Aminatta Forna
Ausgabe 0917 | 15.03.2017 | 06:00

Wer wir sein sollten

Postkolonial Die Macht der Geschichte liegt in den Händen des Geschichtenerzählers: über die Aufgaben der heutigen afrikanischen Literatur

Wer wir sein sollten

Hat längst eine klare Haltung eingenommen: die Autorin Aminatta Forna

Foto: Linda Nylind/The Guardian

Vor ein paar Jahren wurde mir ein Buch des Psychologen Boris Cyrulnik zugeschickt. Cyrulnik kam 1937 in Frankreich zur Welt, seine Eltern wurden in einem Konzentrationslager ermordet. Mit sieben Jahren trat Boris der Résistance bei und schmuggelte Botschaften über die feindlichen Linien. Das Buch trug den Titel Résilience. Man schickte es mir wegen meines eigenen Nachdenkens über traumatische Ereignisse und deren Einfluss; in The Devil That Danced on the Water hatte ich die Umstände des politischen Mords an meinem Vater 1975 in Sierra Leone nachgezeichnet, und mein Roman The Memory of Love (Ein Lied aus der Vergangenheit) spielt in der Zeit des darauffolgenden Bürgerkriegs. Ich las Résilience in einem Zug und mir schien jedes Wort wahr.

Als weltweit anerkannter Experte für posttraumatische Belastungsstörungen wirft Cyrulnik anderen Psychologen vor, sich einer Art psychologischem Determinismus zu unterwerfen und sich mit ihren Vorstellungen von Ursache und Wirkung zu verhalten „wie Automechaniker“. Cyrulnik beschreibt, wie das spätere Leben den Einfluss traumatischer Ereignisse auf die Betroffenen verstärken oder abmildern kann. Die Art und Weise, wie das Leiden kontextualisiert werde, bestimme das Überleben. Das Gefühl, das man von der eigenen Persönlichkeit habe, werde vom Blick der anderen geformt. Cyrulnik fand heraus, dass unter den Kindern, die die Besatzung Frankreichs durch die Nazis überlebt hatten, diejenigen am wenigsten unter einer Nachkriegsdepression litten, die sich (wie er) der Résistance angeschlossen hatten.

„Haben sich diese Kinder der Résistance angeschlossen, weil sie bereits resilienter waren?“, fragt er. „Oder haben die Geschichten, die sie nach dem Krieg im Kopf einübten – ,Ich bin der Junge, der es im Alter von acht Jahren mit der deutschen Wehrmacht aufgenommen hat‘–, ihnen ein Gefühl von sich selbst gegeben, das sie eher zu einem Helden als zu einem Opfer machte?“ Cyrulnik war von der Rolle einer „narrativen Identität“ überzeugt und widmete seine Karriere der Arbeit mit Kindern, die ihr Trauma nicht überwinden konnten, weil es in eine Narration des Verlusts eingebettet war.

Es ist nicht schwer, die Verbindung zwischen Cyrulniks Theorien über Resilienz mit dem Geschichtenerzählen zu knüpfen. Die Macht der Geschichte liegt in den Händen des Geschichtenerzählers. Wer sich selbst immer nur durch die Augen eines anderen sieht, nimmt sich durch eine verzerrte Linse wahr. Diese Erfahrung teilen alle, die von der Geschichte an den Rand gedrängt wurde. Das Regime in Sierra Leone war damals bestrebt, jede Erinnerung an meinen Vater zu tilgen, er wurde einfach nicht mehr erwähnt. Indem ich nun seine Geschichte aufschrieb, war ich in der Lage, die Kontrolle über die Geschichte seines Lebens, meines Lebens, meiner Familie und meines Landes ein Stück weit zurückzuerlangen.

Denselben Gestus erkennt man auch in der westlichen Literatur. Wenn man auf die vergangenen 60 Jahre zurückblickt, sieht man ungezählte Autorinnen und Autoren, deren Geschichten marginalisiert wurden, man sieht ein ungebrochenes kreatives Bemühen, ein kollektives Bewusstsein, gespeist von einer kollektiven Empörung, die den Blick des Mainstreams zurückweist und in Frage stellt.

Amnesie der Herrscher

Für die erste Generation afrikanischer Schriftsteller, die gleichsam zusammen mit ihren Ländern erwachsen wurden, bedeutete dies: den Afrikanerinnen und Afrikanern eine Existenz zu erschreiben. So stellte Chinua Achebe mit Things Fall Apart (Okonkwo oder Das Alte stürzt) die Darstellung von grunzenden, sprachlosen Afrikanern in Herz der Finsternis in Frage, indem er Joseph Conrads Figuren ein Innenleben, Beziehungen, Konflikte und Fehler gab – eben die Handlungsfähigkeit und Subjektivität, die Conrad ihnen verweigert hatte. Ngũgĩ wa Thiong’o wiederum besann sich auf seine Kikuyu-Sprache, die er als Kind unter britischer Kolonialherrschaft nicht sprechen durfte. „Ich begann zu schreiben, weil ich mich selbst in der Literatur nicht wiederfinden konnte“, sagt die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga, denn der westliche Blick sei über die Köpfe schwarzer afrikanischer Frauen hinweggegangen.

