Wer ist die Bedrohung für wen?

Coronavirus Rechtspopulisten in ganz Europa nutzen den Ausbruch, um Hass auf Minderheiten zu schüren. Mit tödlichen Folgen
Wer ist die Bedrohung für wen?
In Griechenland sollen „geschlossene Lager“ für Asylsuchende errichtet werden

Foto: Adam Berry/Getty Images

Immer wenn ich Vorträge über die „Flüchtlingskrise“ in Europa halte, beginne ich mit einem Foto eines Rettungsbootes, das 2015 im Hafen von Augusta auf Sizilien landete. Es zeigt ein junges Mädchen afrikanischer oder nahöstlicher Herkunft, das einen europäischen Beamten von Kopf bis Fuß bedeckt in weißer Schutzkleidung, mit Gesichtsmaske und Schutzbrille misstrauisch anschaut. Wer, das frage ich die Zuschauer, ist die Bedrohung für wen?

Daniel Trilling ist ein britischer Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind Migration, Nationalismus und Menschenrechte. Er ist ist der Autor von Lights in the Distance: Exile and Refuge at the Borders of Europe

Jetzt, da das Coronavirus nach Europa gekommen ist und Rechtsnationalisten sich auf die Suche nach Sündenböcken begeben, ist diese Frage erneut von großer Dringlichkeit. In Italien hat der rechtsextreme Oppositionsführer Matteo Salvini die Regierung attackiert, weil sie ein Boot mit 276 Menschen aus Afrika, die im Mittelmeer gerettet wurden, in Sizilien anlegen ließ. Obwohl Europa Afrika in Bezug auf bestätigte Coronavirus-Fälle weit übertrifft – in Afrika gab es bisher einen Fall in Ägypten –, stellte Salvini diesen Akt des Humanitarismus als Rücktrittsgrund für Italiens Premierminister Giuseppe Conte dar und beschuldigte ihn, nicht in der Lage zu sein, „Italien und die Italiener zu beschützen“. Gerettete Migranten gehen seit vielen Jahren in Italien von Bord – dies hat nie zu größeren Krankheitsausbrüchen unter den Italienern geführt. Dagegen sind derweil viele Migranten auf See gestorben, weil es an der Bereitschaft zu ihrer Rettung fehlte.

In Frankreich hat Marine Le Pen die Verbreitung des Coronavirus dazu genutzt, erneut die Schließung der französischen Grenze zu Italien zu fordern und damit das Schengenabkommen auszusetzen. Dies steht im krassen Widerspruch zu den aktuellen Empfehlungen zur Eindämmung der Verbreitung des Virus der Weltgesundheitsorganisation, entspricht aber der seit langem vertretenen Ansicht Le Pens, dass die Grenze geschlossen werden sollte, um die unerwünschte Einreise von Asylbewerbern aus Italien nach Frankreich zu verhindern. Tatsächlich gibt es bereits heute strenge Polizeikontrollen an dieser Grenze. Die Maßnahmen, Migranten am Übertritt zu hindern, haben zu einer Reihe von Todesfällen geführt – auf Eisenbahnschienen und lebensfeindlichen Gebirgspässen, da die Flüchtenden immer gefährlichere Routen einschlagen.

Mahnmal der Missstände

Die nationalistische Regierung in Griechenland hat die Gefahr einer Coronavirus-Infektion als Grund dafür angeführt, ihren umstrittenen Plan voranzutreiben, „geschlossene“ Lager – mit anderen Worten: Gefangenenlager – für Asylsuchende zu bauen, die aufgrund europäischer Vorgaben auf den ägäischen Inseln Lesbos und Chios festsitzen. Die Situation – ein Mahnmal der Missstände der „teuersten humanitären Hilfsaktion der Geschichte“ – ist schon lange eine Bedrohung: für die physische und psychische Verfassung der Menschen, die in überfüllten und ungeeigneten Unterkünften untergebracht sind. Ein in der Washington Post veröffentlichter Bericht behauptet, dass die Mahlzeiten für die dort Gestrandeten nicht einmal den Mindestkalorienbedarf decken.

