Wetter ist nicht Klima?

Online-Treibhaus Vielleicht doch: Ein Internetexperiment soll klären, ob Wolkenbrüche, Stürme und Dürren im Zuge der Erderwärmung zunehmen

Seit Mittwoch kann jeder, der einen Computer und einen Internetzugang hat, Teil eines gigantischen, bahnbrechenden Klimawandel-Experiments sein. Es soll auf den Prüfstand stellen, ob extreme Wetterereignisse weniger oder seltener werden, jetzt, da sich die Erde erwärmt.

Die Teilnehmer lassen auf ihren Rechnern, wenn sie diese nicht benutzen, komplexe Klimamodelle laufen. Die wiederum prognostizieren später, wie oft in den nächsten Jahrzehnten Hitzewellen, Überschwemmungen und Orkane auftreten . Die Initiative soll außerdem zeigen, welchen Anteil der CO2-Ausstoß durch den Menschen daran hat.

Mit weatherathome.net betritt Climateprediction.net Neuland. Seit September 2003 hat das Projekt mit Klimamodellen die letzte 92 Millionen Jahre untersucht und in Wissenschaftsjournalen wie Nature weltweit anerkannte Forschungsergebnisse veröffentlicht, die auch in den Weltklimabericht 2007 des IPCC eingeflossen sind.

Das entscheidende an weather at home ist: Zum ersten Mal werden regionale Klimamodelle verwendet, die realistische Wetterprognosen erzeugen und Temperaturen, Windstärken, Regen und Schnee anzeigen. Die globalen Klimamodelle unterteilen die Welt in Abschnitte von 150 Quadratkilometern, die regionalen Modelle hingegen engen diese auf 50 oder sogar 25 Quadratkilometer ein.

„Regionale Modelle können Wetterphänomene wie Fronten und Stürme simulieren und wie diese mit der physischen Umwelt interagieren“, erklärt Dr. Richard Jones, der die Abteilung für Regionalmodelle des Headley Centre des britischen Wetterdienstes Met leitet und Mitarbeiter des Climateprediction.net-Teams ist. Einige gehen davon aus, dass extreme Wetterereignisse – zum Beispiel katastrophale Stürme wie Hurrikan Katrina – häufiger und heftiger werden, wenn die Erderwärmung zunimmt, doch die Frage bleibt umstritten, weil diese Ereignisse so selten sind.

Umweltfreundlich simulieren

„Mit Hilfe der Öffentlichkeit können wir die Simulationen viel häufiger laufen lassen, als wir es alleine mit einem Supercomputer könnten. So können wir auch einmalige Jahrhundertereignisse berechnen, um herauszufinden, welche Auswirkungen der Klimawandel auf Wetterrisiken hat“, erläutert Dr. Myles Allen, Chef des Projekts und Leiter einer Arbeitsgruppe der Universität Oxford, die sich mit Klimadynamik befasst. „Dazu kommt, dass es wesentlich umweltfreundlicher ist, „recycelte“ Prozessor-Zeit auf einzelnen Computern für diese Berechnungen zu nutzen, anstatt einen gigantischen Supercomputer zu kaufen, ihn in eine riesige Halle zu stellen und diese zu klimatisieren.“

Weatherathome.net wird zunächst drei Regionen im Detail untersuchen: Europa, Südafrika und den Westen der USA. In Europa, so Jones, werden die Forscher insbesondere nach Wettersystemen Ausschau halten, die sich langsam bewegen und sehr viel Regen produzieren und nach ausgedehnten Perioden mit überdurchschnittlichem Niederschlag, die Überschwemmungen großer Flüsse wie der Themse, Elbe und Donau verursachen.

Besonders unbeständig sei das Wetter über Südafrika, so der Klimatologe Bruce Hewitson von der Universität Kapstadt, der ebenfalls zum Team gehört. Dort wird man insbesondere auf Phänomene wie höhere Temperaturen in Kombination mit verändertem Niederschlag im Südwesten des Kaps achten, die Auswirkungen auf den Weinbau und die Apfelplantagen haben. Der zweite Schwerpunkt liegt in dieser Region auf Hitzewellen, die sich auf die reichhaltige Artenvielfalt im Westen der Region auswirken.

Mehr Info für alle

„Unsere Bürger werden vom Klimawandel betroffen sein; dies ist nun ihre Chance, dabei zu helfen, die Zukunft zu beschreiben und für sie zu planen“, konstatiert Dr. Philip Mote, Direktor des Instituts für Klimawandel in Oregon, der die Resultate für den Westen der USA auswerten wird.

„Die Resultate werden dazu beitragen, dass Regierungen, Wirtschaftsführer und Resource Manager besser über die Einzelheiten des Klimas informiert werden können, damit sie die richtigen Schritte unternehmen können, um möglichen Veränderungen zu begegnen.“

Die globalen und regionalen Klimamodelle, das der britische Wetterdienst zur Verfügung stellt, werden auch verwendet werden, um zu untersuchen, wie das Wetter in einer Welt aussehen könnte, die im Verlauf des nächsten Jahrhunderts durchschnittlich 2, 3 oder 4 Grad wärmer ist.

Was trägt der Mensch bei?

Um die Frage anzugehen, inwiefern der Mensch Verursacher dieser Wetterereignisse ist, wird weatherathome.net Daten aus den vergangenen 50 Jahren verarbeiten. Die ursprünglichen Konditionen der Modelle werden modifiziert, um zu zeigen, was gewesen wäre, hätten wir nicht durch die Industrie diese großen Mengen an Treibhausgasen erzeugt. Die Differenz zwischen diesen Simulationen und dem echten Wetter werden es ermöglichen, den Beitrag des Menschen zu aktuellen Wetter-Trends zu bestimmen. Die Frage, wem die Entwicklungen zuzuschreiben sind, wird einer der entscheidenden Aspekte für rechtliche Schritte gegen Umweltverschmutzer sein, die von manchen Gruppen bereits unternommen wurden.

Die Wissenschaftler werden jedoch nicht nur nach schlechtem Wetter Ausschau halten, so Dr. Allen: „Wir wollen wissen, wie sich die Risiken schlechten – und schönen – Wetters verändern, damit wir den Menschen helfen können, vorausschauend zu planen. Dabei geht es nicht darum, ob der Klimawandel stattfindet oder weshalb er stattfindet: er findet statt, also was bedeutet das für uns?“

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 18.11.2010
Geschrieben von

Damian Carrington | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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