oder Traueranzeigen zu durchsuchen, um Leute zu finden, denen das Leben übel mitgespielt hat. Hubbard ordnete zudem an, dass auch die Krankenhäuser durchkämmt werden sollten und schrieb über den Scientologen auf Krankenwagenjagd: „Er sollte sich als Geistlicher vorstellen, dessen Mitleid durch den Zeitungsartikel geweckt wurde. (...) Wenn er mit der Presse spricht, dann sollte er nur sagen, dass die Kirche es als ihren Auftrag betrachtet, denen, die Beistand benötigen, zu helfen. Er sollte sich nicht auf längere Diskussionen über Scientology einlassen und stattdessen über die Arbeit der Geistlichen sprechen – darüber, dass viel zu wenige Geistliche heuzutage dorthin gehen, wo sie gebraucht werden. So funktioniert Rekrutierung!“

Aus der „Casualty-Contact“-Strategie sind die Ehrenamtlichen Geistlichen hervorgegangen, deren gelbe Zelte immer öfter in den großen Katastrophengebieten stehen. Ab und an sorgen die Gastauftritte prominenter Anhänger für Stimmung. In diesen Zelten leisten die Scientologen den Traumatisierten den bereits erwähnten Berührungsbeistand, dessen Ziel es ist, „die Möglichkeiten des Thetan zu steigern, den Körpers zu heilen und wiederherzustellen“.

Falsche Beratungshotline eingeblendet

Nach dem 11. September zeigten sich Hilfsorganisationen am Ground Zero besorgt über Ehrenamtliche Geistliche, die am Ort der Katastrophe Flugblätter verteilten und sich ohne Erlaubnis in den gesperrten Zonen betätigten. Schließlich musste die Polizei ihnen den Zugang verbieten. Zwei Tage nach der Tragödie gelang es Scientology-Gesandten, die sich als Mitglieder einer Organisation namens "National Mental Health Assistant" ausgaben, Fox News hinters Licht zu führen. Der Sender blendete fünf Stunden lang die Nummer einer Scientology-Hotline ein, in dem Glauben, es handle sich um die offizielle Beratungshotline. Erst als die wahre National Mental Health Association wütend eingriff, entfernte Fox News die Telefonnummer. „Die Öffentlichkeit muss verstehen, dass Scientology diese Tragödie ausnutzt, um neue Mitglieder anzuwerben“, erklärte der Vorsitzende der Organisation. „Sie bieten keine psychologische Beratung an.“

Im Gegenteil, sagen die Scientologen und behaupten, sie würden im Katastrophenfall eine besondere Art von „sinnvoller Hilfe“ leisten. Sie waren immer da: nach dem Tsunami, nach Katrina (mit Travolta) und in Beslan. Dort mussten sie allerdings das Feld räumen, nachdem der kommunale Gesundheitsminister entschieden hatte, dass ihre Praktiken für die traumatisierten Kinder nicht hilfreich seien.

Und sie waren natürlich auch nach den Bombenanschlägen in London am 7. Juli 2005 vor Ort. Damals nahm ein Undercover-Journalist der BBC den Vorsitzenden von Scientologies "Anti-Psychiatrie-Bewegung" in London heimlich auf, als er lachend erklärte, ihre Aufgabe bestünde nach dem Bombenanschlag darin „die Psychiater zu bekämpfen und (von den Opfern) fernzuhalten“.

Welche Nummer sie auf Haiti abziehen werden, bleibt abzuwarten, aber ich ziehe schon jetzt vor Travolta und den Führern dieser Kirche den Hut dafür, wie sie ihre Truppen in Stellung bringen. Und dann wäre da noch Scientologies berühmtestes Gesicht, Tom Cruise. Man erinnere sich nur an „Mr. Cruises Antwort auf 9/11“. Damals ließ er das erste Hubbard-Entgiftungszentrum in New York errichten. Die Feuerwehrmänner, die den Staub des World Trade Centers eingeatmet hatten, wurden dort zu einer Entschlackung im Schnelldurchlauf ermuntert. Sie sollten ihre Medikamente wegwerfen und stundenlange Saunabäder mit hohen Dosen von Nikotinsäure nehmen – sehr zur Verzweiflung ihrer Ärzte. Ob Toms übermenschliches Selbstbewusstsein so weit reicht, dass er das erste Hubbard-Entgiftungszentrum in Port-au-Prince errichtet, wird die Zukunft zeigen. Man darf gespannt sein.

Übersetzung: Christine Käppeler
12:15 24.01.2010
Geschrieben von

Marina Hyde | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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