Wenn der Sarg plötzlich knirscht

Beerdigungskurs Es ist ein Beruf mit einem morbiden Charme: Totengräber. Tanya Gold besucht einen Kurs, in dem man lernt, wie man fachgerecht ein Grab aushebt

Ich stehe in einer Grube und grabe immer weiter – und das nicht im übertragenen Sinn. Ich bin in der ausgesprochen hässlichen Stadt Peterlee im County Durham, um mein Diplom als Totengräberin zu machen. Es ist genauso schlimm, wie es klingt, aber am Ende habe ich die Lizenz, um Geschäfte mit dem Tod zu machen. Ich könnte auch Sie nun ins Grab bringen.

Meine Geschichte beginnt um neun Uhr morgens in der Umkleidekabine des Fußballvereins von Peterlee. Sie mögen nun vielleicht denken, dass das ein recht seltsamer Ort für einen Totengräberkurs ist, aber der Verein trainiert nun mal gleich neben dem örtlichen Friedhof. Mir ist noch kein Friedhof untergekommen, der so wenig Atmosphäre hat – grün, kalt, leer, so liegt er da. Die Umkleidekabine wurde nun zu einem Klassenzimmer umfunktioniert. Es riecht nach muffigen Sportklamotten und Orangennektar.

Anfang des Jahres hatte der Stadtrat von Peterlee das East Durham College dazu aufgefordert, wieder einen Totengräberkurs anzubieten. Die Gemeinde hatte ein Nachwuchsproblem, seit eine ganze Reihe von erfahrenen Totengräbern sich beruflich weiterentwickelt hatte.

Über 1.000 Gräber ausgehoben

Drei der Männer in meinem Kurs – Wayne, Paul und Gary – arbeiten bereits für die Stadt Peterlee. Sie sitzen hier, kauen auf ihren Stiften herum und sehen aus wie Fußballfans, die Tickets für ein Squash-Spiel bekommen haben. Gary ist jung und riesengroß. Paul ist ein pummeliger, finsterer Typ. Wayne lächelt immerhin gelegentlich. Er sagt, er habe bereits über tausend Gräber ausgehoben, wolle aber trotzdem das Zertifikat haben. „Was ist, wenn ich versage?“ fragt er mich. Ich setze mich neben Andrew, meinen vierten Mitschüler. Er ist Baumchirurg und möchte nebenher als freischaffender Totengräber arbeiten. „Ich bin schon auf den größten Baum Schottlands geklettert“, erzählt er mir.

Dave Miller, der Leiter des East Durham College, der heute unser Lehrer sein wird, tritt nach vorn. Er hat eine so unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Pete Postlethwaite, dass ich unwillkürlich flüstere: „Ich habe dich in Jurassic Park II angebetet, Pete, äh, Dave.“ Dave ist – es fällt mir nicht ganz leicht, das zu schreiben, denn für eine Satire ist das natürlich der falsche Charakterzug – sehr nett. Er ist freundlich, klug, gut organisiert und er hat ein Talent dafür, andere zu motivieren. Außerdem sagt er ziemlich oft „tipptopp“.

Er ist der Lehrer, den ich mir immer gewünscht habe. Stattdessen wurde ich von einer Horde von Alkoholikern unterrichtet, die in Tränen ausbrachen, wenn sie Keats vorlasen; insbesondere nach der Mittagspause.

Doch zurück zum Totengräbern. „Es ist ein Job für junge Kerle“, sagt Dave und sieht Gary an. Er selbst, sagt Dave, habe kaputte Knie. „Es ist ein Job für junge Kerle“, wiederholt Wayne und sieht ebenfalls Gary an. Er selbst, sagt Wayne, habe einen kaputten Rücken.

Gary ist erst 22 und seine Schultern sind gewaltig. Er spricht nicht – ich höre nicht ein einziges Mal, dass er reden, oder auch nur husten oder atmen würde. Doch er ist offensichtlich Daves einzige Chance auf einen Vorzeigeschüler, denn Wayne ist alt, Paul ist mollig und ich bin eine Guardian-Journalistin. Dave hält das Handbuch für den Kurs in die Höhe. Lehrbuch manuelles Graben steht auf dem Cover, darunter ist das Foto eines Friedhofs, der mit gespenstischen Bäumen überwachsen ist und aussieht wie aus einem Horrorfilm aus den Sechzigern.

