Wie Ratten in einem Käfig

Gaza-City Es ist überall gleich unsicher. Für anderthalb Millionen Palästinenser gibt es so gut wie keinen Schutz, wenn die israelische Luftwaffe angreift
Wie Ratten in einem Käfig
Ein Bombenkrater von einem israelischen Luftwaffenangriff in Gaza-City

Foto: Marco Longari/AFP/Getty Images

Gaza-City zu Wochenbeginn. An einer gespenstisch verlassenen Straße im Al-Karama-Viertel von Gaza-City wartet Familie Abu Sinan vergeblich auf ein Taxi. Der 19-jährige Tariq trägt zwei blaue Plastiktüten und einen schwarzen Rucksack. Er hebt seinen Blick immer wieder von der Straße zum Himmel, wo das Brummen israelischer Drohnen zu hören ist. Das Ziel der Familie liegt Kilometer entfernt in einer anderen Gegend der Stadt. „Wir glauben, es ist dort sicherer“, sagt Tariq. Im hiesigen Quartier erlebe man jeden Tag, dass Raketen abgefeuert würden. Es gäbe zu viele Luftangriffe. Für wie lange die Familie ihr Zuhause verlassen will, weiß er noch nicht: „Bis es vorbei ist auf jeden Fall.“

Immer mehr verzweifelte Einwohner von Gaza-City sind auf der Flucht. Ein Mann erzählt, er habe sein Frau und das gemeinsame Baby in die Stadt Khan Younis im Süden gebracht. Er hoffe, dass es dort sicherer sei. Eine Frau, die eine Nacht in einem Schutzraum verbracht hat, klagt, sie habe keine Ruhe vor den Bomben gefunden. Es sei überall gleich unsicher, egal, wo man sich aufhalte.

Weder Keller noch Alarmsysteme

Die Menschen fühlen sich wie Ratten in einem Käfig, während die israelischen Geschosse über dem winzigen Gebiet niedergehen. Die unmittelbare Umgebung von Gaza ist auf der isarelischen Seite zum militärischem Sperrgebiet erklärt worden. Und dort hat die Luftoffensive psychologische Wirkungen hinterlassen, die ebenso Teil dieses Krieges sind wie das Bombardement selbst. Die Einwohner berichten, ihre Kinder hätten seit Tagen Angst und könnten nicht schlafen. Die ganze Nacht hindurch hätten Explosionen ihre Häuser erschüttert und die Fenster klirren lassen. Auch der Tag verschafft den 1,5 Millionen Menschen in der Enklave keine Entspannung. In Gaza gibt es weder Luftschutzkeller noch Luftalarmsysteme.

Schulen, Universitäten, Regierungsbüros sind geschlossen, ebenso die meisten Geschäfte. Kaum jemand entfernt sich zu Fuß weit von seinem Zuhause, auf den Straßen fahren nur wenige Autos. Die israelische Armee hatte zu Beginn der Luftangriffe über Wohngegenden Flugblätter abgeworfen, auf denen die Anwohner dazu angehalten wurden, sich nicht „in der Nähe von Funktionären und Einrichtungen der Hamas oder anderer Terrororganisationen“ aufzuhalten. Die gleiche Botschaft wurde auch per SMS an Mobiltelefone verschickt. Irgendwo in Gaza-City Sicherheit finden zu wollen, erschien sinnlos.

Ahmed Hatoum (60) lebt gleich neben dem Hamas-Hauptquartier, das am Samstagmorgen bei einem Luftangriff zerstört wurde. Er verwirft den Gedanken, mit seiner Familie wegzugehen: „Ich würde ja, wenn ich könnte. Aber in Gaza kann man sich nicht verstecken.“

Seit dem Wochenende hatten Hamas und andere militante Gruppen begonnen, Langstreckenraketen abzufeuern. Sie flogen in Richtung Tel Aviv und Jerusalem und erreichten damit die beiden größten israelischen Städte. „Hamas ging bis zum Äußersten“, glaubt Mkhaimer Abusader, Politologe an der Al-Azhar-Universität in Gaza. „Vier Jahre lang hat sie sich auf diesen Tag vorbereitet.“ Die Kassam-Brigaden hätten Bunker gebaut, ihre Militärtechnik verbessert und sich hochentwickeltere Waffen – vorrangig aus Libyen – beschafft. Raketen, die weiter fliegen als bis nach Südisrael. Dadurch sei eine neue strategische Lage entstanden, die Israel nicht tolerieren wolle, meint Abusader. Sollte jedoch von außen versucht werden, Hamas zu stürzen, könnten noch extremistischere Widerstandsgruppen das entstehende Machtvakuum füllen. Um das zu verhindern, müsse Israel den Gazastreifen wieder besetzen, vor diesem Schritt zögere man allerdings. Ein anderes Szenario – die Infrastruktur der Hamas zu beschädigen, ihre Fähigkeit, Raketen anzufeuern, einzuschränken, sie aber in ihrer Position zu belassen – würde beide Seiten wieder in die gleiche Situation versetzen, wie sie gegen Ende des letzten Schlagabtauschs vor beinahe vier Jahren herrschte.

Müde und erschöpft

In Jabaliya, nördlich von Gaza-City klettern ein paar Jungen auf einem kleinen Berg aus Mauerbrocken, verbogenem Metall und zerbrochenen Glasscheiben herum, das bis zum 18. November sechs Uhr das Haus eines Hamas-Funktionärs war. Als man hört, wie in der Nähe eine Rakete abgeschossen wird, rufen und jubeln die Kinder. Nicht weit entfernt sagt der 26jährige Sharif Khala, ein Nachbar des Kindes und des Mannes, die eine möglicherweise aus Gaza selbst abgefeuertes Geschoss tötete, von hier würden immer wieder Raketen aufsteigen. Er befürwortet das: „Wir müssen uns gegen den Feind verteidigen. Wir können nicht tatenlos bleiben, wenn sie uns angreifen.“

Mkhaimer Abusader, der Politologe, sagt, die öffentliche Meinung in Gaza sei gespalten: „Diejenigen, die Hamas unterstützen, haben sich sehr gefreut, dass Geschosse in Tel Aviv gelandet sind. Andere hingegen haben es satt – sie sind müde und erschöpft. Sie sagen, sie hätten sich noch nicht vom letzten Krieg erholt und wollten endlich ein normales Leben führen. Welche Sicht überwiegt, lässt sich schwer sagen.“

Abusader fürchtet, dass die Gewalt trotz der Appelle der internationalen Gemeinschaft immer wieder von Neuem aufflammen wird. „Tatsache ist einfach, dass es für das Gaza-Problem keine militärische Lösung gibt“, sagt er „Israel könnte die gesamte Hamas-Führung vertreiben oder töten, dem Kampf der Palästinenser würde das aber kein Ende bereiten. Es muss eine politische Lösung geben. Sonst wird dieser Konflikt immer weiter und weiter gehen.“

Übersetzung: Zilla Hofman
16:02 20.11.2012
Geschrieben von

Harriet Sherwood | The Guardian

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