„Wichtiger als der Präsident“

Porträt Wer war Qasem Soleimani? Der Chef der Al-Quds-Brigaden hatte Erfolg damit, das regionale Umfeld seines Landes nach dem Irak- und dem Syrien-Krieg neu zu ordnen
„Wichtiger als der Präsident“
Qasem Soleimani im Jahr 2013

Foto: Mehdi Ghasemi/ISNA/AFP via Getty Images

Am Freitagmorgen haben Drohnen der US-Streitkräfte in Bagdad einen Mann getötet, der nicht nur im Iran, sondern auch in Syrien, im Libanon und im Irak zu den einflussreichsten Akteuren zählte.

Qasem Soleimani ist im Iran in den vergangenen Jahren zu einer bekannten Persönlichkeit geworden und wurde manchmal sogar als künftiger Präsident gehandelt. Dennoch ist der Befehlshaber der Revolutionären al-Quds-Brigaden außerhalb der Region, für deren Neugestaltung er möglicherweise mehr getan hat als irgendjemand sonst, eine relativ unbekannte Figur geblieben.

„Er war wichtiger als der Präsident, sprach im Iran mit allen Fraktionen, verfügte über eine direkte Verbindung zum Obersten Führer und war für die Politik des Iran in der Region zuständig“, fasst Dina Esfandiary, eine Fellow bei der Denkfabrik Century Foundation, Soleimanis Bedeutung zusammen. „Wichtiger und einflussreicher konnte man nicht sein.“

Iranischer Halbmond

Die Al-Quds-Brigaden haben die Aufgabe, den Einfluss des Iran im Ausland zu vergrößern, und der 62-jährige Soleimani tat dies in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit außerordentlich großem Erfolg. Inmitten des Chaos und der vielen Toten, die auf den durch die USA geführten Angriff auf den Irak im März 2003 und den inneren Krieg in Syrien ab März 2011 folgten, sah Soleimani eine Gelegenheit, um mit personellen und finanziellen Mitteln quer durch die Region – vom Libanon im Westen bis zum Jemen im Süden – eine pro-iranische Einflusszone in Form eines Halbmondes zu schaffen.

Der beständige Aufstieg der Hisbollah im Libanon; Irans entscheidende Intervention zur Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg; der anhaltende Widerstand der Huthi-Milizen gegen die von Saudi-Arabien angeführten Streitkräfte sowie der Aufstieg schiitischer Milizen im Irak: Jede dieser Entwicklungen kann bis zu einem gewissen Grad auf den kleingewachsenen, grauhaarigen iranischen Kommandeur zurückgerührt werden, der 1957 als Sohn einer armen Bauernfamilie geboren wurde.

In seiner Autobiografie berichtet Soleimani, er sei in Rabor im Osten des Iran geboren worden und habe mit 13 in einen Nachbarort gehen müssen, um dort die Schulden seines Vaters bei der Regierung des Schahs abzuarbeiten. Als der Monarch 1979 gestürzt wurde, verschrieb sich Soleimani der klerikalen Herrschaft Ajatollah Ruhollah Chomeinis und schloss sich den Revolutionsgarden an, jener paramilitärischen Einheit, die gegründet wurde, um einen Putsch gegen die neu ausgerufene Islamische Republik zu verhindern.

Lust an der Konfrontation

Nach zwei Jahren wurde er an die Front geschickt, um die Invasion der irakischen Armee zurückzuschlagen. Schnell zeichnete er sich vor allem durch gewagte Aufklärungsmissionen hinter den irakischen Linien aus und wurde zum Führer einer Brigade ernannt. Er wurde mindestens einmal verwundet und verlor viele Männer, doch nie seine Lust an der Konfrontation. Der Krieg brachte ihn auch in Kontakt mit der Art von ausländischen Milizen, wie er später mit spürbaren Folgen für die Gegner seines Landes führen sollte.

Als die irakische Regierung von Saddam Hussein 2003 stürzte, war Soleimani zum Leiter der Al-Quds-Brigaden aufgestiegen und wurde beschuldigt, schiitische Milizen zu finanzieren, die (zusammen mit ihren sunnitischen Gegenspielern) im Irak Tausende von Zivilisten und Soldaten der Besatzungstruppen töteten. Als die Kämpfe in den Straßen des Irak tobten, kämpfte Soleimani im Verborgenen mit den USA um den Einfluss auf die neue irakische Führung.

Eine Botschaft, die er 2007 dem amerikanischen Kommandeur David Petraeus zukommen ließ, ist berüchtigt geworden: „General Petraeus, Sie sollten wissen, dass ich, Qasem Soleimani, die Politik des Iran im Hinblick auf den Irak, Libanon, Gaza und Afghanistan kontrolliere. Der Botschafter in Bagdad ist ein Mitglied der Al-Quds-Brigaden und derjenige, der ihn ersetzen wird, wird ebenfalls ein Mitglied der Al-Quds-Brigaden sein.“ (Petraeus wiederum beschrieb Soleimani 2008 in einem Brief an den damaligen US-Verteidigungsminister als "eine wahrhaft böse Figur".)

In der Nähe von Trump

Vor Kurzem offenbarte ein geleaktes diplomatisches Kabel das Ausmaß an Einflusses, über das Soleimani im Irak verfügte: Er half bei einer Schlacht gegen den Islamischen Staat, nötigte den damaligen Verkehrsminister dazu, iranischen Flugzeugen mit für Syrien bestimmten Waffen den Überflug über irakisches Territorium zu erlauben. In Bagdad traf er sich regelmäßig mit Regierungsvertretern.

Es sei seine Fähigkeit gewesen, Beziehungen aufzubauen, die ihm eine solche Wirksamkeit verschafft hätten, sagt Dina Esfandiary von der Denkfabrik Century Foundation. „Er knüpfte sie mit jedem – inner- und außerhalb des Iran, inner- und außerhalb der Regierung.“

Dass es in den vergangenen Monaten zu Unruhen im Libanon, im Irak und im Iran kam, hat die Einflusszone nicht unberührt gelassen, um die sich der General so sehr bemüht hat. Für die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Bagdad wurden Milizen unter seinem Einfluss verantwortlich gemacht – seine Arbeit spielte sich nicht mehr länger im Verborgenen ab.

18 Monate vor seinem Tod richtete Soleimani eine öffentliche Warnung an Donald Trump, die sich nun bewahrheiten könnte – wenn auch nicht in dem von ihm intendierten Sinne: „Mr. Trump, der Spieler, ich sage Ihnen, Sie sollten wissen, dass wir Ihnen an dem Ort nahe sind, an dem Sie das nicht vermuten“, so Soleimani. „Sie werden den Krieg beginnen, doch wir werden ihn beenden.“

Michael Safi ist ein internationaler Korrespondent für den Guardian mit Sitz im Nahen Osten

Übersetzung: Holger Hutt
16:46 03.01.2020
Geschrieben von

Michael Safi | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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