Wer rettet Gordon Brown?

Ratschläge Beststellerautor Tim Parks macht sich Gedanken, ob der britische Premierminister sich an der Machttheorie von Machiavelli orientieren sollte

Könnte Niccolò Machiavelli Gordon Brown retten? Mir kam dieser Gedanke beim Übersetzen von Der Fürst. Besessen davon, Macht zu erlangen und sie zu bewahren, analysiert Machivalli einen Aspekt nach dem anderen: erfolgreiche Strategien, die schlimmsten Fehler, Persönlichkeit, Glück, Image, alles.

Welchen Rat würde er also Gordon Brown geben? Keinen. Machiavelli war viel zu clever, um seine Worte an einen benommenen, angeschlagenen Mann zu vergeuden, der durch seine letzte Runde taumelt. Als er das Buch fertig gestellt hatte, änderte er noch einmal die Widmung, um klarzustellen, dass es sich an diejenigen richtet, die er auf dem Weg nach oben sah und die ihren Zenit noch nicht überschritten hatten – Machiavelli würde Cameron beraten.

Was aber, wenn Brown eine Ausgabe des Fürsten zur Hand nähme? Könnte ihm die Lektüre helfen? Schließlich meinte Machiavelli mit dem Fürsten schlicht den, der die Macht inne hat, egal ob es sich bei diesem um einen Papst, einen König, einen Eroberer des Heiligen Römischen Reiches oder den Herrn über einen Weiler mit zwei Türmen irgendwo in der Toskana handelt. Und Brown ist immer noch der Mann an der Macht. Noch.

Schlechte Nachrichten für Brown

Gleich zu Beginn macht Machiavelli eine wichtige Unterscheidung zwischen Herrschern, die aus eigener Kraft an die Macht gelangt sind und solchen, denen sie geschenkt wurde. Schlechte Nachrichten für Brown. Natürlich war der Kontext ein völlig anderer, schließlich nimmt man Westminster nicht mithilfe von Kavallerie und Belagerungsmaschinen ein. Aber Machiavelli war immer um Prinzipien bemüht, die in jedem Kontext ihre Gültigkeit haben sollten. Der Mann, der sich die Macht erkämpft, muss eine übermenschliche Anstrengung vollbringen, um an die Spitze zu gelangen. Hat er es aber erst einmal geschafft, kann er sich getrost ausruhen. Er hat seine Feinde auf ihre Plätze verwiesen und einen neuen politischen Kontext geschaffen. Er genießt Respekt. Niemand wird ihn herausfordern. Das galt für Tony Blair.

Wer aber die Macht geschenkt bekommt, wird stets als schwächer betrachtet werden als derjenige, der sie ihm schenkte. Ein solcher Führer „weiß nicht, wie er sich an der Macht halten kann und selbst wenn er es wüsste, könnte er es nicht“ – jeder wird versuchen, ihn herauszufordern. Nie wird ihm derselbe Respekt zuteil werden. Nur ein Mensch mit außergewöhnlichen Talenten vermag dieses Handicap zu überwinden. Machiavelli führt als Beispiel Cesare Borgia an.

Könnte es zwei Führungspersonen geben, die unterschiedlicher sind als Brown und Borgia? Nachdem ihm sein Vater, Papst Alexander VI, die Region Romagna vermacht hatte, machte Borgia innerhalb weniger Jahre alle potentiellen Feinde ausfindig und ließ sie aus dem Weg räumen. Unter geheuchelter Freundlichkeit und christlicher Tugendhaftigkeit brachte er sie in seinen Griff und ließ sie dann erdrosseln. „Wenn ein Führer überleben will, muss er lernen, nicht mehr gut zu sein“, schreibt Machiavelli. Auf der anderen Seite sorgte Borgia dafür, dass Romagna gut regiert wurde. Als er an die Macht kam befand er, die Region sei bislang „von schwachen Führern verwaltet“ worden, die das Volk seines Reichtums beraubt hätten. Er ernannte Remirro de Orco, einen „grausamen“ Mann, der „keinen Unsinn macht“, um die Dinge in Ordnung zu bringen.