Es ist wichtig, auf die rassistischen Vorurteile hinzuweisen, die dazu führen, dass ethnische Gruppen und Kategorien von Einwanderern für den Ausbruch von Krankheiten verantwortlich gemacht werden. Wie man sieht, hat allein der Ursprung des neuen Coronavirus-Ausbruchs in Wuhan antichinesischen Ressentiments in vielen Teilen der Welt Vorschub geleistet. Das ist jedoch noch nicht alles. Wenn Nationalisten anfangen, über Krankheiten zu sprechen, spielen sie ein besonders schmutziges Spiel. Wie die Anthropologin Mary Douglas in ihrer wegweisenden Studie Purity and Danger schrieb, festigen menschliche Gesellschaften oft mittels Tabus rund um Sauberkeit und Schmutz ihre Gruppenidentität. Ihr zufolge ist Schmutz alles, was eine Gemeinschaft als „deplazierten Fremdkörper“ betrachtet. In der nationalistischen Propaganda werden „deplazierte“ Menschen – Immigranten, religiöse und ethnische Minderheiten, ausgegrenzte soziale Gruppen – häufig als schmutzig bezeichnet. Mit tödlichen Folgen.

In Italien, wo bis dato die höchste Anzahl von Coronavirus-Fällen in Europa aufgetreten ist, wird das öffentliche Unbehagen zu einer Massenpanik, die durch absurde Behauptungen in traditionellen und Online-Medien angeheizt wird. „Die Regierung hilft bei der Verbreitung des Virus", titelte kürzlich die rechte Tageszeitung Libero. „Für Conte und seine wissenschaftlichen Berater ist Rassismus [gegen Menschen ostasiatischer Herkunft] die Krankheit, nicht das Coronavirus.“ In anderen Medien wurde eine „Jagd“ auf den „Patient Zero“ ausgerufen, den Menschen, der als erster das Virus ins Land brachte. Dazu passt die allgemeine Atmosphäre, in der Eliten misstraut wird und Verschwörungstheorien weit verbreitet sind.

Es wird ein Sündenbock gesucht

Italien ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Die Voraussetzungen, die den Nährboden für den Rechtspopulismus liefern, sind dieselben, bei denen es zu grausamen Gegenreaktionen auf die Ausbreitung von Krankheiten kommen kann. Eine stümperhafte offizielle Reaktion auf das neue Coronavirus wird nicht nur unsere Gesundheit bedrohen, sondern auch die Gefahr beinhalten, Ängste in der Öffentlichkeit zu schüren. Wenn Politiker wegen ihres Versagens unter Druck geraten – Donald Trump zum Beispiel entließ 2018 die komplette US-Kommandokette zur Reaktion auf Pandemien – dann werden sie versuchen, einen Sündenbock zu finden.

Um dieser nationalistischen Rhetorik effektiv entgegenzutreten, bedarf es mehr als nur einer bloßen Verurteilung und Mythenbeseitigung. Kurzfristig muss die Reaktion auf Krankheitsausbrüche zwar von Experten für öffentliche Gesundheit geleitet werden, aber es ist ebenso wichtig, zu versuchen, die Sozialsysteme langfristig widerstandsfähiger zu machen und das Vertrauen der Menschen in sie zu stärken.

Wenn ich an Augusta, in Sizilien, denke, das ich im Rahmen meiner Berichterstattung oft besucht habe, denke ich nicht nur an das eine oben beschriebene Foto. Ich denke an den Moment, in dem ich eine Menschenmenge sah, die von einem Rotes-Kreuz-Stand medizinische Hilfsgüter erhielt. Es waren keine Flüchtlinge, sondern Italiener, die sich aufgrund von Armut keine medizinische Versorgung leisten konnten. Wenn wir zulassen, dass Politiker eine dieser Gruppen gegen die andere ausspielen, dann werden wir alle verlieren.

Übersetzung: Jan Jasper Kosok

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11:04 28.02.2020
Geschrieben von

Daniel Trilling | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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