Wie die Menschen sich aus der Armut befreien

Praxis Iran, Namibia, Indien, Brasilien: Am weitesten ist die Idee eines Grundeinkommens in den Entwicklungs- und Schwellenländern dieser Welt
Wie die Menschen sich aus der Armut befreien
Das Programm Bolsa Família erreicht gegenwärtig die 57 Millionen ärmsten Brasilianer

Foto: Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Von den trockenen Ebenen der Wüste Namib bis hin zu den scheinbar undurchdringlichen Urwäldern des Amazonas und den dicht bevölkerten Slums von Seemapuri in Indien ist eine leise Revolution im Anmarsch. Eine einfache Idee hat in einigen der entlegensten Winkel der Welt Fuß gefasst. Im Gegensatz zu den komplizierten Theorien über strukturelle Anpassung, wirtschaftliche Konvergenz und Trickle-Down, die letzten Endes allesamt gewährleisten sollen, dass alle Menschen genug Geld haben, setzt dieser Ansatz auf eine einzige, praktische Maßnahme, um die Armut von Millionen von Menschen zu bekämpfen: Wenn wir in einer Welt ohne Armut leben wollen, in der die einst Armen in der Lage sind, sich einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten, dann muss jeder wenigsten über ein wenig Geld verfügen.

Diese einst utopische Vision gewinnt schnell an Boden. Ein weltweites Netzwerk aus Akademikern, Aktivistinnen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und privaten Initiativen arbeitet auf die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) in einigen der am stärksten von Armut betroffenen Regionen der Welt hin. Die Idee ist einfach nachvollziehbar und einfach umzusetzen – zumindest sind dafür keine großen Summen notwendig. Ihre Auswirkungen hingegen sind gewaltig. Die Auswertung von Pilotprojekten hat ergeben, dass ein BGE nicht nur Armut und Ungleichheit reduziert, sondern es sich auch positiv auf den Handel auswirkt, wenn man in einigen der ärmsten Communitys der Welt jedem monatlich zehn US-Dollar zur Verfügung stellt. Während diese Programme ein Minimum an sozialer Sicherheit gewährleisten, steigern sie gleichzeitig die Nachfrage und fungieren als öffentliche Anschubfinanzierung, die die Empfänger in die Lage versetzt, nötige Investitionen zu tätigen, um unternehmerisch tätig zu werden. Immer mehr Politiker und politische Entscheidungsträger begreifen die Vorteile des BGE. In jüngster Zeit hat die Zahl solcher Programme stark zugenommen. Dies könnte die entwicklungspolitische Landschaft mit einer einzigen, einfachen Idee grundlegend verändern: Schlichtweg den Armen Geld zu geben.

Sarah Katangolos bereits recht flotter Gang beschleunigte sich noch weiter, als der Geldautomat an der Straßenecke in Sichtweite kam. In ihrer linken Hand hielt sie das Wohlstandsymbol der westlichen Welt schlechthin fest umfasst: eine Kreditkarte, auf der ihre persönlichen Daten prangen. Sarah war auf dem Weg, um Geld von einem Geldautomaten abzuheben – eine Verrichtung, die in der entwickelten Welt so selbstverständlich geworden ist, dass man sie fast nicht mehr wahrnimmt. Die scheinbare Banalität der Szene wurde weiter verstärkt durch den Umstand, dass sie gerade einmal 80 US-Dollar abheben wollte. Doch auf den staubigen Straßen von Otjivero, 100 Kilometer östlich der namibischen Hauptstadt Windhuk, kam der Gang zum Geldautomaten nichts weniger als einer persönlichen Revolution gleich.

Für jedes Mitglied im Haushalts zehn Dollar

Sarah gehörte zu den ersten BGE-Empfängerinnen eines Pilotprojektes, das namibische NGOs in Otjivero durchführten. Im Laufe des vorangegangenen Jahres hatte Sarah, deren Mann ein paar Jahren zuvor gestorben war, für jedes Mitglied ihres Haushalts zehn Dollar erhalten. Das meiste davon gab sie für Schulgebühren und Lebensmittel für ihre sieben Kinder aus. Von ihrer allerersten BGE-Zahlung hatte sie sich allerdings zwei Hühner gekauft. Nach nur zwölf Monaten war Sarah bereits stolze Besitzerin von 40 Hühnern, die sie nun für je 30 Dollar verkaufte. Nach Abzug der Futterkosten ergab sich hieraus ein potentieller Gewinn von 1.000 Dollar. Sarah Katangolo hatte sich selbstständig gemacht – eine alleinerziehende Mutter, die nie eine Anstellung hatte finden können, in einem Land, in dem mindestens 30 Prozent der Frauen erwerbslos sind und wo über zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag leben.

