Wer überwacht Wikileaks?

Geheimnisse Kürzlich veröffentlichten sie das geheime Video eines Massakers der US-Armee. Doch jetzt wollen manche die Macher der Aufdecker-Webseite selbst mal unter die Lupe nehmen

Wikileaks bezeichnet sich selbst als „Geheimdienst fürs Volk“ und hat die Absicht, eines Tages über mehr Agenten zu verfügen als die CIA. Das wären dann Sie oder ich.

Von diesem Ziel sind die Macher der Aufdecker-Webseite noch weit entfernt. Doch mit der Veröffentlichung des brisanten Videos der US-Armee hat WikiLeaks seinen Status als bevorzugter toter Briefkasten für Whistleblower untermauert. Die Veröffentlichung des Filmmaterials sorgte im kriegsmüden Amerika für Betroffenheit und brachte Wikileaks mehr als 150.000 Dollar an Spendengeldern ein, die das notorisch unterfinanzierte Unternehmen am Laufen halten sollen.

Das Video lenkte auch neues Interesse auf die Gruppe der Macher selbst, die weitgehend anonym ist und innerhalb von ein paar Jahren andere vergleichbare Projekte weit hinter sich ließ, indem sie mehr als eine Million vertrauliche Dokumente verfügbar machte – von höchst vertraulichen Militärgeheimnissen bis hin zu Sarah Palins gehackten E-Mails. Wikileaks veröffentlichte den kontroversen E-Mail-Verkehr zwischen den Klimaforschern der Universität von East Anglia und die SMS-Nachrichten der Toten vom 11. September 2001. Die Gruppe verspricht, sie werde die Welt durch die Abschaffung der staatlichen Geheimhaltung verändern. In Großbritannien kämpft die Gruppe gegen die Möglichkeit, vor Gericht die Zurückhaltung von Informationen zu erwirken. Julian Assange, der Kopf von Wiki-Leaks, war vor kurzem in Island und beriet die Gesetzgeber dort beim Entwurf eines neuen Gesetzes, das Whistleblowern Schutz bieten soll.

Leise Stimme, geheimnisvolle Aura

Der Australier mit der leisen Stimme beschreibt seine Arbeit als eine Mischung aus investigativem High-Tech-Journalismus und Rechtsbeistand. Er kann sich vorstellen, dass eines Tages jedes beliebige Dokument – von geheimen Anweisungen, die es unseren Regierungen erlauben, uns auszuspionieren, bis hin zu bösen Briefen, die uns die Schulen unserer Kinder schicken – auf Wikileaks, vor den Augen der ganzen Welt, veröffentlicht werden wird. Assange ist der festen Überzeugung, dass sich dadurch alles verändern wird.

Aber es gibt auch Kritiker, die fürchten, dass Wikileaks selbst einem Geheimdienst ähnlicher ist, als man dort zugibt – eine fragwürdige Organisation, die niemandem Rechenschaft schuldig ist, die auf der Privatsphäre und anderen Rechten herumtrampelt und die Gefahr läuft, gerade jenen Leid zuzufügen, in dessen sie Namen sie behauptet zu handeln: den Menschen.

Assange verrät weder sein Alter noch etwas über seinen Hintergrund, obwohl bekannt ist, dass er in Melbourne aufgewachsen ist und als Teenager dafür verurteilt wurde, dass er die Webseiten einiger Behörden und Firmen hackte. Er scheint immer auf Achse zu sein, wenn er irgendwo einmal länger Halt macht, dann in der Regel in Kenia. Abgesehen vom deutschen Sprecher Daniel Schmitt sind die anderen, die an dem Projekt beteiligt sind, so gut wie nicht bekannt.

Alles begann 2006

Wikileaks gibt es seit 2006. Die Gründungsmitglieder sollen chinesische Dissidenten, Hacker, Programmierer und Journalisten gewesen sein, die ihre Ambitionen in E-Mails darlegten, mit denen sie eine stattliche Anzahl von Persönlichkeiten, die Erfahrung im Umgang mit geheimen Dokumenten haben, dazu aufforderten, sich dem Berater-Stab der Gruppe anzuschließen.

