Wer lächelt, muss es nötig haben

Feine Unterschiede Die Psychologie lehrt, dass wir uns zu glücklichen Menschen hingezogen fühlen. Aber warum sind dann so viele Prominente in der Öffentlichkeit demonstrativ schlecht gelaunt?

Alle paar Tage stoße ich auf ein neues Exemplar jener Gattung, die mit Sicherheit die Krone der Schöpfung des Internetzeitalter ist: das Lächerlich Spezialisierte Monothematische Blog. Das Resultat ist, dass ich viel zu viel Zeit damit verbringe, Seiten zu durchstöbern, die Namen tragen wie Angry People In Local Newspapers, Goths In Hot Weather oder Glum Councillors, die alle ausschließlich aus Artikeln bestehen, in denen es um genau das geht, was der Name der Website verspricht: Wütende Menschen in regionalen Tageszeitungen, Goth-Typen, die die Sonne mögen und schlecht gelaunte Stadträte.

Doch keine dieser Seiten hat mich so sehr beeindruckt wie Unhappy Hipsters. Das Blog ist ein Sammelsurium an Fotos aus exklusiven Einrichtungsmagazinen, auf denen die besagten Hipster in gigantischen, minimalistischen Villen aus Glas und Stahl abspannen und dabei, ohne Ausnahme, wie ein Häufchen Elend aussehen. Auf einem der Bilder bläst ein Mann mit modischer Brille neben einer weißen Leinwand Trübsal. „Auf der Vernissage“, lautet die satirische Bildunterschrift, „hatte man ihn davon überzeugt, die leere Leinwand symbolisiere unendliche Möglichkeiten. Zurück in seiner Villa, war sie nichts anderes als ein weiteres Mahnmal seiner Verzweiflung.“ Unhappy Hipsters ist nicht komisch. Die Seite ist eine Heimsuchung.

Kantige Formen lösen Angst aus

Weshalb die langen Gesichter? In der Zeitschrift Psychology Today mutmaßte die Designerin Ingrid Fetell, modernistische Umgebungen seien womöglich von Natur aus bedrückend. Es könne sein, dass ungesättigte Farben unser vegetatives Nervensystem und damit unsere Lebhaftigkeit dämpfen; auch gebe es Beweise dafür, dass kantige Formen eine unbewusste Angstreaktion auslösen, unter Umständen deshalb, weil wir im Zuge der Evolution gelernt haben, die Kanten in der Natur – etwa von Klippen oder Felsen – mit Gefahr in Verbindung zu bringen.

Ich glaube jedoch, dass die Hipster nur ein weiteres Beispiel eines wohlbekannten Phänomens sind, das nicht weniger rätselhaft ist: Es gibt einen Zusammenhang zwischen schlechter Laune und Coolness. Glücklich auszusehen ist nicht angesagt. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Model grinsend über einen Laufsteg gehen sehen? Keine geringere als Victoria Beckham hat dieses Phänomen das „Schlechtgelaunte-Kuh-Syndrom“ genannt und scheint sich der Ironie sehr wohl bewusst zu sein. „Wenn ich lächeln würde, wären die Leute verstört“, sagte sie einmal.

Ein Prada-Modell hat es nicht nötig zu lächeln

Auch amerikanische Psychologen haben sich des Rätsels angenommen. Sie schnitten aus Werbeanzeigen die Köpfe von Models aus und forderten ihre Probanden dazu auf, deren Stimmung zu bewerten. Die überwältigende Mehrheit bewertete die Stimmung der Models, die für teurere Marken warben, als düsterer. Laut Timothy Ketelaar, der die Studie leitete, signalisiert das Ergebnis, dass uns ein Lächeln auf Gefallsucht schließen lässt, was als Anzeichen eines niedrigen Status bewertet wird. Wenn ein Prada-Model nicht lächelt, dann ganz gewiss, weil sie es nicht nötig hat. Marken, die sich mit ihren Anzeigen an weniger wohlhabende Kunden wenden, setzen auf lächelnde Models, die einen niedrigeren Status und damit aber auch Erschwinglichkeit suggerieren.

Allgemeiner gesagt: Wer glücklich aussieht, wird eher als dümmlich, langweilig und unkreativ eingeschätzt. („Die drei Voraussetzungen des Glücks sind Dummheit, Selbstsucht und eine stabile Gesundheit“, klagte schon Flaubert, „wobei die anderen beiden unnütz sind, sofern es an der Dummheit fehlt.“) Das Bild vom grübelnden Künstler fasziniert; Heiterkeit lässt darauf schließen, dass einer die Tragödie der menschlichen Existenz nicht kapiert.

Doch eigentlich ist es genau umgekehrt. Die Psychologie lehrt uns, dass wir uns zu glücklichen Menschen hingezogen fühlen. Selbst wenn es vielleicht stimmen mag, dass die kreativsten Köpfe unglücklich sind, so bedeutet es umgekehrt noch lange nicht, dass jeder kreativer wird, der sich unglücklich macht. Wer so denkt, der glaubt auch, dass ein Nike-Stirnband aus ihm einen Roger Federer macht. Deshalb lautet meine Botschaft an all die verspannten Hipster: Lasst los! Macht euch locker! Tanzt, als wärt ihr der einzige Mensch auf der Welt – wobei, halt, Stopp, vergessen Sie, was ich da zuletzt geschrieben habe. Der gläserne Couchtisch hinter ihnen sieht ganz schön zerbrechlich aus.

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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Oliver Burkeman | The Guardian

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