Die Leiter ist unverzichtbar

Er knallt einen Stapel Blätter auf den Tisch und spricht die unheilverkündenden Worte: „Heute wird es um Gesundheit und Sicherheit gehen.“ Wir zucken merklich zusammen. „Gesundheit und Sicherheit“, das sind doch nur Euphemismen für „Gefahr im Verzug“. Wir sprechen dann drei Stunden lang über Leitern. Die Leiter ist für den Totengräber das, was ein Panzer für den Nazi oder Milch für den Kartoffelbrei ist – sie sind sein Lebenselixier. Eine Leiter sollte immer in einem Winkel von 90 Grad angesetzt werden. Klettere niemals auf die letzten drei Stufen einer Leiter. Klettere niemals auf eine kaputte Leiter. Komm bloß nicht auf die Idee, auf der Leiter dein Pausenbrot zu schmieren. Und so weiter.

Dann prüft Dave, ob wir in der Lage sind, eine leere Kiste richtig anzuheben. Paul bringt es fertig, grandios zu scheitern. „Du hast es falsch gemacht“, sagt Dave und lässt ihn die Übung wiederholen. Ich stelle mir vor, dass dies der schlimmste Augenblick in Pauls noch jungen Leben sein dürfte. Dann sieht Dave mich mit durchdringendem Blick an und fragt: „Tanya, was ist ein Sicherheitsrisiko?“ Das wäre dann wohl ich, Dave, sage ich. Ich weiß, du hast mich längst in dein Risikoanalyse-Schaubild miteinbezogen. „Irgendwelche anderen Sicherheitsrisiken?“ fragt er, ohne es abzustreiten.

Plötzlich knirscht es

Schließlich sagt Dave sie selber auf: a) das Grab stürzt ein, während man es ausgräbt; b) der Grabstein bricht ein; c) der Totengräber fällt ins offene Grab; d) der Totengräber vergisst eine Leiter mit ins Grab zu nehmen und steckt dort für immer, oder aber zumindest bis nach der Sportschau fest; e) man gräbt in einem Grab, das bereits belegt ist – das ist häufig bei Ehepaaren der Fall, die gerne gemeinsam bestattet werden wollen, aber nicht zwangsläufig auch gemeinsam sterben. Im schlimmsten Fall steht man auf dem Deckel des Sargs und spürt, wie die Füße einbrechen. Wayne ist das schon vier Mal passiert. "Du hörst ein Knirschen", sagt er und bricht ab. In diesem Moment entscheide ich, dass ich definitiv eingeäschert werden will. "Ich will verbrannt werden", sage ich. "Du wirst damit ganz schön die Umwelt verschmutzen", erwidert Wayne. "Insbesondere falls du bis dahin eine Prothese haben solltest."

Zeit für die Mittagspause. Ein Mann ist den ganzen Morgen über in der Küche herumgewuselt. Jetzt kommt er mit einem Tablett mit Würstchen im Schlafrock und dick belegten Sandwiches und allen mögliche anderen Dingen, die darauf zugeschnitten sind, dass sie uns so bald als möglich umbringen, woraufhin wir dann in XL-Särgen in XL-Gräbern beerdigt werden müssen. Wir lesen unser Handbuch und Dave die Daily Mail. Dann wird unser Sarg gebracht, ein Geschenk von Großbritanniens größtem Bestatter, gegen den Dave eine irrationale Abneigung hat. „Das bringt ihnen jede Menge kostenlose Publicity ein“, murmelt er düster, als der Sarg, der aussieht als sei er der billigste seiner Art, in unsere Richtung geschleppt wird. Er sieht wie ein Barbie-Sarg aus.

Manche wollen mit Handy beerdigt werden

Am nächsten Morgen ist es Zeit, ein Grab auszuheben. Wir warten darauf, dass der Sarg auf den Laster geladen wird; Dave sieht ihn immer noch missmutig an, als habe ihn der Sarg persönlich beleidigt. Wayne erzählt uns, dass die Leute mit allen möglichen Dingen beerdigt werden wollen. „Schmuck“, sagt er. „Und Handys.“ Ich habe schon davon gehört – man schickt dem Verstorbenen eine SMS und dann piept das Telefon im Sarg. Warum nicht gleich ein Faxgerät. Es scheint offensichtlich Leute zu geben, für die das etwas Beruhigendes hat. Ich zähle nicht dazu.

