Simon Hattenstone
19.07.2010 | 09:45 2

Wer wird schon gerne Millionär?

Lebensweisen Geld besitzen macht nicht glücklich, Geld verschenken aber schon. Nicht wenige Superreiche entscheiden sich deshalb lieber freiwillig für die Armut

Karl Rabeder war auf Hawaii, als ihn die Erkenntnis traf. All der Luxus war sinnlos. Schlimmer noch, sein ganzes Leben war sinnlos geworden. Ihn ekelte vor seinem Reichtum und den Leuten, mit denen er sich umgab – er musste all das loswerden, sagt er: „1998 war das. Wir wollten den perfekten Urlaub: Fünf-Sterne-Hotels, Helikopterflüge, alles, was dazu gehört. Doch dann begann sich dieses Leben unwirklich anzufühlen, als wären wir Schauspieler, in deren Rollenanweisung steht, sie sollten glücklich sein.“

Rabeder, heute 48, hatte Mathematik und Physik studiert und dann Deko-Firlefanz entwickelt – Flaschen, in denen Kerzen stehen, künstliche Blumen, das ganze Programm. Er gründete eine Firma, bald konnte er 400 Teilzeitkräfte anstellen, mit 32 war er Millionär. Rabeder sagt, er sei nie einer von denen gewesen, die sich über Arbeit definieren. Früher lebte er im österreichischen Telfs mit einer Leidenschaft für die Berge. Ein paar Monate arbeitete er, die übrige Zeit verbrachte er mit Segelflügen über die Gebirge Europas, Süd- und Mittelamerikas. Zu seinen vermögendsten Zeiten besaß er 3,5 Millionen Euro, das Geld veränderte ihn. „In dieser Phase verlor ich den Draht zu mir selbst und zu meinem Umfeld. Bei mir drehte sich alles nur noch um Geld, Gewinnsucht und Macht.“ Er seufzt. Wie lange hielt diese Phase an? „Zwölf Jahre, von meinem 20. bis zu meinem 32. Lebensjahr.“

Rabeder kommt aus ärmlichen Verhältnissen, seine Mutter hatte ihm eingebläut, Geld sei der Maßstab des Erfolgs. Doch je mehr er verdiente, desto leerer fühlte er sich. „Ich dachte: Was mache ich hier? Ist das mein einziger Lebensinhalt? Und die Antwort lautete immer deutlicher Nein“. Auf einer seiner Segelflug-Touren in Argentinien entdeckte Rabeder zu seinem Erstaunen und Schrecken, wie stark eine geringe Geldsumme das Leben von Menschen verändern kann. „Ich fragte sie: ‚Was würdet ihr für ein besseres Leben benötigen?‘ Die meisten sagten: ‚Wir bräuchten nur etwas Arbeit.‘ Meine nächste Frage lautete: ‚Und wenn ihr euch euren eigenen Arbeitsplatz schafft?‘ Und so begann Rabeder Mikro-Kredite von 200 Euro auszugeben. Bei seiner Rückkehr nach Argentinien im folgenden Jahr gaben seine Schuldner ihm das Geld zurück. „Das erfüllte sie mit Stolz. Manch einer sagte: Diese Maschine habe ich mir gekauft, ich habe das ganze Jahr über gearbeitet und ich mag meine Arbeit sehr.“ Karl Rabeder ist mindestens so stolz wie sie. „Ich fing an, mein Geld aus einer anderen Perspektive zu sehen. So begann das Leben, das ich heute führe.“

Von der „Affluenza“ befallen

Inzwischen hat er seine sechs Segelflugzeuge und seinen 130.000-Euro-Audi für 53.000 verkauft. Nun verlost er sein Haus in Telfs im Internet. Mit 99 Euro Einsatz ist man auf luxusvillatirol.at dabei. Die Villa – mit Seezugang, Sauna und einem spektakulären Blick auf die Berge – ist 1,6 Millionen Euro wert. Mehr als diesen Betrag darf die Lotterie nicht einnehmen. Das Geld fließt in weitere Mikrokredit-Projekte.

Rabeder selbst will in eine Holzhütte in den Bergen ziehen – oder in eine Einzimmerwohnung in Innsbruck. Am Ende, sagt er, wolle er mit „nichts“ dastehen. Was bedeutet „nichts“ für ihn? „Ein oder zwei Rucksäcke mit den Dingen, die ich wirklich benötige. Kleidung. Meine Bücher werde ich einlagern lassen. Ich habe sie bereits gelesen, aber ich möchte später auf sie zurückgreifen können.“ Er beabsichtigt, mit 1.000 Euro im Monat auszukommen – das Geld will er sich durch Vorträge und als Lebensberater verdienen. Für einen Altruisten hält er sich nicht. Dann würde er weiterhin Geld verdienen, um es zu verschenken. Doch das hat er ausprobiert, und es hat ihn nicht glücklich gemacht. In Zukunft möchte er seine Idee mit anderen teilen. Er will Gleichgesinnte treffen und sie davon überzeugen, ihr Geld wegzugeben. Möglicherweise stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Denn das Menschen nicht mehr reich sein wollen ist gar nicht so selten wie man vermuten würde.

