„Wenn es ums Klima geht, wird geheuchelt“

Interview David Wallace-Wells ist einer der profiliertesten Klimajournalisten der Welt. Hier erklärt er, warum Selbstbetrug nicht dabei helfen wird, die Katastrophe zu verhindern
„Wenn es ums Klima geht, wird geheuchelt“
In Grönland könnte schon bald Badewetter herrschen

Foto: Walter Diaz/AFP/Getty Images

David Wallace-Wells ist stellvertretender Chefredakteur des New York Magazines. Im Juli 2017 schrieb er einen langen Essay über die düsteren Aussichten, die die Klimakatastrophe für die menschliche Zivilisation bereithält, der ebenfalls im Freitag erschien. Der Text wurde zum meistgelesenen Artikel in der Geschichte des NY Magazines und zum meistgeklickten auf Freitag.de. Dieser war des Weiteren Grundlage für sein Buch, The Uninhabitable Earth: A Story of the Future, das kürzich auf Deutsch erschienen ist.

Ihr Buch beginnt mit dem Satz: „Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken.“ Würden Sie noch ein weiteres „viel“ hinzufügen, wenn Sie sich heute noch einmal hinsetzen würden, um das Buch zu schreiben?

David Wallace-Wells: Ich bin immer noch der Auffassung, dass die Öffentlichkeit sich um einige der beunruhigenden Dinge, die in diesem Jahrhundert möglich sind, nicht genügend Sorgen macht. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Dinge sich ein wenig geändert haben – und die Politik sogar sehr. Als ich das Buch im September an den Verlag schickte, hatte noch niemand von Greta Thunberg, Fridays For Future oder Extinction Rebellion gehört. In den USA war Sunrise erst sehr wenigen ein Begriff, und Alexandria Ocasio-Cortez war noch nicht einmal gewählt.

In den USA ist jemand, der die Klimakatastrophe leugnet, Präsident, obwohl Teile des Landes regelmäßig überflutet werden, obwohl es mehr Waldbrände gibt und die Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius steigt. Wie erklären Sie sich das?

Das ist zwar richtig, tatsächlich ist es jedoch ziemlich bemerkenswert, wie viele Amerikaner davon überzeugt sind, dass der Klimawandel stattfindet. Jay Inslee – der Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden wollte – zufolge wollen 75 % der Wählerinnen und Wähler, dass etwas unternommen wird, während es vor 12 Monaten nur 63 % gewesen sind – das ist bemerkenswert. Anfang des Monats erschien in der New York Times ein Text darüber, für wie viele junge Republikaner dies gilt. Es ist für sie das wichtigste Thema.

Im Nominierungswahlkampf der Demokraten scheint es eine Spaltung zu geben zwischen Kandidaten, die sich für einen vollständigen Systemwechsel wie den „Green New Deal“ aussprechen, und anderen, die einen langsameren und schrittweisen Prozess bevorzugen, weil sie glauben, dies sei der einzige Weg, um Gesetze verabschiedet zu bekommen. Was ist der effektivste Ansatz?

Die Wissenschaft fordert eine recht systematische Antwort. Eine schrittweise Politik ist einfach nicht angemessen, wenn man verhindern will, dass die Erderwärmung katastrophale Ausmaße annimmt. Aber auch ambitionierte Gesetze müssen vom Senat verabschiedet werden und ich glaube nicht, dass es ein Szenario gibt, in dem ein demokratischer Präsident 2021 mit mehr als sechzig demokratischen Stimmen – einer Drei-Fünftel-Mehrheit – gewählt wird.

Auf der anderen Seite waren die vergangenen Regierungen recht kreativ, wenn es darum ging, das einzusetzen, was „Budgetabstimmung“ genannt wird, welche man benutzen kann, um Dinge mit nur 51 Stimmen – also einer einfachen Mehrheit – durch den Senat zu bringen. Dazu muss man das Gesetz nur als Budget-basiert definieren. Das ist der einzige Grund, weshalb es sich bei so vielen Plänen der Demokraten im Grunde um Investitionsprogramme handelt.

