Wie ein Flugzeug ohne Motor

Irak Der Fall wichtiger Städte im Osten und Norden vollzieht sich rasend schnell, weil die Armee keinen Widerstand leistet und zumeist das Weite sucht
Irakischer Soldat an einer Straßensperre
Irakischer Soldat an einer Straßensperre

Foto: Safin Hamed/ AFP/ Getty Images

Bagdads Bemühungen, einen um sich greifenden sunnitischen Aufstand niederzuschlagen, haben sich als Fehlschlag erwiesen. Die Großstadt Mossul fiel Mitte der Woche nach einer raschen Kapitulation des irakischen Militärs an die ISIS-Verbände. Berichten zufolge verließen die Soldaten panisch ihre Posten, als die Dschihadisten kamen. Kurz darauf rückten Letztere weiter in Richtung Kirkuk vor und konnten ihre Positionen in der an den kurdischen Norden und das arabische Kernland des Irak angrenzenden Provinz Ninawa verstärken.

Für die USA ist eine Situation eingetreten, die Sprecher der Obama-Regierung „extrem ernst“ nennen. Das Außenministerium in Washington drängt auf eine „starke, koordinierte Gegenreaktion.“ US-Außenamtssprecherin Jen Psaki glaubt, die Aufständischen hätten vom Bürgerkrieg in Syrien profitiert und seien im Begriff, Rekruten und Ressourcen aus Syrien in den Irak zu überführen.

Zivilisten bewaffnen

Die Behauptung der Amerikaner, man habe al-Qaida „strategisch besiegt“, hat sich in den vergangenen Monaten, als sich die Dschihadisten in den ehemaligen Kampfgebieten erneut etablieren konnten, als falsch erwiesen. Ebenso widerlegt ist die Aussage irakischer Militärs, sie würden über die Mittel verfügen, die Aufständischen zu vertreiben. Die Armee muss inzwischen über 2.500 Gefallene verkraften – und dass, obwohl bislang keine ersthaften Versuche unternommen wurden, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern.

Die in Bedrängnis geratene Regierung von Premier Nouri al-Maliki will nun Zivilisten bewaffnen und das Parlament bitten, den Notstand zu verhängen. Außerdem soll das Militär, das bis 2011 von den USA ausgerüstet und ausgebildet wurde, schleunigst umstrukturiert werden. Die Kollaboration zwischen Stammesführern und dem US-Besatzungskorps, die 2007 eine Aufstandsbewegung bezwang, könne als Vorbild dienen.

Einwohner Mossuls berichteten, eine große Zahl von Strafgefangenen in gelber Häftlingskleidung sei auf den Straßen unterwegs gewesen. Teilweise seien sie von den Dschihadisten gegrüßt worden, die sie befreit hatten. Außerdem, so die Berichte, seien Hunderte bewaffnete Extremisten unbehelligt durch die Stadt gezogen.

Das Ziel heißt Kalifat

Die gesamte Provinz Ninawa ist in die Hände von Militanten gefallen“, gibt Parlamentssprecher Osama al-Nujaifi bei einer Pressekonferenz in Bagdad zu. Die Extremisten bewegten sich in Richtung Süden auf die Heimatprovinz Saddam Husseins zu.

Die Fähigkeit der ISIS, sich derart schnell zu organisieren und zu mobilisieren, hat Politiker in der gesamten Region schockiert. Auftrieb erhielt die Gruppe Ende 2012 auf den Schlachtfeldern im Norden Syriens. Zuletzt aber hatte sie das Kriegsglück verlassen: Islamistische und moderate Gruppen der syrischen Opposition konnten sie aus Aleppo und Idlib vertreiben. Was offenbar nichts daran geändert hat, dass die ISIS-Verbände, sich ein grenzübergreifendes Einflussgebiet erhalten haben.

Dieses reicht von der östlich von Aleppo gelegenen Stadt al-Bab über die unbewohnte syrische Wüste im Osten bis in die irakische Provinz al-Anbar. Darüber hinaus hat die ISIS die Attentatskampagnen intensiviert, die sie regelmäßig lanciert. Ihr Ziel ist es, die schiitische Machtbasis im Irak zu erschüttern und ein Kalifat zu errichten, in dem das fundamentalistisch-islamische Recht gilt.

Angesichts seiner erodierenden Autorität hat sich Bagdad mit der Bitte um Raketen und Artillerie an die Obama-Regierung in Washington gewandt. Eine Rückkehr der US-Truppen wünscht man aber nicht. Auch Barack Obama hat bislang der Vorstellung widersprochen, man sollte wieder Truppen in die Region entsenden. Den irakischen Premier al-Maliki scheinen derweil die Ereignisse in Mossul, wo die Militanten angeblich die ISIS-Flagge auf öffentlichen Gebäuden gehisst haben, unvorbereitet getroffen zu haben. Seit den nunmehr sechs Wochen zurückliegenden Wahlen versucht al-Maliki eine Koalition zu bilden, die ihm eine dritte Amtszeit als Regierungschefs verschafft.

6.000 Militante

Al-Maliki hatte sich stets als der einzige irakische Politiker inszeniert, der einer wieder auferstehenden ISIS die Stirn bieten könne. Allerdings ist es seinen Truppen nicht gelungen, Falludscha oder Ramadi zurückzuerobern. Im Gegenteil wirkt das Militär zunehmend ohnmächtig, während der Aufstand an Fahrt gewinnt. Irakische Offizielle schätzen, dass derzeit etwa 6.000 militante ISIS-Anhänger im Land stehen. Da die Kämpfer aber häufig die durchlässige Grenze zu Syrien überqueren, könnte ihre Zahl um mehrere tausend Personen höher liegen.

Die Führung der Gruppe besteht nahezu vollständig aus Irakern. Sie sind kampferprobt durch den über zehn Jahre währenden Aufstand gegen die US-Truppen und einen zermürbenden Bürgerkrieg gegen die schiitische Bevölkerung des Landes. Die Basis hingegen stammt aus allen Teilen der arabischen Welt sowie aus Europa, Süd- und Südostasien.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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