Den Grund dafür nennt Sara Robin „Affluenza“: Reichtum ist eine Krankheit, so einfach ist das für sie. Im Laufe der Jahre hat sie viele Betroffene kennengelernt. Tendenziell seien davon eher Erben betroffen als Millionäre, die sich ihr Vermögen selbst erarbeitet haben.

Robin wohnt seit 20 Jahren in dem selben bescheidenen Reihenhaus in New York. Sie hat silbergraues Haar, ein verschmitztes Lächeln und ist selten ohne ihr gelbes Fahrrad zu sehen. Als sie das Rad in Richtung ihrer Wohnung schiebt, erzählt sie, wie es ihr gelang, sich wieder ein Ziel im Leben zu setzen.

Das Erbe als Trauma

Ihr Erbe, sagt sie, war von Anfang an mit einem Trauma verbunden. Robins Mutter starb als sie zwei Jahre alt war und hinterließ ihr das Vermögen. Sie lebte bei ihren Großeltern, doch 11 Monate später starb ihr Opa, als sie vier Jahre alt war die Oma. Dann heiratete ihr Vater eine Frau, die bereits einen Sohn hatte. Als Robin mit 18 ihr Erbe antrat, bekam ihr Stiefbruder keinen Cent. Noch so ein Trauma. „Ich saß auf meinem Bett und dachte: Das ist nicht richtig.“

Als sie auf die Universität kam, kaufte der Vater ihr einen Neuwagen. Robin fühlte sich noch mehr als Außenseiterin. Sie wollte wie alle anderen sein. So verbrachte sie viel Zeit damit, ihre Kommilitonen mit dem Auto herumzukutschieren, als könne sie dadurch Buße tun. Sie verleugnete ihren Hintergrund und tat so, als hätte sie ein Stipendium, wie die anderen. Wenn ihre Freunde darüber sprachen, was sie tun würden, wenn sie plötzlich Geld hätten, bekam sie ein ungutes Gefühl. Selbst wenn sie arbeitete, hatte sie nie das Gefühl, wirklich Geld zu verdienen, denn sie hätte ja jederzeit auf ihr Vermögen zurückgreifen können. „Es wird zur Krankheit. Du musst deinen Lebensunterhalt nicht verdienen, dich nicht für einen Beruf entscheiden, dir keine Gedanken darüber machen, ob du dir etwas leisten kannst oder nicht. Du hast nie das Gefühl, etwas zu erreichen“, sagt Robin.

Pro Jahr ein Haus verschenkt

Die Wende kam erst, als sie nach der Uni mit ihrem späteren Ehemann Hugh durch Australien und die USA reiste. Inzwischen waren die Siebziger angebrochen. Sie traf Feministinnen, Aktivisten, die für die Landrechte der Aborigines kämpften, Atomkraft-Gegner – und wurde politisiert. Sie arbeitete als Fahrradmechanikerin und erfand sich neu. Am Ende ihrer Reise wusste sie, dass ihr Erbe nur für eine Sache gut sein konnte – um es zu verschenken. Hugh und Sara bekamen zwei Kinder, sie baute eine Fahrrad-Kooperative auf, in der sie viele Jahre lang arbeitete, und sie verschenkte mal hier und mal da ohne System Geld, „etwa 10.000 bis 20.000 britische Pfund pro Jahr.“ Sie hält inne. „Allerdings bekam man damals für 8.000 Pfund noch ein Haus. Möchten Sie etwas Suppe?“ Wir sitzen in ihrer Küche. Sie deckt den Tisch mit Brot, Käse und einer kräftigen Gemüseboullion.

Anfang der Achtziger traf sie einen anderen Erben, der das größte Adressbuch besaß, das ihr je zu Augen gekommen war. Darin sammelte er alle Details über Menschen mit Geld, die damit etwas Nützliches anfangen wollten. Wenige Monate später ging Robin zu ihrer ersten Erben-Versammlung und stieß auf eine außergewöhnliche Mischung aus praktischem Altruismus und Gruppentherapie: „Wir waren etwa ein Dutzend Leute und wir sprachen einen Tag lang über unser Leben und unser Geld. In der Gruppe waren zwei Frauen, deren Brüder das Familienunternehmen erben sollten. Beide Brüder hatten Selbstmord begangen, weil sie sich von der Aussicht, die Firma zu führen, unter Druck gesetzt fühlten.“

Sozialist mit Kapital

Ein anderes Gesprächsthema war, wie schwierig es ist, ein Vermögen loszuwerden. „Es kann zu allen möglichen Konflikten innerhalb der Familie führen. Wenn man ein Erbe ablehnt, kann die Familie denken, man lehne sie und die gemeinsame Vergangenheit ab, nicht nur den Reichtum“, sagt Robin. Und so half sie beim Aufbau des „Network For Social Change“, einer Organisation für Vermögende, die ihr Geld einem guten Zweck zukommen lassen wollen. Unter den Mitgliedern sind sowohl Erben als auch Self-Made-Millionäre. Letztere haben in der Regel ein unverkrampfteres Verhältnis zum Geld, doch das hält oft nicht lange an. Schließlich sind sie oft die Eltern der nächsten Erbengeneration.