Wir biegen in den Friedhof ein und Wayne und Gary legen Holzbretter auf den Boden. Ich fühle mich wie im Film, allerdings in einem schlechten – ich bin mir nicht sicher, ob es eher The Wicker Man oder ein Ken Loach-Film ist. Wayne und Gary legen eine Schablone auf den Erdboden. Sie ist grundsätzlich grabförmig, aber sie kann für dicke, kleinwüchsige, magersüchtige und besonders große Menschen angepasst werden.

„Wir sind auf der Suche nach einer schönen Form“, sagt Wayne, „damit der Sarg ohne Behinderung nach unten geht. Er darf nicht steckenbleiben.“ Passiert das denn manchmal? „Ja“, meint Wayne, „und dann musst du ihn mit Gewalt hinunterdrücken.“ Den Verwandten gefiele das überhaupt nicht, fügt er hinzu. Ich frage ihn, ob er gerne Totengräber ist. „Es hält mich in Form“, sagt er. Woran er denke, wenn er ein Grab aushebt? „Fußball“, antwortet er.

Wir heben ein Übungsgrab aus

Heute heben wir ein unechtes Grab aus, ein Übungsgrab, das leer bleiben und später wieder aufgefüllt werden wird. Wir fangen von Hand zu graben an, was extrem langweilig und schmerzhaft ist. Bei allen Gräbern fängt man von Hand an. Wenn man ein Grab öffnet, das bereits belegt ist, dann hat man keine andere Wahl und muss das ganze Ding von Hand ausgraben, denn mit dem Bagger kann man nicht einfach mitten zwischen die Gräber fahren.

Als das Grab beinahe einen Meter tief ist, weist Dave Andrew an, hinunter zu steigen: „Anders geht es nicht.“ Aus irgendeinem Grund tut Andrew mir wahnsinnig leid, wie er da im Grab steht und mit Schlamm bedeckt ist.

Wir holen den Bagger. Es ist, als würde man mit einem gigantischen Dr-Seltsam-Arm hantieren. Wir nehmen Matten aus Kunstrasen und werfen sie in das Loch, dann arrangieren wir noch mehr Kunstrasen rundherum. In Peterlee steht man auf hübsche Gräber. Und was soll ich sagen? Es sieht ziemlich hübsch aus für ein Grab. Wie ein kleines Hockey-Feld mit einem Loch in der Mitte.

Und dann ist Showtime! Wir packen den Sarg auf unsere Schultern. Naja, alle außer mir – weil ich so klein bin, stütze ich ihn mit meinem Kopf, wie ein Zwerg. Wayne hat zwei Seile über das Grab gelegt, darauf legen wir den Sarg ab und lassen ihn hinunter. Es ist das Seltsamste, was ich je getan habe, aber irgendwie genieße ich es. Was wir da tun, ist außerordentlich sinnlos.

Das Übungsgrab wird abgeschlossen

Wayne legt einen Deckel über das Grab und schließt es mit einem Vorhängeschloss ab. „Man muss die Leute davor schützen, ins Grab zu fallen“, erklärt Wayne. Bislang sei seines Erachtens noch keiner in ein Grab gefallen, aber er kenne einen Typen namens Young Ray, der sei nur deshalb nicht hineingefallen, weil er sich an einem Anhänger festhielt. Es ist vorbei. Ich sage allen auf Wiedersehen und flüchte in Richtung Bahnhof.

Ein paar Tage später bekomme ich per Post das Zertifikat, mit freundlicher Genehmigung von Dave. „Teilnahmebestätigung“, steht darauf, „Kurs im manuellen Grabausheben“. Das ist doch mal was für den Lebenslauf – und es ist pink und türkis und mit kleinen Wolken übersät. Glücklich ordne ich es zu meinen Unterlagen. Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt. Ich kann mir mein eigenes Grab schaufeln.

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:00 30.03.2010
Geschrieben von

Tanya Gold | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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