Wie das Ende eines Tsunamis

Sri Lanka Die Niederlage der tamilischen Befreiungstiger eröffnet eine Chance für den inneren Frieden Sri Lankas. Sie zu verspielen, würde bedeuten, neue Gewalt zu säen

Die Geschichtsbücher sind voll mit Geschichten von Staatsführern, die bereits gewonnene militärische Siege aus Überheblichkeit wieder verspielten. Ob sich Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse in diese Gruppe einreiht, bleibt abzuwarten – die Siegesrede, die er in Kürze halten will, dürfte einen ersten Hinweis darauf geben, welchen Weg er einzuschlagen gedenkt.

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Zunächst einmal muss man erleichtert sein, dass für die 250.000 Tamilen, die in der nördlichen Küstenzone eingekeilt waren, das schlimmste Leiden endlich vorüber ist. Vier Monate lang waren sie dem Artillerie-Beschuss durch die Armee ausgeliefert und wurden von Tamilen-Rebellen erschossen, wenn sie versuchten zu fliehen. Vier Monate lang lebten sie unter Bedingungen, die noch unendlich viel schlechter waren als jene, mit denen die Bewohner des Gaza-Streifens während der israelischen Invasion im Januar zurechtkommen mussten. Schließlich konnten die Palästinenser wenigstens in ihren eigenen Häusern bleiben, hatten zu essen und zu trinken, wie ungenügend diese Versorgung auch immer gewesen sein mag. In Sri Lanka kauerten die schutzlosen Massen entlang der Lagunen und Sandbänken des Küstenstreifens. Um sich herum den Schmerz und das Schreien der Sterbenden. Die Hölle, die sie durchlaufen haben, ist nicht zu vergleichen mit dem Tsunami, der vor vier Jahren eben diese Küste blitzartig überflutete und ebenso schnell wieder vorüber war.

Auseinander gerissen und getötet

Rajapakse hat die letzten Kampfhandlungen eine „beispiellose humanitäre Operation“ genannt. Diese euphemistische Beschreibung von Krieg lässt sich kaum überbieten. Wenn er aber wirklich daran interessiert sein sollte, „Geiseln zu retten“, wie offizielle Verlautbarungen aus seinem Haus behaupten, dann muss er diesen Menschen Rahmenbedingungen schaffen, die ihre Würde respektieren. Auffanglager können dann nur Übergangslösungen sein, um den Menschen erst einmal zu ermöglichen, Kraft zu schöpfen und vermissten Angehörige zu suchen, nachdem sie mit ansehen mussten, wie ihre Familien auseinander gerissen und getötet wurden. Wenn diese Camps aber zu dauerhaften Konzentrationslagern werden, verhält sich die Sache anders. Es gibt bereits offizielle Verlautbarungen, wonach es lange dauern werde, die Menschen nach jahrelanger Indoktrination durch die Tamilen-Tiger „umzuerziehen“. Die Formulierung ist beunruhigend. Warum sollen die Flüchtlinge nicht in die Dörfer zurückkehren können, aus denen sie zu Beginn der Armeeoffensive im vergangenen Jahr geflohen waren? Die Anführer der Tamilen-Tiger sind tot und haben keine Macht mehr über sie.

Regierungsvertreter äußerten erst vor kurzem gegenüber dem UN-Notfallhilfe-Koordinator John Holmes , sie hofften, dass 80 Prozent der Vertriebenen die Lager bis zum Ende des Jahres verlassen können. Geberländer sollten Rajapakse an dieses Versprechen erinnern und darauf drängen, dass die Lager so schnell wie möglich von militärischer in zivile Kontrolle mit uneingeschränktem Zugang für UN-Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz übergehen.

Schlüsselrolle Indiens

Wenn die Regierung Sri Lankas um Hilfe bittet, sollten die Geberländer ihren Beistand an strikte Forderungen knüpfen – besonders Indien kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Delhi muss denkbare Hilfe strikt an den Vorbehalt knüpfen, welche Absichten die Regierung in Colombo gegenüber der tamilischen Bevölkerung hegt. Hat sie vor, singhalesische Siedler in traditionelle Tamilen-Regionen zu schicken, um „die tamilische Bedrohung einzudämmen“? Wird sie die Gegend mit Kontrollposten im Stile der besetzten Westbank überziehen? Vor allem: Zu welchen politischen Veränderungen ist die Regierung bereit?

Es sind inzwischen zwei Jahre vergangenen, seitdem der 13. Zusatz zur Verfassung Sri Lankas beschlossen wurde, der eine Übergabe von Machtkompetenzen an die Provinzen vorsieht. Der Krieg der Tamilen-Rebellen fand nicht zuletzt deshalb so große Sympathie in der Bevölkerung und konnte solange dauern, weil die von Singhalesen beherrschte Regierung diese Reform bis zum heutigen Tag nicht umgesetzt hat. Wird sie dies jetzt tun? Rajapakses jüngste Bilanz im Osten Sri Lankas gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Seitdem die Tiger Ende 2007 dort geschlagen wurden, hat die Zentralregierung die meisten Entscheidungen im Alleingang getroffen und es versäumt, der Region die Entwicklungshilfe zukommen zulassen, die sie so dringend benötigt.

Noch schwerer wog, dass sie zwei abtrünnige Kommandeure der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE), die sich zum Wechsel der Fronten entschlossen hatten, nicht daran hinderte, einen Bandenkrieg zu führen. In Anbetracht dieser mageren Fürchte, die der Frieden im Osten gezeitigt hat, bedürfte es schon eines grundsätzlichen Umdenkens in Colombo, damit sich nach der Niederlage der Tamilen in ihren nördlichen Hochburgen etwas Grundlegendes ändert.

Immer wieder haben es die Regierungen Sri Lankas versäumt, den legitimen Beschwerden der tamilischen Minderheit Gehör zu schenken. Die Tiger als Terroristen abzutun, gegen die man einen „gerechten“ Krieg führte, verzerrt die Tatsachen. Auch wenn sie sich immer wieder des Terrors gegenüber der Zivilbevölkerungund der Ermordung von Politikern schuldig gemacht haben, konnten sie die Regierungstruppen in einem konventionell geführten Krieg doch nur deshalb zweimal zu einem temporären Waffenstillstand zwingen, weil viele – nicht alle – Tamilen ihre Sache unterstützten.

Übersetzung: Holger Hutt

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23:00 19.05.2009
Geschrieben von

Jonathan Steele, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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