Inslee war ambitionierter, was Details darüber anbelangt, wie er das Erdöl- und Erdgasgeschäft regulieren würde, während einige der anderen Kandidaten im Grunde nur eine Art Green New Deal oder Green Marshall Plan angekündigt haben – ein gewaltiges Ausgabenprogramm für Erneuerbare-Energie-Projekte.

Sind Sie zuversichtlich, dass Technologien wie Geoengineering und CO2-Abscheidung eine entscheidende Rolle dabei spielen werden, den Klimawandel abzuschwächen? Einige Klimaschützer und Wissenschaftlerinnen vertreten die Ansicht, dass diese noch unbewiesenen Methoden uns nicht helfen können und der Erdölindustrie lediglich eine Lizenz ausstellen, mit der Verschmutzung weiterzumachen.

Ich sehe mir die wissenschaftlichen Erkenntnisse an, die besagen, dass eine Welt, in der man gut leben kann, sich nicht stärker als zwei Grad erwärmen darf. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es eine Möglichkeit geben wird, wie wir das ohne eine recht dramatische Menge an negativen Emissionen erreichen können.

Doch ich bin mir auch sehr bewusst, dass es eine weit verbreitete technooptimistische Sicht gibt – insbesondere unter reichen Amerikanern: dass wir einfach etwas erfinden können, das das Problem lösen wird.

Der UNO zufolge müssen wir die weltweiten Emissionen bis 2030 halbiert haben, um eine katastrophale Erderwärmung zu verhindern. Wir machen uns wirklich große Illusionen darüber, wie schnell neue Technologien massenhaft anwendbar sind. Heute sind wir schließlich noch sehr weit von einer 747 entfernt, die sich mit CO2-freiem Treibstoff betanken lässt.

Wir können uns darauf einigen, zu dekarbonisieren – unsere Landwirtschaft überdenken, auf eine fleischfreie Ernährung hinarbeiten und so weiter – aber wir leben nicht in einer globalen zentralisierten Kommando- und Kontrollwirtschaft. Jedes Land hat seine eigenen politischen Ziele. Wie bringt man die Welt dazu, zusammen zu handeln?

Das ist schwieriger als das technologische Problem. Es gibt viele Fälle von dem, was ich für Heuchelei halte, wenn es ums Klima geht. Wenn Kanada zum Beispiel den Klimanotstand ausruft – und am nächsten Tag einer neuen Ölpipeline zustimmt.

Jedes einzelne Land könnte seine Dekarbonisierung recht entschieden vorantreiben und dennoch mit dem exakt gleichen Klima leben müssen, dass es geben würde, wenn es überhaupt nichts unternähme, solange der Rest der Welt nicht mitzieht. Keine der großen Industrienationen hat bereits alles Nötige getan, um ihre in Paris gegebenen Verpflichtungen zu erfüllen.

Meine einzige Hoffnung besteht darin, dass fast die Hälfte unserer weltweiten Emissionen von nur zwei Ländern produziert werden – den USA und China. Vielleicht ist das naiv, aber ich hoffe, dass zwischen diesen beiden Ländern ein Kooperationsabkommen zustandekommt, ähnlich den Verträgen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen, die die USA und die Sowjetunion im Kalten Krieg abgeschlossen haben. Die beiden Staaten blieben Rivalen, engagierten sich aber nichtsdestotrotz gemeinsam dafür, den Planeten vor einer existenziellen Bedrohung zu schützen.

Wenn die USA und China in dieser Frage wirklich eine entschlossene Führung übernehmen würden, würde das Problem des kollektiven Handelns an Bedeutung verlieren – die mächtigsten Länder der Welt können den Willen der weniger Mächtigen beugen.

Einige Umweltschützer argumentieren, dass wir die Idee des ewigen Wirtschaftswachstums überdenken müssen – dass wir unsre Erwartungen an die Annehmlichkeiten und den Luxus des modernen Lebens neu ausrichten müssen.