Als dann alles zum besten bestellt war und die Menschen ihren neu gewonnenen Wohlstand genossen, zog Borgia De Orco für die Gewalt zur Verantwortung, die nötig gewesen war, um diesen Zustand zu erreichen und ließ ihm auf dem Marktplatz den Kopf abhacken. Die Leute waren beeindruckt.

Ein Führer muss Respekt einflößen

Es ist schwer, hier einen Vergleich zu ziehen. Machiavelli hätte von Brown sicher nicht erwartet, seine Gegner ebenfalls zu ermorden zu lassen, hätte ihm aber sicherlich geraten, sich der Anhänger Tony Blairs zu entledigen. Seinen Gegner Posten im Kabinett zu übertragen, macht sie nicht verlässlicher. „Wer glaubt, ein Mann würde frühere Kränkungen vergessen, nur weil er neuerliche Förderung erfahren hat, sollte noch einmal nachdenken“, schreibt Machiavelli. Mandelson ist hierfür ein gutes Beispiel.

Und was ist mit den Banken, die uns unseres Geldes beraubt haben, den Parlamentariern und Ministern, die unsere Steuergelder für ihre Zweitwohnungen ausgegeben haben? Es spielt keine Rolle, dass Brown in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs Schatzkanzler war, dass die wirtschaftliche Lage komplex ist und die Abgeordneten unterbezahlt sind. Wie Machiavelli wusste, kommt es allein darauf an, wie die Öffentlichkeit die Situation wahrnimmt. Ein Führer muss Respekt einflößen. Das Schlimmste, was einem, dem die Macht geschenkt wurde, passieren kann, ist schwach zu erscheinen.

Wäre Brown umgehend und schonungslos mit den Bankern und ihren Boni verfahren, hätte er sofort und voller Härte die Entlassung aller Parlamentarier verlangt, die bei ihren Spesenabrechnungen betrogen haben, hätte er sich damit vielleicht den nötigen Respekt verschafft. Dass dies an der wirtschaftlichen Situation nichts geändert hätte, tut dabei nichts zur Sache. „Ergreife die Initiative“, hätte Machiavelli ihm gesagt. „Es ist besser, gefürchtet als geliebt zu werden.“ Aber Brown ist nicht der Typ dafür, schließlich wollte er die Macht auch gar nicht aus persönlichen Gründen ergreifen.

Das vielleicht Faszinierendste an Der Fürst ist die Art, wie Machiavelli im Verlauf des Buches seine Position verändert. In den ersten Kapiteln hält er es für ausreichend, den potentiellen Führungskräften ein paar Rollenmodelle und Prinzipien an die Hand zu geben. Schritt für Schritt erkennt er dann aber immer mehr die Bedeutung von Persönlichkeit, Umständen oder “Glück“. Während er darüber nachdenkt, dass das schwerste aller Dinge ist, sich zu verändern, um sich einer neuen Situation anzupassen, endet er mit folgender Überlegung: "Doch halte ich es für besser, stürmisch als besonnen zu sein; denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, dass sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen läßt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen; daher ist sie als Weib stets den Jünglingen zugetan, weil diese weniger besonnen und stürmischer sind und ihr mit größerer Kühnheit befehlen.

Stürmisch und kühn ist Brown nicht. Und man kann sich auch schwer vorstellen, wie er schlägt und stößt. Bald wird er ohnehin nur noch seinen Ruhestand bewältigen müssen.


Tim Parks ist ein englischer Schriftsteller und Übersetzer. Seit 1981 lebt er in Italien. Er hat elf Romane geschrieben, darunter in deutscher Übersetzung Stille, Doppelleben und Weißes Wasser. Sein soeben erschienenes Buch heißt .

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

12:50 10.07.2009
Geschrieben von

Tim Parks, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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