„Wie war ich?“

US-Wahlkampf 2008 verzückte Barack Obama Millionen von Menschen. Aber was denken seine Anhänger von damals heute? Abschlusszeugnisse für die erste Amtszeit
„Wie war ich?“
Barack Obama, kurz vor der Wahl 2008

Foto: Stan Honda/AFP/Getty Images

„Ich war voller Hoffnung, jetzt bin ich wahnsinnig entäuscht“

Naomi Wolf

Als Obama gewählt wurde, hatte ich Hoffnung und Angst zugleich. Ich habe mich über sein Versprechen, Guantánamo zu schließen, gefreut, und ich war überzeugt, dass er es ernst damit meinte. Ich war voller Hoffnung, doch ich wusste auch, dass die Interessen derjenigen, die von Terror und endlosen Kriegen profitieren, so einflussreich sind, dass kein Präsident allein stark genug ist, um sich diesem Druck komplett zu widersetzen.

Jetzt bin ich wahnsinnig enttäuscht. Seine Bilanz im Hinblick auf die Bürgerrechte ist erschütternd. Er hat die Politik von Bushs Justizministerium unter dem Vorwand der Wahrung von Staatsgeheimnissen fortgeführt. Ich war persönlich dabei, als er für den National Defence Authorisation Act plädierte – ein völlig unsägliches Gesetz, das ihm die Befugnis gibt, jeden US-Bürger ohne Anklage oder Verhandlung unbefristet einzusperren. In Guantánamo sitzen immer noch fast 170 Männer ein, die nie eine Anklage oder ein Urteil gehört haben, und es besteht keine Hoffnung, dass sich daran etwas ändert.

Es ist schwer zu sagen, über wie viel Macht ein amerikanischer Präsident heute verfügt. Wir haben viel mehr mit jenen lateinamerikanischen „Demokratien“ gemein, in denen der nominelle Staatschef keinen wirklichen Einfluss auf den militärisch-industriellen Komplex hat. Aber Barack Obama hätte mit Sicherheit mehr versuchen können.

Gab es irgendetwas Positives an seiner Präsidentschaft? Die symbolische Bedeutung eines afro-amerikanischen Präsidenten hat bestimmt einige ethnische Spannungen verringert, aber sie sind nicht verschwunden. Wir haben unsere Militärpräsenz im Irak und – wenn auch minimal – in Afghanistan zurückgefahren, aber gleichzeitig zementieren wir den Missbrauch in den dortigen Gefängnissen. Hat er wichtige Umweltgesetze erlassen? Nicht dass ich wüsste. Hat er die Budgets der verwahrlosenden öffentlichen Schulen aufgestockt? Nicht wesentlich. Sein großer Erfolg ist Obamacare, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Gesundheitsreform nicht in Wirklichkeit ein Geschenk an die Versicherungsindustrie ist.

Hat er das Bild verändert, wie Amerikaner im Ausland gesehen werden? Ja, aber nicht zum Guten. Er hat im Nahen Osten Hoffnungen genährt, er werde eine internationalere Sichtweise einnehmen und mit mehr Ausgewogenheit an den israelisch-palästinensischen Konflikt herangehen. Heute aber haben die Leute in Ägypten das Gefühl, betrogen worden zu sein. Er gilt als einer, der Muslime unrechtmäßig wegsperrt, anstatt die zu bestrafen, die muslimische Gefangene misshandeln. Amerika hat einst Maßstäbe in Sachen Menschenrechte gesetzt. Heute können wir nicht einmal die Chinesen dafür kritisieren, dass sie Ai Weiwei eingesperrthaben, denn schließlich haben wir der Welt gezeigt, wie man Menschen ohne Anklage und Verfahren wegsperrt. Wenn ich Obama eine Frage stellen könnte, würde ich ihn fragen, ob er nachts gut schlafen kann.

„Er ist wie ein Chirurg, dem man ein rostiges Skalpell in die Hand gegeben hat“

Walter Mosley

Für mich fühlte sich die Wahl Barack Obamas damals wie die letzten qualvollen Momente einer Geburt an. Und Amerika wurde für immer aus dem Schoß der Isolation in das helle, laute und ungemein herausfordernde Morgenrot des 3. Jahrtausends gepresst. Die meisten Präsidenten vor ihm hatten eine Nation vorgefunden, Mister Obama aber bekam es mit einer Welt voller wachsender Nöte und Widersprüche zu tun: ein Wirtschaftssystem, das zwar gescheitert war, aber nicht abdanken durfte. China hatte sich von einer Diktatur des Proletariats in eine Diktatur über die Proletarier gewandelt. Europas soziale Marktwirtschaft war soeben vor die Hunde gegangen, weil die ökonomische Infrastruktur dort von einer Art von Demenz befallen ist. Und die sogenannte Dritte Welt strauchelte unter der Last jenes Wettbewerbs, den die oben genannten Supermächte bestritten.

Der jahrtausendealte Konflikt zwischen den Weltreligionen verschärfte sich und der Graben zwischen Arm und Reich weitete sich zu einer Art ökonomischer Verwüstung. Die Leute konnten auf ihrer Veranda sitzen und regelrecht zusehen, wie der Wohlstand, den sie sich ein Leben lang erarbeitet hatten, verdunstete.

