Wer sucht, der findet (egal, was)

Mythenkiller Hauptsache sicher: Was kluge Pferde, Drogenhunde und Hirnscanner gemeinsam haben - und warum ein Würstchen wirkt wie Dynamit

In der Wissenschaft geht es darum Hypothesen zu widerlegen. Und egal, was Verschwörungstheoretiker behaupten, eine gute Möglichkeit, sich in der akademischen Welt einen Namen zu machen, besteht in der Anfechtung liebgewonnene Weltbilder. Zwei lustige Beispiele, über die im vergangenen Monat auf breiter Ebene berichtet wurde:

Haben Spürhunde wirklich so gute Nasen, dass sie Menschen, Drogen oder Sprengstoff erschnüffeln können? Tiere reagieren auf Menschen, vor allem Haustiere tun das – genau dazu sind sie schließlich da. Und genau deshalb funktioniert bei ihnen auch der Placebo-Effekt so gut (wie übrigens auch bei kleinen Kindern).

Würstchen ziehen immer

Der Kluge Hans jedenfalls war ein Pferd, das lesen, buchstabieren, rechnen und Töne unterscheiden konnte. 1907 fand der Psychologe Oskar Pfungst heraus, dass das Tier das alles natürlich nicht wirklich konnte, sondern auf seinen Besitzer und auf das Publikum reagierte. Sie gaben dem Tier ganz unbewusst Hinweise auf die richtige Antwort, und Hans zeigte es dann mit Hufklopfen an. Das gleiche Phänomen haben drei Forschergruppen nun in Bezug auf Spürhunde untersucht.

Sie machten ein Experiment mit 18 Hundeführern und deren Tieren, die für die Suche nach Drogen und Sprengstoff ausgebildet waren. Die Hunde waren darauf abgerichtet, einen Fund zu zeigen, indem sie sich neben ihn stellten. Die 18 Teams mussten in einer von vier verschiedenen Versuchsanordnungen nach Drogen oder Sprengstoff suchen.

Der Versuch fand in einem von vier Räumen statt: Im ersten gab es rein gar nichts zu entdecken. In zweiten Raum zeigte eine rote Markierung - erkennbar für die Hundeführer - einen Fund an, obwohl auch hier nichts versteckt war. Im dritten Raum war wieder keine Markierung, aber ein Fund mit köstlichen Lock-Würstchen. Im vierten Raum schließlich wies eine rote Markierung auf die versteckten Würstchen. Die Hundeführer wurden gebeten, die Zeichen zu ignorieren und die Hunde einfach suchen zu lassen.In keinem Fall waren Drogen oder Waffen versteckt, nur die Hundeführer glaubten, dass es was zu finden gäbe.

Das Ergebnis übertraf die kühnsten Träume eines jeden Schmugglers: Die Hunde spürten selbstbewusst auf, was ihre Hundeführer anhand der Markierungen als Fund identifizierten. In Wirklichkeit waren es also die Menschen, die suchten und fanden, obwohl sie glaubten, ihre Hunde seien es gewesen – gerade so wie beim Klugen Hans. Die Hunde, sie ja eigentlich nach Drogen oder Sprengstoff suchen sollten, fanden setzten sich doppelt so häufig neben die leckeren Würstchen wie neben die markierten Finten. , Insgesamt wurde sehr deutlich, dass die Vermutungen der Hundeführer einen größeren Einfluss auf einen Sucherfolg hatte, als die Nase der Hunde. Wenn Sie also demnächst einmal Drogen schmuggeln wollen, gehen Sie zum Friseur und kaufen sie sich einen Anzug.

Zehenwackeln hilft gegen Lügendetektoren

Zweiter Fall: Mittlerweile haben Sie bestimmt schon viel davon gehört, dass moderne Gehirn-Scanner eine neue Ära des Lügendetektors einläuten sollen. Neuroimaging-Lügendetektoren beobachten Bereiche des Gehirns, in denen durch bestimmte Reize Durchblutungveränderungen ausgelöst werden – etwa durch den Anblick der Giftbüchse, mit deren Inhalt die Testperson zum Beispiel ihre Ehefrau ermordet hat.

In einer neuen Studie ging es um die Frage, ob man solche Tests überlisten kann: Nachdem man die Versuchspersonen in einen Scanner gesteckt hatte, zeigte man ihnen eine Reihe von Daten und fragte sie, ob es sich bei diesen jeweils um ihren Geburtstag handele. Auf ein Datum traf dies jeweils zu. Wenn sie versuchten, ihr echtes Geburtsdatum zu leugnen, verriet sie der Neuroscanner in 100 Prozent der Fälle.

Dann aber zeigte man ihnen, wie sie lügen konnten - ohne dass ihr Schwindel sofort erkannt würde: Bei jedem zweiten Datum in der Reihe, das nicht das Geburtsdatum ist, bewegen Sie bitte unmerklich eine Zehe Ihres linken Fußes, bevor Sie „nein“ anklicken! Das Zehenwackeln erhöhte die Durchblutung in der Hirnregion ebenfalls - und so traten nun nicht mehr nur die Geburtsdaten der Probanden hervor und der Rechner konnte nur noch in 33 Prozent der Fälle das Verheimlichen des Geburtsdatums erkennen. Als Lügendetektor macht ihn das so gut wie nutzlos.

Ich finde trotzdem großen Gefallen an Gehirne scannenden Lügendetektoren und Polizeispürhunden, da sie in einer komplexen Welt unser Bedürfnis nach einfachen mechanischen Erklärungen stillen und den Wunsch bedienen, dass Maschinen die menschliche Intuition steigern können oder diese zumindest etwas wissenschaftlicher erscheinen lassen. Am meisten mag ich sie aber, weil sie – wie auch die lächerlichen neuen Porno-Scannern auf US-Flughäfen, die dem Sicherheitspersonal die Brüste und Genitalien der Passagieren zeigen – offen legen, wie oft die ganze Sicherheit bloßes Theater ist.

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15:50 03.03.2011
Geschrieben von

Ben Goldacre | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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