Wir müssen uns der Amnesie der herrschenden Kultur, die ihre historische Fehltritte lieber vergisst, entgegenstellen. Vor kurzem hat die pakistanische Schriftstellerin Moni Mohsin in einem Artikel für den Guardian die Abwesenheit der Geschichte des Kolonialismus in britischen Lehrplänen angeprangert. „Bei all der Bandbreite und Offenheit ihres Unterrichts haben meine Kinder in der Schule kein einziges Mal Bekanntschaft mit der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens gemacht … Als sie den Versailler Vertrag durchnahmen, erfuhr meine Tochter, dass manche Länder damals Kolonien hatten und Deutschland, als Teil seiner Bestrafung, seine kolonialen Besitztümer abgeben musste. Das war’s.“

Der Pulitzer-Preisträger Viet Thanh Nguyen (The Sympathizer) hat einmal über Hollywoods Blick auf den Vietnamkrieg gesagt, es handle sich um „das einzige Mal, dass die Geschichte von den Verlierern geschrieben wurde“ – indem die Amerikaner als die eigentlichen Opfer des Kriegs dargestellt und die Millionen toter Vietnamesinnen und Vietnamesen einfach übergangen wurden.

Verloren gegangene Geschichten müssen wiedergefunden und kaum erzählte verstärkt werden. Wir müssen uns dagegen wehren, wenn andere bestimmen wollen, wer wir sind. Wie das Binyavanga Wainaina in seinem satirischen Essay How to Write about Africa über die Art und Weise getan hat, wie einige westliche Autorinnen und Autoren immer noch über Afrikanerinnen und Afrikaner schreiben, zu sehen jetzt auch als Youtube-Video mit Djimon Hounsou. Ein weiteres Beispiel für gelungene Gegenwehr stellt Chimamanda Ngozie Adichies TED-Talk The Danger of a Single Story dar, der bereits 2,5 Millionen Mal angesehen wurde.

Jede Generation baut auf dem Fundament der vorherigen Generation auf, auch die der afrikanischstämmiger Schriftstellerinnen. Aber wir eignen uns nicht nur aufs Neue unsere Geschichten an, wir wenden auch den Blick auf die, die uns sehen.

In The Memory of Love kommt ein britischer Psychologe nach Sierra Leone, um den Opfern des Kriegs zu helfen. Zunächst sieht die Leserin das Land durch die Augen dieses fiktiven Mister Adrian Lockheart. Ich habe aber auch die Figur eines jungen sierraleonischen Chirurgen erschaffen, die dem Leser eine andere Sichtweise anbietet. Durch die Augen dieses Kai Mansaray sehen wir das Land, dessen Vergangenheit und Geheimnisse, die Nuancen, die Adrian nicht kennt, und wir sehen Adrian, auch mit seinen Vermutungen, seinen Vorurteile und seinen Fehlern.

Wir holen uns also unsere Geschichten zurück, wir besetzen das Zentrum und wir kehren den Blick um. 2015 hinterfragte ich in einem Essay (Where Are the West’s Political writers?) das fehlende politische Engagement vieler westlicher Schriftsteller. Heute scheint 2015 eine Ewigkeit her zu sein. Intellektuelle und Künstler scheinen zu einer Elite zu gehören, für die viele nur noch Hohn und Spott übrighaben. Nun sehen sie sich gezwungen, ihren Kurs zu wechseln und eine Haltung zum Schreiben einzunehmen, die viele von uns schon lange eingenommen haben.

Vergangenen November nahm ich eine Woche nach den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen an der Verleihung der National Book Awards in New York teil. Cornelius Eady, ein Mitbegründer von Cave Canem (einem Schriftstellerzentrum mit dem Fokus auf afroamerikanischen Lyrikern und Schriftstellerinnen), erklärte mit erstaunlicher Weitsicht: „Genau in diesem Augenblick, während wir hier reden, befinden sich in Uptown-Manhattan Menschen in einem Gebäude und arbeiten an einer Erzählung darüber, wer wir sind, wer wir sein sollten und wie mit uns umzuspringen sei. Wenn wir zulassen, dass uns diese Geschichte aus der Hand genommen wird, werden schlimme Dinge passieren. Es ist unsere Aufgabe und unsere Pflicht, sicherzustellen, dass wir es sind, die unsere Geschichte schreiben, in ihrer ganzen Bandbreite … in unserer eigenen Sprache.“

Aminatta Forna, geboren 1964 in Glasgow, ist Schriftstellerin. Der Text ist ein Auszug aus einer Rede, die Forna vor der African Studies Association in Washington hielt

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/17.