Sie war nicht die einzige. Die zehn Dollar im Monat haben das Leben aller 930 Bewohnerinnen des Dorfes verändert. Die Initiatorinnen des Projekts kamen bei der Evaluation zum Ergebnis, dass die Anzahl der in Armut lebenden Haushalte in nur einem Jahr von 76 auf 37 Prozent gefallen war. Bei den Haushalten, die nicht von innerstaatlicher Migration betroffen waren, fiel der Anteil sogar auf 16 Prozent. Die Mangelernährung bei Kindern ging von 42 auf 10 Prozent zurück, während die durchschnittliche Verschuldung eines Haushalts von 121 auf 77 Dollar reduziert werden konnte. Am entscheidensten ist aber vielleicht, dass das BGE die wirtschaftliche Aktivität erheblich steigerte, indem es Menschen wie Sarah die notwendigen Investitionen ermöglichte, um wirtschaftlich aktiv zu werden.

Die Anzahl derjenigen über 15 Jahre, die sich unternehmerisch engagierten, stieg von 44 auf 55 Prozent. Indem das Projekt die Kaufkraft der Empfängerinnen stärkte, schuf es gleichzeitig einen Markt für die neuen Produkte. Weit davon entfernt, den Menschen die Motivation zu arbeiten zu nehmen, stattete die Einführung eines monatlichen Einkommens von zehn Dollar die Empfänger mit der nötigen sozialen Grundsicherung sowie den Marktanreizen aus, die nötig sind, um sich am lokalen Wirtschaftsgeschehen beteiligen zu können. Indem es als Investition sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite wirkte, diente das BGE als Anschubfinanzierung für Otjiveros angehende Unternehmerinnen und Unternehmer. Die meisten von ihnen ließen sich diese Gelegenheit ebenso wenig entgehen wie Sarah Katangolo.

Kein neues Konzept

Auch wenn es nie viel mehr als eine randständige Idee war, ist das Konzept eines allgemeinen Grundeinkommens keineswegs neu. Philosophen von Thomas Paine bis Thomas Morus und John Stuart Mill haben zu ihrer Zeit über sein Potenzial für die Bekämpfung sozialer Probleme diskutiert. Im vergangenen Jahrzehnt häuften sich nun aber die Anzeichen dafür, dass die Zeit für diese Idee schließlich gekommen sein könnte. Das stärkste dieser Signale kommt aus Orten wie Otjivero, und drängt die lange philosophische Tradition in den industriell entwickelten Ländern in den Hintergrund. Es sind die Entwicklungsländer, in denen die größten Schritte hin zur Einführung eines BGE unternommen werden.

Neben dem Pilotprojekt und den damit in Verbindung stehenden Bemühungen in Namibia, wurden bislang bereits im Iran, in Brasilien, Südafrika und Indien offizielle Untersuchungen in die Wege geleitet.

Das einzige Land, in dem zur Zeit ein BGE existiert, ist der Iran. Die Regierung hat bereits 2010 ein Programm zur Entschädigung für den Wegfall von teuren Subventionen verabschiedet, nach dem jeder im Land ansässige Bürger 40 US-Dollar im Monat erhält. Das ist genug, um einen Großteil der zehn Prozent, die ansonsten mit weniger als zwei Dollar pro Tag leben müssten, über diese Schwelle zu heben. Das Programm unterscheidet sich in seiner Konzeption von anderen Modellen: Es trat automatisch durch das Ende der Subventionen als de-facto-BGE in Kraft und war nicht als Entwicklungsprogramm konzipiert worden. Dennoch widerlegt das iranische BGE die Behauptung, derartige Programme seien nur in stärker entwickelten Ländern möglich und wahrscheinlich, insbesondere in den europäischen.

Bolsa Família

Brasilien war das erste Land weltweit, das 2004 ein Gesetz mit der Forderung nach einem BGE verabschiedete. Sofort wurde das mittlerweile berühmte Programm Bolsa Família eingeführt, als der „erste Schritt hin zu einer flächendeckenden Einführung dieses Mindesteinkommens für alle Bürger“. Bolsa Família erreicht gegenwärtig die 57 Millionen ärmsten Brasilianer. Das sind 28 Prozent der Gesamtbevölkerung. Darüber hinaus haben alle Bewohner von Quatinga Velho im Bundesstaat São Paulo in den vergangenen drei Jahren im Rahmen eines privat finanzierten Pilotprojekts 15 Dollar pro Monat erhalten. Auch wenn die Koordinatoren des Programms eine Reihe positiver Effekte ausgemacht haben, ging es bei dem Projekt nicht um die Evaluation der Effekte. Die Initiatorinnen sind bereits von der Sinnhaftigkeit eines BGE überzeugt. Ihnen ging es vielmehr darum, weitere Fortschritte zu erzielen, um das 2004 verabschiedete Gesetze endlich vollständig umzusetzen.

