Wie ich kein Star wurde

Bollywood Guardian-Autor Nirpal Dhaliwal ist Brite indischer Abstammung. Als ein Bollywood-Film in seiner Heimatstadt gedreht wurde, musste er unbedingt dabei sein

Liverpool mag die Beatles hervorgebracht haben, Birmingham mag der Kesselraum der industriellen Revolution gewesen sein. Doch Southall, ein düsterer Vorort westlich von London, ist kulturell von nicht geringerer Bedeutung: Southall ist seit den fünfziger Jahren Ziel zahlloser Einwanderer aus Indien, zu denen auch mein Großvater gehörte. Jeder indischen Community ist diese Ansammlung von Sari-Shops, Tempeln und Halal-Fleischern ein Begriff, ob in Dehli, Nairobi oder New York.

Southall, als Ganzes betrachtet, ist verrückt nach Bollywood, dem cineastischen Kitt, der alle Inder verbindet: Musik, Geschichten, Moden und Wertvorstellungen des Bollywood-Kinos bilden eine Brücke von dem aus dem Punjab stammenden Taxifahrer in Chicago zum in Berlin lebenden Radiologen aus Gujarati. Jährlich entstehen 700 bis 800 Filme. Viele davon sind Filme für die ganze Familie, die dann auch geschlossen ins Kino geht. In Großbritannien laufen Woche für Woche in mehr als 50 Kinos Bollywood-Filme, regelmäßig gehören sie zu den meistbesuchten Filmen. Dass sie in Großbritannien erfolgreicher sind als britische Produktionen, obwohl fast ausschließlich Asiaten sie sehen, zeigt, wie wichtig sie für indische Einwanderer sind.

Eine einmalige Chance

Als Bollywood nach Southall kam, bot sich mir deshalb die einmalige Gelegenheit herauszufinden, wie diese Industrie funktioniert. Außerdem konnte ich den Fuß auf die erste Stufe der Bollywood-Karriereleiter setzen: Mir war eine kleine Sprechrolle an der Seite von Akshay Kumar zugesagt worden, einem der größten indischen Stars.

Kumar war für die Dreharbeiten zum Film Patiala House gekommen. Er spielt darin einen guten Sikh, der im Eckladen seines Vaters arbeitet, eigentlich aber davon träumt, in der englischen Cricket-Nationalmannschaft zu spielen. Sein Vater, ein schroffer Patriarch mit Turban, möchte mit den Briten nichts zu tun haben, weil sein eigener Vater 1979 bei den Southall Riots ermordet wurde (wobei er kein Problem damit hat, ihnen Zigaretten und Milchtüten zu verkaufen). Den Geschichtsbüchern zufolge kam bei den damaligen Unruhen tatsächlich ein Mensch ums Leben, es war allerdings kein Inder, sondern der antirassistische Aktivist Blair Peach. Aber das tut hier nichts zur Sache. Indische Zuschauer wollen eine Geschichte über Einwanderer in Not, die sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und dabei ihren Wurzeln treu bleiben.

Southall ist trotz der scharfen Gerüche und religiösen Musik, die dort über die Haupteinkaufsstraße wehen, eine sehr britische Stadt. Ich habe einen großen Teil meiner Jugend dort verbracht: Hasch geraucht, billigen Fusel getrunken, Fußball gespielt und versucht, an jene Mädchen ranzukommen, die keine Zöpfe bis zum Po hatten und nicht von ihren Eltern zu Hause eingesperrt wurden. Doch die, die zu haben waren – Diven mit auftoupierten Haaren, weißen Stöckelschuhen und Jeansröcken – hatten nur Augen für Vokuhilas in Röhrenhosen, die irgendeiner Gang angehörten und in Ford Capris herumfuhren.

Von dieser britischen Realität wird in dem Film Patiala House aber nichts zu sehen sein, weil in Indien niemand etwas damit anfangen könnte. Der Film ist ein generationsübergreifendes Drama über einen Sikh, dessen einzige Grenzübertretung tatsächlich darin besteht, mit den weißen Jungs Cricket zu spielen.

Für meine erste Szene – es ging um eine Verlobungsfeier in einem Sikh-Tempel – sollte ich einen Turban mitbringen. Jassi, der Assistent, der ihn mir band, war nur deshalb eingestellt worden, weil er das als Sikh konnte. Sowieso, klärte er mich auf, könnten „nur Sikhs sie mit Stolz binden“. Ich hatte noch nie einen Turban getragen und war überrascht, wie schwer er war.

