Wie tief wollt ihr gehen

Rohstoffe Die Ausbeutung des Meeresbodens ist nun technisch machbar. Es droht rücksichtslose Zerstörung

Sie ist eines der seltsamsten Wesen dieser Erde: die Schuppenfußschnecke. Sie lebt mehr als 2.300 Meter unter der Meeresoberfläche im nahen Umkreis von drei hydrothermalen Tiefseequellen am Grund des Indischen Ozeans. Gegen die erdrückenden und grimmigen Lebensbedingungen dort hat Chrysomallon squamiferum,so ihr offizieller Name, eine bemerkenswerte Form des Schutzes entwickelt: Sie bildet ein Schneckenhaus aus Eisen.

Der 1999 entdeckte, mehrschichtige Eisensulfid-Panzer der Schuppenfußschnecke – er misst nur wenige Zentimeter im Durchmesser – hat zu ihrem Unglück bereits das Interesse des US-Verteidigungsministeriums auf sich gezogen. Wissenschaftler untersuchen ihre Gene nun, um herauszufinden, wie die Schnecke ihren eigenen Metallpanzer bildet.

Die Forscher müssen sich allerdings sputen, denn die Schnecke wurde vor kurzer Zeit auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt. Zugleich haben deutsche und chinesische Industriekonzerne angekündigt, dass sie den Meeresboden in der Nähe von zwei ebenjener Tiefseequellen, die der Schuppenfußschnecke ein Zuhause bieten, erforschen wollen. Sollten die Firmen ihre Pläne umsetzen und die Metall- und Mineralvorkommen des Meeresbodens abbauen, würde ein großer Teil des Lebensraums der Schnecke zerstört und die Existenz dieses bemerkenswerten kleinen Geschöpfs endgültig in Frage stehen.

„An Land beuten wir die Bodenschätze bereits in vollem Umfang aus“, sagt der Biologe und Umweltwissenschaftler Jean-Baptiste Jouffray von der Universität Stockholm. „Zugleich steigt der Bedarf an seltenen Erden und Metallen für Wind- und Solarkraftwerke immer weiter. Deshalb richten private Unternehmen ihre Aufmerksamkeit jetzt auf den Meeresboden: Mittlerweile ist es technologisch machbar und wirtschaftlich möglich, dort nach Rohstoffen zu suchen. Für Lebewesen wie die Schuppenfußschnecke ist das eine echte Bedrohung.“

Die Ozeanallmende schrumpft

Jouffray ist der Hauptautor einer Studie, die jüngst in der Zeitschrift One Earth veröffentlicht wurde und die Daten aus 50 Jahren Schifffahrt, Erforschung, Erdölförderung und anderer maritimer Industrien zusammenfasst: Sie zeichnet ein besorgniserregendes Bild der möglichen Folgen einer anstehenden Ausbeutung der Meere.

Diese Bedrohung geht nicht nur vom Bergbau am Meeresboden aus, der in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen wird, sondern auch von der Fischzucht, dem Bau von Entsalzungsanlagen, der Schifffahrt, der Verlegung von Unterseekabeln, dem Kreuzfahrttourismus und dem Bau von Offshore-Windparks.

„Blue acceleration“, maritime Beschleunigung, nennen Jouffray und seine Kollegen die rapide Industrialisierung der Meere, ein Trend, der zu zunehmender Versauerung und Erwärmung der Ozeane, Zerstörung der Korallenriffe und Verschmutzung durch Plastik geführt hat. Jouffray schreibt: „Von der Küste bis zur Tiefsee zeitigt die maritime Beschleunigung schon jetzt erhebliche soziale und ökologische Folgen.“

Eine weiteres Beispiel ist das „seabed grabbing“, also der Wettlauf um die Landnahme am Meeresboden. Artikel 76 des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (UNCLOS) erlaubt es Küstenstaaten, Ansprüche auf den Meeresboden auch außerhalb jener Zone zu erheben, die bis 200 nautische Meilen vor der Küste ihrem Terrotorium ohnehin zugerechnet wird. Seit der ersten Inanspruchnahme nach Artikel 76 im Jahr 2001 haben 83 Länder Anträge gestellt. Zusammengenommen erstrecken sich diese Ansprüche über mehr als 37 Millionen Quadratkilometer des Meeresbodens, eine Fläche doppelt so groß wie Russland.

Im Wettlauf um die Besitzansprüche auf den Meeresboden machen auch viele kleine Inselstaaten mit, die versuchen, so zu großen Meeresstaaten zu werden. Die Cook-Inseln im Südpazifik etwa haben eine Meeresbodenfläche beansprucht, die 1.700-mal so groß ist wie ihre Landoberfläche. „Die Ausdehnung des Kontinentalsockels verändert nicht nur die geopolitische Landschaft, sondern verringert auch die Flächen jener Gebiete, die noch als gemeinsames Erbe der Menschheit ausgewiesen sind“, heißt es in der Studie.

Beispiele für die Konflikte, die aufgrund der „Industrialisierung der Meere“ entstehen könnten, sind die Beeinträchtigung von Fischbeständen durch Bohrungen nach Gas oder Öl sowie Pipelines, die die Schleppnetzfischerei verunmöglichen, oder auch Offshore-Windparks, die den Tourismus stören.

Das Beispiel Norwegen zeigt auf eindrückliche Weise, wie zukünftige Konflikte aussehen könnten. Das Land will in den kommenden Jahren sowohl die Lachszucht als auch den Kreuzfahrttourismus in seinen Gewässern verfünffachen, während gleichzeitig immer mehr Windparks sowie Gas- und Ölplattformen offshore gebaut werden sollen. Auch mit dem Abbau von Rohstoffen auf dem Meeresboden soll begonnen werden. Eine derartige Auslastung des maritimen Raumes macht die norwegischen Gewässer höchst anfällig für Schocks.

Das Südchinesische Meer ist ein weiterer potenzieller Krisenherd: Hier laufen die regionalen Unterwasser-Telekommunikationskabel zusammen, zugleich passiert ein Drittel des weltweiten Schiffsverkehrs diese Meeresgegend, und die Hälfte der weltweiten Fischereiflotte ist darin unterwegs. Kein Wunder, dass sich China, Malaysia, Vietnam und andere Länder um das Südchinesische Meer streiten.

„Die Bedeutung der Ozeane für die Zukunft der Menschheit ist unbestritten“, ist bei Jean-Baptiste Jouffray und seinen Kollegen zu lesen: „Um einen Ausgleich der verschiedenen Ansprüche, ihrer Auswirkungen und ihrer Wechselwirkungen zu erreichen, sind wirksame Regeln und ihre Durchsetzung notwendig.“

Dafür fordern die Autoren, die Bedürfnisse und die Verwundbarkeit der kleinen Inselstaaten zu berücksichtigen – und vor allem diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die an der Industrialisierung der Weltmeere verdienen und verdienen werden. Dazu gehören sowohl Banken als auch Staaten und ihre Regierungen.

Robin McKie ist Redakteur für Wissenschaft und Umwelt bei der zum Guardian gehörigen Sonntagszeitung The Observer

Übersetzung: Pepe Egger
06:00 10.02.2020
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

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