Wie kannst Du diesen Schund lesen?

Trvialliteratur Das literarische Äquivalent von Junk Food sollte ich besser nicht so lieben. Aber ich kann einfach nicht genug davon bekommen

Orwell schrieb liebevoll über das „gute schlechte Buch“, insbesondere die „eskapistische Literatur“, die „ruhige Ecken bereithält, in denen der Geist immer mal wieder stöbern kann“. Er schloss Sherlock Holmes und The Treasure Seakers in diese Klassifikation mit ein (obwohl es sich bei letzterem meiner Meinung nach um ein durch und durch gutes Buch handelt). Auch ich kann mir nichts Idyllischeres vorstellen als eine lange Zugfahrt, bevorzugt von einer Dampflock gezogen und mit einem Exemplar dieser Spezies ausgerüstet.

Allerdings bin ich auch anfällig für schlechte schlechte Bücher, dem literarischen Pendant zu einem doppelten Cheeseburger mit Pommes. Sie haben nichts zu bieten als das kurze Vergnügen, sie Seite für Seite durchzukauen und obwohl ich ansonsten viele Bücher mehrmals lese, habe ich es noch nie geschafft, eines von diesen mehr als einmal zu verdauen. Aber ich kaufe sie mir weiterhin, lese sie und bringe sie im Schutze der Dunkelheit in den Umsonstladen. Warum?

Die Gründe hierfür sind auch bei den peinlichsten Lesegeheimnissen von Autor zu Autor verschieden. Obwohl ich nicht viel von Stephenie Meyers Bella und Edward: Bis(s) zum Morgengrauen: BD 1">Bis(s) zum Morgengrauen halte, habe ich alle vier Bände gelesen, weil ich unbedingt wissen musste, ob Bella am Ende zum Vampir wird oder nicht. Diese Frage ließ mich immer weiter lesen und währenddessen meinen Selbsthass beständig wachsen. Die bleierne Sprache verstärkte dabei den hypnotischen Effekt. Sätze wie „Das schwarze Feuer in seinen Augen ließ keinen Zweifel zu“ brachen den letzten Widerstand in mir und ich trottete weiter, erschüttert und resigniert zugleich.

Papa Poirot

Bei Agatha Christie rührt der Sucht-Faktor von der Vorhersagbarkeit ihres Personals her. Egal in welchem Milieu der Fall angesiedelt ist, es braucht mindestens eine sich teuer und extravagant kleidende junge Frau, die sich trotz ihres blasierten Frau-von-Welt-Gehabes an die Worte von Papa Poirot halten und schließlich den stets in reichweite befindlichen zuverlässigen Doktor heiraten wird, wenn sie nicht gerade für die Rolle der Mörderin vorgesehen ist. Hastins wird stets als Assistent fungieren, Tuppence wird immer mehr abbeißen, als sie tatsächlich schlucken kann und es wird sich stets erweisen, dass vermeintlich hochanständige und respektable Persönlichkeiten von ihren seit langem verstorbenen Eltern mörderische Vorlieben geerbt haben. Dies alles ist äußerst angenehm und ungemein beruhigend, vor allem, wenn die Welt des Lesers sich beharrlich weigert, solch festen Regeln zu folgen.

Was lässt sich über den Suchtfaktor der Top Secret-Bände sagen? Ich habe ein paar von ihnen gelesen, als ich mich über Spionage-Romane für Kinder informieren wollte und naiverweise geglaubt, das würde irgendwann aufhören. Und nun finde ich mich mit hochrotem Gesicht in meinem Buchladen wieder, um mir diejenigen zu kaufen, die es nicht in der Bibliothek auszuleihen gibt, während die Finanzministerin in mir missbilligend die Nase rümpft. Warum kaufe ich mir ein in doppeltem Zeilenabstand und extra großer Schrift gesetztes Buch für pubertierende Hormon-Bomben, das ich mein Lebtag nie wieder lesen werde? Weil es für mich, die ich als bruderloser Bücherwurm aufgewachsen bin, etwas unglaublich Faszinierendes hat, die Gedankenwelt eines schmuddeligen Teenager-Jungen zu teilen.

Mich interessieren seine Leidenschaften – die Hand unter das Top seiner Freundin zu schieben, Wettrennen mit aufgemotzten Golf-Buggys zu veranstalten und sich mit anderen zu prügeln – viel mehr als die Missionen zur Rettung der Welt, auf die er in regelmäßigen Abständen geschickt wird. Ich lese das wie ein viktorianischer Zoologe, der die außergewöhnlichen Angewohnheiten einer neuen, farbenprächtigen und übel riechenden Affenart katalogisiert.

Schlechter Atem

Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, Jonathan Kellerman in meine Liste schlechter schlechter Bücher mit aufzunehmen, denn an seiner Prosa ist handwerklich nichts auszusetzen und hin und wieder findet sich eine richtig gelungene Formulierung („auf eigentümliche Weise behaglich, wie der schlechte Atem eines Lieblingsonkels“). Außerdem habe ich das Gefühl, aus seinen Dialogen etwas über Psychologie zu lernen. Vielleicht kann man ihn in die Kategorie gute schlechte Bücher befördern. Was einen nach seiner Literatur süchtig werden lässt, sind allerdings nicht seine eleganten Vergleiche oder andere meisterhaft angewandte Stilmittel. Es sind seine wunderbar genauen, detaillierten und verspielten Beschreibungen weiblicher Kleidungsstücke.

Was sind Ihre dunkelsten Geheimnisse, was schlechte schlechte Bücher angeht? Und warum halten Sie in Anbetracht der allgegenwärtig drohenden Frage „Wie kannst Du nur so einen Schund lesen?“ an diesen fest?


Übersetzung: Holger Hutt

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17:40 12.08.2009
Geschrieben von

Imogen Russell Williams, guardian.co.uk /Blog | The Guardian

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The Guardian

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