Unter den Angefragten war auch Daniel Ellsberg, der vor vier Jahrzehnten geheime Pentagon-Papiere durchstach, um einen Skandal im Rahmen des Vietnamkrieges aufdeckten. „Wir glauben, dass man Ungerechtigkeiten nur mit verantwortungsbewusster Regierungsführung begegnen kann, und die Voraussetzung dafür ist eine transparente Regierungsführung“, hieß es in der E-Mail damals. „Neue technische Entwicklungen und Chiffriermöglichkeiten versetzen uns in die Lage, die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten nicht nur anzuregen, sondern auch in großem Maßstab zu erleichtern. Wir wollen ein neuer Stern am politischen Firmament werden.“ Ellsberg wurde in der E-Mail dazu aufgefordert, Teil der „politisch-juristischen Abwehr“ zu werden, von der die Initiatoren glaubten, dass sie nötig sein würde, sobald sie damit begännen, Regierungen, Militärs und Konzernen in die Karten zu schauen: „Wir möchten, ... dass Sie Teil unseres politischen Arsenals werden. Je größer dieses Arsenal ist, insbesondere an Männern und Frauen, die durch ihr Alter, ihre Geschichte und ihren Rang in der Gesellschaft über jeden Zweifel erhaben sind, desto besser können wir uns wie dreiste junge Männer verhalten und damit durchkommen.“

Auch andere wurden mit einer ähnlichen Nachricht bedacht. Die Initiatoren von Wikileaks deuten darin an, die Gruppe „könne der mächtigste Nachrichtendienst der Welt werden.“ Ihr Hauptziel würden „hochgradig unterdrückerische Regime in China, Russland und Zentral-Eurasien sein“, aber, so hieß es weiter im Text „wir erwarten auch, dass wir im Westen denen beistehen können, die in ihren Behörden und Konzernen illegales und unmoralisches Verhalten offen legen möchten“.

"Wikileaks ist Betrug"

Die Initiatoren wandten sich auch an John Young, der die Webseite Cryptome betreibt, die ebenfalls geheime Dokumente veröffentlicht, und baten ihn darum, die Wikileaks-Seite auf seinen Namen zu registrieren. Young tat ihnen den Gefallen und war anfangs auch ein begeisterter Unterstützer, doch als die Initiatoren ankündigten, sie hätten die Absicht, fünf Millionen Dollar an Spenden für ihre Zwecke einzusammelt, stellte er ihre Motive in Frage. Eine solche Menge Geld könne seiner Meinung nach höchstens von der CIA oder einem Finanz-Magnaten wie George Soros kommen, kritisierte Young. Dann kehrte er dem Projekt den Rücken.

„Wikileaks ist Betrug“, schrieb er in einer E-Mail, als er ging. „Ich scheiße auf euer niedliches Treiben und eure Desinformations-Kampagnen gegen legitime Einwände. Es ist immer die gleiche Scheiße, man arbeitet für den Feind.“ Young machte seinen gesamten E-Mail-Verkehr mit den Wikileaks-Gründern öffentlich, darunter auch jene Mail an Ellsberg.

Trotz des turbulenten Starts machte Wikileaks sich bald mit einer großen Menge von veröffentlichten Dokumenten einen Namen und das Establishment begann zurückzuschlagen. Vor zwei Jahren brachte die Schweizer Privatbank Julius Bär ein amerikanisches Gericht dazu, die Seite vorübergehend zu schließen, nachdem dort Dokumente veröffentlicht worden waren, die nahe legten, die Bank wasche Geld und betreibe Steuerhinterziehung. Damals wurde deutlich, wie anfällig die Seite für Klagen war und so wurde der Hauptserver nach Schweden verlegt, wo es starke Gesetze zum Schutz von Whistleblowern gibt.

Danach versuchte die australische Regierung Wikileaks zu belangen, weil auf der Seite eine geheime Liste mit Webseiten aufgetaucht war, welche die Behörden sperren wollten. Mitglieder des US-Kongresses erwogen rechtliche Schritte, nachdem die Seite Sicherheitsdokumente amerikanischer Flughäfen veröffentlicht hatte. Doch sowohl die australische Regierung als auch die Kongressabgeordneten mussten feststellen, dass sie nichts mehr unternehmen konnten. Und bis heute gilt für alle, von der chinesischen Regierung bis hin zu Scientology.