Dazu habe ich noch keine feste Vorstellung. Aber meiner Ansicht nach müssen wir die Aussicht auf Wirtschaftswachstum nicht aufgeben, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Ich betrachte den Fall der USA und denke, dass wenn der durchschnittliche Amerikaner die durchschnittlichen CO2-Emissionen eines durchschnittlichen Europäers hätte, die Emissionen um 60 Prozent zurückgehen würden. Und ich glaube, die meisten Amerikaner wären mit diesem Lebensstil immer noch sehr zufrieden.

Das amerikanische Elektrizitätsnetz verliert zwei Drittel der als Abwärme produzierten Energie. Wir verschwenden um die 50 oder 60 Prozent unserer Lebensmittel. Hier könnten wir einige ganz erhebliche Emissionsgewinne erzielen.

Sehen Sie sich immer noch als Journalist oder haben Sie sich zum Aktivisten entwickelt?

Ich sehe mich noch immer als Journalist, und ich weiß nicht, wie lange das noch so bleiben wird. Ich fühle mich noch immer mehr als Chronist der Geschichte und weniger wie ein Protagonist eben dieser. All die neue aktivistische Energie, die wir im Laufe des vergangenen Jahres gesehen haben, ermutigt mich sehr. Ich finde das wirklich sehr aufregend.

Millennials sagen, sie hätten wegen der Umweltkrise Bedenken, Kinder zu bekommen – sie machen sich Sorgen, dass ihre Enkel und vielleicht schon ihre Kinder in einer unwirklichen und unsicheren Welt leben würden. Sie sind vor kurzem Vater geworden …

Ich finde, wir müssen für eine Welt kämpfen, in der wir leben wollen, anstatt die Hoffnung aufzugeben, bevor der Kampf wirklich vorbei ist. Die Welt wird wärmer werden. Fast unvermeidlich wird das Leid sich dadurch vergrößern. Doch wie sehr, das liegt wirklich an uns.

An welchem Punkt sollte Panik einsetzen? Es ist vorstellbar, dass es bis Ende des Jahrhunderts zu einer Erwärmung um vier Grad Celsius kommen wird, was Migration aus Regionen wie dem Nahen Osten und Asien in Regionen mit dann mildem Klima wie Sibirien und Grönland zur Folge hätte − kein besonders sanfter Übergang für die menschliche Zivilisation.

Es scheint schwer vorstellbar. Dennoch sehen wir bereits eine gewisse Panik. Die beträchtliche Migration aus Zentralamerika in die USA zum Beispiel.

Ich persönlich bin entsetzt darüber, wie langsam sich unsere Politik an sie anzupassen beginnt. Wir müssen sehr viel offener und aufmerksamer gegenüber dem Leid der Menschen auf der ganzen Welt sein und nicht so verschlossen und hartherzig – wie fast alle westlichen Länder in den vergangenen zehn Jahren mit Flüchtlingen umgegangen sind.

Wir sehen auch Panik in den Protestbewegungen, die im Wesentlichen erklären, dass die bestehenden Machtstrukturen und Prioritäten einfach nicht ausreichen, um diese Klimakrise mit den Mitteln anzugehen, die erforderlich wären.

Zur Person

David Wallace-Wells ist Kolumnist und stellvertretender Chefredakteur beim New York Magazine, wo er häufig zu Themen wie dem Klimawandel und der Zukunft von Wissenschaft und Technologie schreibt. Im Juli 2017 verfasste er eine Titelgeschichte zu den dramatischen Konsequenzen der Erderwärmung, die innerhalb kürzester Zeit Millionen Leser erreichte. Er löste damit eine globale Debatte unter Wissenschaftlern und Journalisten aus, über die Art und Weise, wie über die Bedrohung durch den Klimawandel informiert werden sollte

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 30.08.2019
Geschrieben von

Ian Tucker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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