Nüsschen mit Sean Connery

Während ich wartete, traf ich Gurdial Singh, einen 70-jährigen Schauspieler, der eine Nebenrolle spielte. Der Glamour Bollywoods hatte ihn so sehr verzaubert, dass er sich im Alter von 20 Jahren aus Uganda, wo in der britischen Kolonialzeit viele Inder im Eisenbahnbau beschäftigt waren, nach Mumbai aufmachte. Er schnitt sich die Haare ab und suchte sein Glück. Ich fragte ihn, was für ihn das Besondere an der Schauspielerei sei. „Jeder kennt dich“, antwortete er. „Millionär kann man in jeder Branche werden, nur kennt einen dann keiner. Als Darsteller in Hindu-Filmen aber wird man auch berühmt, wenn man kein Superstar ist.“ Dann erzählte er mir eine sehr lange Geschichte, wie er mit Sean Connery am Set von Time Bandits ein Schälchen Nüsse gegessen habe.

Als ich mich beim Essen mit der Crew unterhielt, hörte ich Gerüchte, die Gage des Hauptdarstellers betrage etwas mehr als zwei Millionen Euro. Und ich lernte Bala kennen, einen dünnen Mann mit angegrautem Haar, der in der Kostümabteilung arbeitet. Er ist in einem Mumbaier Slum groß geworden und kam mit 16 Jahren über seinen Bruder, der als Handlanger an Sets arbeitete, zum Film. Bollywood hat diesem ganz gewöhnlichen Inder ermöglicht, die Welt zu sehen und ein Leben zu leben, von dem andere seiner Herkunft nicht einmal träumen können. Sein Gehalt wird jedes Mal neu vereinbart: „Es können 40.000 Rupien sein“, sagt er (etwa 650 Euro), „oder 100.000“ (zirka 1.600 Euro). „Dann bin ich aber dabei, bis der Film fertig ist. Das kann drei Monate, aber auch ein Jahr dauern.“ Seine eigenen Kinder, sagt er, sollen lieber nicht beim Film arbeiten: „Ich möchte, dass sie ihre Ausbildung abschließen und etwas mit Computern machen.“

Dann wurde ich ans Set gerufen. Jede romantische Illusion, die ich über das Schauspielerdasein gehabt hatte, wurde in den folgenden Stunden zunichte gemacht. Ich bekam die Eintönigkeit des Filmemachens zu spüren. Ich saß hinter Rishi Kapoor, einem Schauspieler der alten Garde Bollywoods, der Ashkay Kumars Vater spielte. Während der endlosen Wiederholungen der Takes wäre ich beinahe eingeschlafen.

Indische Dynastien

Kapoor war ein Riesenstar in den siebziger und achtziger Jahren. Damals war er ein unverbrauchter, hübscher Junge, der den unschuldigen Verliebten mimte. Heute ist er aufgedunsen und griesgrämig. Kurz zuvor hatte ich mitangehört, wie er seinen Assistenten anblaffte, weil ihn nach Süßstoff verlangte. Kapoor stammt aus einer Bollywood-Dynastie, die auf seinen Großvater zurückgeht und das indische Kino seit fünf Jahrzehnten dominiert. Sein Vater Raj und seine Onkels Shammi und Shasi waren Stars, seine Nichten Kareena und Karisma und sein Sohn Ranbir sind es auch. In Indien trägt alle Macht – von den Ghandis zu den Tatas – die Züge der Dynastie. Bollywood ist da keine Ausnahme.

Draußen hatten sich viele Menschen versammelt, um einen Blick auf das Geschehen am Set zu ergattern. Die Sicherheitsleute hatten Mühe, sie in Schach zu halten. Eine Frau behauptete, es sei ihr Geburtstag, um ans Set zu gelangen. Als man ihr nicht glaubte, brach sie in Tränen aus. Ihr Mann, dem ebenfalls das Wasser in den Augen stand, flehte fromm: „Warum sollte sie in einem Gotteshaus lügen?“

Das Ausmaß der Obsession der Inder mit ihren Filmstars wurde am nächsten Tag deutlich, als an einem Eckladen weitergedreht wurde. Diesmal waren noch mehr Menschen gekommen, die Gehwege auf beiden Seiten und die Verkehrinsel dazwischen waren überfüllt. Unter den Zuschauern war auch Irfan, ein 25-jähriger Student, der den ganzen Tag gewartet hatte, um ­Akshay Kumar zu sehen, obwohl der noch nicht einmal sein Lieblingsschauspieler ist – das ist Shahrukh Khan. „Ich bin verrückt nach Shahrukh“, schwärmte Irfan. „Ich denke Tag und Nacht an ihn. Seine Art zu sprechen, sein Aussehen, seine Körperhaltung – er ist wie ein Gott. Sollte ich ihn einmal sehen, würde ich in Tränen ausbrechen. Ich kann es nicht ertragen, wenn Leute schlecht über ihn reden. Gestern Abend hat ein Freund über ihn gelästert, und ich war so wütend, dass ich gegen die Wand geboxt habe.“ Beim Anblick seiner lädierten Knöchel fragte ich mich, ob er nicht auch ein amouröses Interesse an Shahrukh Khan habe: „Überhaupt nicht. Ich liebe ihn einfach nur, weil er ein toller Typ ist.“