So etwa der Brite Brian Burnie. Mit seinem Tweed-Jackett, seinem grünen Pullover und seinem grünen Einstecktuch sieht er vom Scheitel bis zur Sohle aus wie ein Gutsherr. Er fährt mit seinem silbernen Fiesta ins nordenglische Doxford Hall. Dort lebt er. Doxford Hall ist ein etwa 200 Jahre altes Anwesen in Northumberland. Burnie hat 18 Millionen Pfund hineingesteckt, um es in ein modernes Wellness-Hotel mit 25 luxuriösen Schlafzimmern zu verwandeln. Als er es 1993 kaufte, war es heruntergekommen. Sein Plan war, dort mit seiner Familie zu wohnen und es als Hotel zu nutzen. Die Profite des Unternehmens sollten an die Marie-Curie-Krebsstiftung gehen. Doch dann wurde vor sechs Jahren bei seiner Frau Brustkrebs diagnostiziert. Da entschied Burnie, das Hotel zu verkaufen und mit dem Geld einen Fahrdienst einzurichten, der es Krebspatienten erleichtern sollte, zu ihren Chemotherapien oder Bestrahlungen zu kommen.

Das Hotel liegt auf einem Grundstück, das auf ein riesiges Labyrinth zuläuft. „Es ist das größte Eiben-Labyrinth Großbritanniens. Grundschüler haben es gepflanzt“, sagt Burnie. Wir gehen durch die Bar („Wir haben ein paar wunderbare Whiskeys“) und den Saunabereich in den Salon, wo einige Gäste plaudern oder lesen. „Ich habe den Ehrgeiz, 50.000 Krebspatienten pro Jahr zu befördern, bevor ich die Radieschen von unten sehe“, sagt Burnie, „und wissen Sie, wie ich das Ganze nennen werde? Die Dumm-wie-Stroh-Krebsstiftung – denn man muss schon strohdumm sein, um so etwas zu machen.“

Ich habe auch einen Traum

Er selbst sei in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, sagt Burnie. Der Vater Bauarbeiter, die Mutter Hausfrau. „Mein Vater war ein engagierter Sozialist. Er sagte immer, Sozialismus sei praktiziertes Christentum.“ Und er selbst, ist er auch Sozialist? „Ja. Aber ich bin auch Kapitalist. Man muss ein Vermögen machen und dann kommt es darauf an, was man damit anstellt.“ Der heute 65-Jährige schaffte nur den Realschulabschluss. „Ich dachte immer, ich sei ein Versager, weil alle meine Freunde aufs Gymnasium gingen. Deshalb arbeitete ich sieben Tage die Woche.“ Er studierte Ingenieurwissenschaften an einer Fachhochschule, Ende der Siebziger baute er mit einem Freund einen eigenen technischen Betrieb auf. Sein Lebenswerk habe er vollbracht, sagt er. Nun ginge es ihm um Projekte. „Was Baden-Powell für die britische Pfadfinderbewegung war, möchte ich für die Krebsheilung werden.“ Burnie hat keine Scheu, sich mit großen Vorbildern zu vergleichen. „Die Leute fragen mich: ‚Warum, Brian?‘ Nun, Sie erinnern sich an die Worte Martin Luther Kings...“

Doxford Hall hat Burnie 18 Millionen Pfund gekostet. Die Immobilienpreise sind seither gefallen und er denkt, dass er es am Ende vermutlich für weniger verkaufen muss, als er hineingesteckt hat. Seine drei Kinder hätten kein Interesse daran, sein Vermögen zu erben. Zum Glück, sagt er, denn er hätte ihnen sowieso nichts übrig gelassen.

Ein paar Wochen später dann ruft Brian Burnie ganz aufgeregt an. Doxton Hall sei verkauft, der Vertrag unterschrieben. Wie Karl Rabeder und Sara Robin fühlt er sich jetzt befreit. „Wenn wir den 50.000. Patienten befördert haben, dann rufe ich ,Yabba-Dabba-Doo!‘ und gebe Martin Luther King die Schuld, weil er einen Traum hatte.“

Simon Hattenstone ist Reporter für den Guardian und schreibt eine wöchentliche Sportkolumne.

Übersetzung: Christine Käppeler

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