Antwort auf ein echtes Problem

Doch Wikileaks macht nicht nur denen Sorgen, die etwas zu verbergen haben. Steven Aftergood, der auf seinem Blog Secrecy News, den er im Namen der Federation of American Scientists betreibt, tausende von Dokumenten veröffentlicht hat, lehnte die Einladung sich dem Beraterstab der Gruppe anzuschließen ab. „Es ist ihnen gelungen, Dokumente von außerordentlicher Bedeutung zu erwerben und zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass Wikileaks die Antwort auf ein echtes Problem ist, namentlich, dass Informationen, die für die öffentliche Ordnung relevant sind, unter Verschluss gehalten werden“, sagt Aftergood. „Doch ihre Antwort auf diese rücksichtslose Geheimhaltung ist eine Strategie der rücksichtslosen Enthüllung. Sie neigen dazu, alle Fragen, die die Privatsphäre, geistiges Eigentums und auch die Sicherheit betreffen, zu ignorieren. Ich finde es zum Beispiel anstößig, dass sie bereit sind, vertrauliche Dokumente von religiösen Gemeinschaften und sozialen Organisationen zu veröffentlichen. Wenn man Mormone oder Freimaurer oder Mitglied einer Studentenverbindung ist, die geheime Aufnahmerituale haben, dann ist Wikileaks alles andere als dein Freund. Sie werden deine Privatsphäre verletzen und die Vereinigungsfreiheit missachten. Mit Whistelblowing oder Verantwortung hat das nichts zu tun. Da geht es nur um Enthüllung um der Enthüllung willen.“

Aftergoods Kritik hat Wikileaks verärgert. Jay Lim, einer der Anwälte der Gruppe schrieb ihm vor zwei Jahren: „Auf welcher Seite stehst du, Stephen? Es ist Zeit, dass diese ewige Leier aufhört. Wir sind von deiner mangelnden Unterstützung enttäuscht und schlagen vor, dass du wieder runterkommst. Wenn nicht, dann werden wir uns, wenn auch widerwillig, gezwungen sehen, zu reagieren.“

Copyright nur für uns selbst

Auch die Autorin Michela Wrong ist wütend auf Wikileaks. Mit Entsetzen musste sie feststellen, dass ihr Buch „Jetzt sind wir dran: Korruption in Kenia“, in dem sie die Abgründe der staatlichen Korruption in Kenia offen legt, auf Wikileaks in ganzer Länge veröffentlicht wurde. Als Grund nannte Wikileaks, die Buchhändler in Nairobi würden es nur ungern verkaufen, da sie sich vor den drakonischen Strafen fürchten, die in Kenia wegen Verleumdung drohen. Wrong ärgerte sich sehr, da das Buch kein Regierungsdokument ist und nun überall auf der Welt kostenlos verfügbar ist. „Ich schrieb an Wikileaks und erklärte ihnen, dass sie ihrer eigenen Sache schaden, da die Verleger kaum Leuten wie mir weitere Vorschüsse für Recherchen in Afrika geben werden, wenn sie mit den Büchern dann nichts verdienen.“

Mit wem sie korrespondierte weiß sie nicht, da die Antwort keinen Absender enthielt, aber sie geht aufgrund der guten Kenntnisse über Kenia, die in der E-Mail durchklangen, davon aus, dass es Assange war, "Er äußerte sich extrem selbstgefällig und erklärte, im Interesse der öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema, sei es meine Pflicht zuzulassen, dass mein Buch illegal verbreitet wird. Er schrieb: ,Mag sein, dass dieses Buch Ihr Baby war, aber jetzt ist es der Sohn Kenias'. Diese Arroganz ging mir nicht mehr aus dem Kopf", sagt sie. "An und für sich befürworte ich die Arbeit von Wikileaks, aber diese Typen sind aufreizend selbstgerecht." Auf die eigenen Urheberrechte scheint Wikileaks jedoch durchaus Wert zu legen: Am Anfang des Films über die Erschießungen im Irak ist ein Copyright-Zeichen zu sehen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

15:00 14.04.2010
Geschrieben von

Chris McGreal | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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