Schließlich machte ich noch mit Regisseur Nikhil Advani Bekanntschaft. Auf die Frage, was Bollywood besonders mache, sagte er: „Wenn man im Westen einen Film macht, kann man eine reine Komödie, ein reines Drama oder einen historischen Film machen. In Indien muss von allem etwas dabei sein. Die Inder sind sehr leidenschaftlich, sie behalten ihre Gefühle nicht für sich. Sie durchleben an einem Tag eine Vielzahl von Emotionen, und das wollen sie auch im Kino geboten kriegen. Sie erwarten Komik, Musik, Melodrama.“ Was ihn trotz des Drucks antreibt, Filme zu machen? „Liebend gerne würde ich sagen: meine Leidenschaft für das Kino. Letztendlich ist es aber, glaube ich, das Geld.“

Ich stolperte über den Star

Dann kam endlich mein winziger Sprechauftritt: Regisseur Advani erteilte einem Assistenten Befehle, der rief sie einem anderen zu, der sie an mich weitergab. Die einander übertönenden Stimmen wurden zu einem unverständlichen Wirrwarr. Wie ich es so oft in Indien erlebt hatte, wurde eine eigentlich einfache Aufgabe beängstigend und unnötig kompliziert. Eigentlich hatte ich nichts anderes zu tun, als stillzustehen, auf ein Stichwort zu warten, mich umzudrehen, den Laden zu verlassen und dabei an Dimple Kapadia vorbeizugehen, die seit vier Jahrzehnten ein großer Star und im echten Leben Akshay Kumars Schwiegermutter ist. Doch als Regisseur Advani „Action“ rief, kam ich durcheinander, stolperte in Dimple Kapadia und konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf die Straße fiel. Sie strafte mich mit einem verächtlichen Blick. Bei den folgenden Versuchen konnte ich nur noch daran denken, nicht in Dimple zu rennen. Danach vertröstete mich ein Regie-Assistent auf den folgenden Tag.

Später stattete ich Akshay Kumars Wohnwagen einen Besuch ab und sah zu, wie er Lachs und gegrilltes Gemüse mit den Fingern aß. Er ist in einem bescheidenen Mittelschichthaushalt aufgewachsen, lernte dann Kampfkünste und kam darüber zum Film. Nun, mit 42 Jahren, gehört sein Gesicht zu den bekanntesten Indiens. Freundlich lud er mich ein, mich zu ihm zu setzen, bot mir etwas zu essen an und plauderte auf Panjabi los. Nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt, sagte er: „Ein Bollywood-Star muss ein sehr guter Schauspieler sein. Und ein sehr guter Mensch.“ So was bekommt man nur in Indien zu hören, wo die Leute noch nie etwas von Ironie gehört haben. Weiter müsse man „gut aussehen, schauspielern, tanzen und Action machen können. Die Ansprüche sind hoch.“

Vermisst er ein normales Leben ohne den Druck, den eine Existenz als Star mit sich bringt? „Mir ist das alles egal“, behauptete er. „Ich gehe spazieren. Ich fahre mit der Bahn. Ich gehe mit meiner Frau ins Kino.“ Wird er dabei nicht ständig von Leuten umlagert? „Doch, aber wenn ich ihnen die Hände schüttle, gehen sie auch wieder. Natürlich muss ich immer meine Leibwächter dabei haben, aber ich möchte nichts verpassen. Das Publikum will mir doch nur mal die Hand geben.“

Wie es mit meiner Rolle weiterging? Nun, niemand rief mich an. Aus meiner Chance, es nach Bollywood zu schaffen, ist nichts geworden. Aber immerhin habe ich einen Blick ins Innere einer Industrie werfen können, die eine wichtige Rolle im Leben von knapp einer Milliarde Menschen spielt. Sie ist deswegen für mich aber immer noch nicht weniger geheimnisvoll.

Nirpal Dhaliwal schreibt für denGuardianvor allem über Bolly-, aber auch über Hollywood.


Übersetzung: Holger Hutt, Zilla Hofman

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15:00 20.03.2011
Geschrieben von

Nirpal Dhaliwal | The Guardian

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The Guardian

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