Wertlos bedeutet nicht herrenlos

Justiz Freeganer wissen, wie man weggeworfenes Essen am besten verwertet: indem man es isst. Doch jetzt wurde eine Britin verhaftet, weil sie sich an einer Mülltonne bediente

Sasha Hall muss es für Glück gehalten haben, als sie hinter einem Supermarkt eine vor Lebensmitteln überquellende Mülltonne fand. Sie nahm einige der Packungen mit Kartoffelwaffeln, Pasteten und Schweinefleisch - ein Bruchteil der Waren, die nach dem Ausfall der Kühlanlagen des Geschäftes weggeworfen worden waren. Als allerdings die Polizei zu der 21 Jahre alten Frau aus Essex nach Hause kam, um sie wegen „Diebstahls durch Auffinden“ festzunehmen, dürften ihr die Waffeln im Hals stecken geblieben sein.

Hall steht nun vor Gericht. Sollte sie ein Verbrechen begangen haben, so ist es eines, dass ich und tausende weiterer Freeganer – täglich begehen. Ich lebe seit mehreren Jahren gesund von weggeworfenem Essen. Ich suche es mir aus Säcken voll mit Sushi, Brot, Fertiggerichten und Obst – alles absolut genießbar, aber aussortiert, weil das Haltbarkeitsdatum überschritten ist.

Dabei bin ich bereits von Polizisten beobachtet worden, die mich bislang allerdings lediglich ermahnten, keine Unordnung zu hinterlassen - womit sie ja absolut Recht hatten.

Natürlich sollte „Diebstahl durch Auffinden“ im britischen Recht eine Straftat bleiben – wenn man eine Geldbörse findet, die jemand verloren hat, gehört sie einem nicht. Wer sie dennoch an sich nimmt begeht aber nur dann Diebstahl, wenn der Besitzer die Börse nicht freiwillig zurückgelassen hat. Wenn eine Chipstüte auf der Straße herrumfliegt, muss man sie doch nicht zur Polizei bringen – und wer einen Haufen Essen in einem Container schmeißt, erscheint doch wohl absolut so, als ob er darauf verzichten würde.


Es überrascht mich nicht, dass der Supermarktleiter die Polizei gerufen hat. Ich wurde schon von Verkäufern angeschrien und von Sicherheitskräften grob behandelt. Ich weiß von mehreren Läden, die die Nahrungsmittel, die sie wegwerfen, vorsätzlich zerstören, indem sie die Verpackung kaputt machen oder blaue Farbe darüberschütten. Es ist trotzdem bedrückend, dass die Polizisten nicht ihren Ermessenspielraum nutzten, um Hall laufen zu lassen.

Wir alle müssen die Verschwendung von Nahrungsmitteln überdenken. Zwanzig Millionen Tonnen Lebensmittel landen allein in Großbritannien jedes Jahr im Abfall. Jede weggeworfene Mahlzeit bedeutet unnötigen Aufwand für Produktion, Verpackung, Transport und Kühlung. Wenn ein Land auf dem Weltmarkt unnötige Mengen Lebensmittel kauft, treibt das weltweit die Preise nach oben. Natürlich wäre es am Besten, wenn die Geschäfte aufhören würden, zu große Bestände zu lagern, aber die Verschwendung ist für die meisten Läden Teil ihres Geschäftsmodells. Wenn sie jedem Kunden, selbst dem letzten am Tag, den Eindruck von Fülle und Frische verschaffen wollen, müssen sie Reste wegschmeißen.

Das ausgesonderte Essen gehört nicht auf Mülldeponien. Wird es einfach weggeworfen, kompostiert es nicht, sondern verrottet auf anaerobe Weise - wobei das stark wirksame Treibhausgas Methan freigesetzt wird. Alternative Wege der Entsorgung haben ebenfalls ihre Mängel. Einige Wohltätigkeitsorganisationen leisten wertvolle Arbeit, indem sie überschüssige Lebensmittel von den Herstellern an Bedürftige verteilen. Sie können aber nicht den ganzen Inhalt der Supermarktmülltonnen einsammeln. Auch wenn es sich dabei gemessen an nichtgewerblichen Maßstäben um große Mengen handelt, und es am nächsten, vielleicht auch übernächsten Tag noch vollkommen genießbar ist, wäre es zu zeitaufwendig und teuer, es mit einem Kühlwagen abzuholen.

Abfälle machen warm

Seit dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche dürfen Lebensmittelabfälle auch nicht mehr zu Schweinefutter verarbeitet werden, weshalb immer mehr Supermärkte nun auf Faulbehälter zurückgreifen, um die entstehende Wärme und Gase nutzbar machen und behaupten zu können, dass sie keine Lebensmittelabfälle produzieren. Auch wenn das besser ist, als die Lebensmittel auf Mülldeponien abzuladen, ist es doch ein uneffizienter Weg, die in der Nahrung enthaltene Energie zu verwerten – es kommt ja auch keiner auf die Idee, seinen Heißwasserboiler mit Brotscheiben anzuheizen.

Die Regierung muss schärfere Vorkehrungen gegen Lebensmittelverschwendung treffen. Die Konsumenten müssen den Unterschied zwischen dem „Mindest- haltbarkeits- und dem Verbrauchsdatum kennen. Das Verfallsdatum wird für Lebensmittel verwendet, die leicht verderben, während das Mindesthaltbarkeitsdatum den Zeitpunkt bezeichnet, an dem die Geschmacksqualität abnimmt. Außerdem müssen Kunden einsehen, dass sie, wenn sie spät einkaufen gehen, keine Riesenauswahl von Sandwichsorten mehr erwarten können.

Der beste Nutzen für überschüssige Nahrungsmittel ist, sie zu essen. Natürlich sollte niemand so hungrig sein, dass er Lebensmittel aus dem Müll sammeln muss. Doch angesichts der Tatsache, dass sowohl Hunger als auch Nahrungsmittelverschwendung existieren, ist es traurig, dass die Geschäfte Nahrung zerstören oder die Polizei rufen, um eine Frau festzunehmen, die ihrer Familie ein paar Waffeln zu essen geben wollte - anstatt ein Auge zudrücken.

Katherine Hibbert ist Autorin des Buches Free: Adventures on the Margins of a Wasteful Society (Ebury Verlag 2010), indem sie über ihr Leben ohne Geld berichtet

Übersetzung: Zilla Hofman

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02:50 17.02.2011
Geschrieben von

Katherine Hibbert | The Guardian

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The Guardian

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