Auch in Südafrika wurden nicht-beitragsfinanzierte Sozialleistungen in jüngster Zeit erheblich ausgeweitet. Gegenwärtig zählt das System 15 Millionen Empfänger; 29 Prozent der Gesamtbevölkerung. Darüber hinaus empfahl das 2002 von der Regierung finanzierte Taylor Committee die Einführung eines BGE in Höhe von zehn US-Dollar pro Person. Der Vorschlag sah vor, es über einen Zeitraum von 13 Jahren hinweg einzuführen, um „die Versorgungslücken innerhalb des südafrikanischen Sozialversicherungssystems zu schließen“ und es so zu „einer allgemeinen sozialen Transferleistung für alle Südafrikaner“ zu machen. Trotz dieser offiziellen Vorschläge, anhaltender Bemühungen von Seiten von Aktivistinnen und der stetigen Ausweitungen von sozialen Sicherungsleistungen, steht eine wirklich flächendeckende Einführung noch immer aus.

In Indien läuft seit 2011 ein Pilotprojekt mit wissenschaftlichem Schwerpunkt. Unter der Leitung der Self-Employed Women’s Association (SEWA) wurde es zunächst in acht Dörfern in Madhya Pradesh eingeführt und schließlich auf einen urbanen Teil Dehlis ausgeweitet. Familien, die sich an dem Programm in der Stadt beteiligen, erhalten 22 Dollar pro Monat, auf dem Land sind es 4,40 pro Erwachsenem und 2.20 für Kinder unter 14. Die Wissenschaftler werden den Verbrauch, die Ausgaben und den Ernährungszustand der Probandinnen mit denen von zwölf Kontrollgruppen in anderen Dörfern vergleichen, um so feststellen zu können, wie sich das BGE auf das Leben im Dorf auswirkt.

Leon Schreiber nahm mit diesem Text am Essay-Wettbewerb des St. Gallen Symposiums teil und belegte Platz 2. Für die digitale Ausgabe des Freitag wurde der Text in seiner längeren Fassung belassen.

Übersetzung: Holger Hutt

Die ständige Weiterverbreitung von Geld-Transfer-Programmen macht es wahrscheinlich, dass das bedingungslose Grundeinkommen in den kommenden zehn Jahren zumindest in einigen Entwicklungsländern eingeführt werden wird. Doch wichtige Fragen bleiben. Kritiker äußern Bedenken bezüglich der Finanzierbarkeit einer immer größeren sozialen Absicherung armer Menschen. Die Erfahrung der vergangenen zehn Jahre hat allerdings viel zur Ausräumung solcher Bedenken beigetragen. Neuen Untersuchungen zufolge würde es nicht mehr als zwei Prozent des weltweiten BIP kosten, die Armen dieser Welt mit einer sozialen Grundsicherung auszustatten. Vorschläge wie der in Südafrika gemachte, zielen darauf ab, einen Teil der Kosten über Steuern wieder hereinzuholen. Befürworter weisen außerdem darauf hin, dass ein bedeutender Teil der Kosten eines BGE aus den bereits existierenden Entwicklungshilfe-Etats sowie durch die Ersetzung der bestehenden Programme gedeckt werden könnte.

In Anbetracht der geringen Summen, um die es hier geht, besteht das Ziel des BGE-Entwicklungsmodells sicher nicht in einer Welt, in der alle mit Almosen reich werden können. Stattdessen sollte das BGE als öffentliche Anschubfinanzierung für diejenige Art von Investitionen betrachtet werden, die Menschen in die Lage versetzen, sich ihren eigenen Wohlstand zu erarbeiten. Indem man ihnen ein Mindestmaß an sozialer Absicherung garantiert, versetzt man die Armen in die Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Armut zu ziehen. Neben der Bekämpfung von Armut und Ungleichheit belegen die bisherigen Erfahrungen, dass solche Maßnahmen finanzierbar sind und Wirkung zeigen, indem sie die Nachfrage ankurbeln und den Empfängerinnen wichtige Investitionen ermöglichen. Das BGE hat es Sarah Katangolo ermöglicht, sich in Otjivero eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen und die stille Revolution des BGE verfügt über das Potenzial, die unternehmerischen Energien von Millionen der weltweit am stärksten Marginalisierten freizusetzen. Die Forderungen danach werden lauter.

06:00 05.08.2015
Geschrieben von

Leon Schreiber | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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