Während der Himmel einstürzte, stiegen die Meere an, die Atmosphäre heizte sich auf und die Menschen vermehrten sich schneller als je zuvor. Um Dickens falsch zu zitieren: Es war die schlimmste Zeit, es war die schlimmste Zeit.

Das neugeborene Amerika war bis dahin blind und hatte keine Mittel, die Herausforderungen zu bewältigen, die vor ihm lagen. Wir haben immer noch geglaubt, die Demokratie sei ein Wahlzettel, den man in eine Kiste schmeißt und bis zur nächsten Wahl wieder vergisst. Obama wurde ins Amt geworfen, und die Leute, die so hart dafür gearbeitet hatten, ihn dorthin zu bekommen, gingen wieder ihren alltäglichen Geschäften nach, dachten, ihre Aufgabe sei erledigt und es sei nun an ihm, die seinige zu erledigen.

Er war wie ein Chirurg in einem überfüllten Operationssaal, der nach einer Knochensäge verlangte und ein rostiges Skalpell in die Hand gelegt bekam. Man muss es ihm anrechnen, dass er sich der unmöglichen Aufgabe mit unermüdlicher Energie und erstaunlicher Ausgeglichenheit gewidmet hat. Seine Frau stand mit stets hochgekrempelten Hemdsärmeln immer neben ihm und versuchte ihm dabei zu helfen, den amerikanischen Patienten wiederzubeleben.

Die Konflikte, die unserer Welt Rätsel aufgeben, scheinen diesen außergewöhnlichen Präsidenten geschaffen zu haben. Und das ist etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Gleichwohl befürchte ich, dass ein Schwarzer nur deshalb den Weg in dieses Amt finden konnte, weil die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, den Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen bereits überstiegen und einen Punkt erreicht haben, an dem die einzige Frage im Überleben der Menschheit besteht.

„Er hat unsere Gesellschaft optimistischer gemacht“

Jesse Jackson

Barack Obamas Wahl war für mich ein ganz außergewöhnlicher Meilenstein. An dem Tag habe ich sehr große Hoffnung in meinem Herzen gespürt. Ich dachte, wir würden nun eine Ära der Chancengleichheit erleben – über alle Grenzen zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts und verschiedener Hautfarbe hinweg. Eine Ära, wie sie Amerika zuvor noch nicht gekannt hatte.

Was mich in den vergangenen vier Jahren am meisten betrübt hat, ist die Bösartigkeit, mit der die Opposition Barack Obama behindert hat. Eine derartige Sabotage der Arbeit eines Präsidenten hat es noch nie gegeben: Man hat ihn beschimpft und seine Nationalität, seinen Geburtsort und seine Religion infrage gestellt. Bevor er gewählt wurde, gingen dem Land in kurzer Zeit vier Millionen Arbeitsplätze verloren. Aber denjenigen, die ihn kritisierten, ging es nicht um die Arbeitslosen oder darum, die radikale Abwärtsspirale, in der die USA sich befanden, zu stoppen. Ihre Mission bestand darin, ihn fertig zu machen und das Schiff zu versenken.

Doch Obama hat seine Hände ausgestreckt und diesen erbitterten Widerstand und die Abneigung gegen seine Führung in etwas Positives und Lebensbejahendes verwandelt. Im Kampf um die Seele Amerikas hat er versucht, Hoffnung zu stiften – und er hatte damit Erfolg. Die Hoffnung wächst. Ich glaube wirklich, dass er die Gesellschaft optimistischer gemacht hat, und ich freue mich darauf, dass er auch diese Wahl gewinnt und damit fortfahren kann. Wie er daran arbeitet, Barrieren in der Gesellschaft zu beseitigen, ist mir eine ständige Inspiration. Er ist ein äußerst fähiger Mann. In diesem Land gibt es zu viel Armut, zu viel Ungleichheit und zu viel Gewalt. All das verkürzt das Leben vieler Menschen. Wenn es uns zusammen gelingt, dem ein Ende zu bereiten, wird uns dies als Nation stärken und zu einem größeren Gewinn für die ganze Welt machen.

„Ich hoffe, er kann mit mehr Entschiedenheit regieren“

Carl Hiaasen

Hat er seine Sache gut gemacht? Ich denke ja. Aber es gibt Dinge, die er viel besser hätte machen können. Er ist ein so charismatischer und talentierter Redner, verhält sich aber oft neutral und distanziert. Was er gut gemacht hat: Er hat den Mittelschichten die größten Steuererleichterungen gebracht, die ich erlebt habe – 95 Prozent der Amerikaner zahlen weniger Steuern als zu Beginn seiner Amtszeit – und die meisten wissen das noch nicht einmal. Den Umfragen zufolge glauben sie, die Steuern seien gestiegen, weil die Republikaner diese Lüge überzeugend verbreitet haben.

Der Unterschied zu Clinton ist enorm. Clinton telefonierte die ganze Nacht herum, bevor er eine Entscheidung traf. Obama hat nur einen sehr kleinen Kreis von Beratern. Er ist eine Art Einzelgänger.I ch hatte gehofft, er würde sich stärker mit Senatoren und Kongressabgeordneten einlassen, um Kompromisse zu erarbeiten und die Dinge voranzubringen. Auch hier stand ihm seine Distanziertheit im Weg: Als Politiker muss man die Ärmel hochkrempeln und auf die Leute zugehen. Ich hoffe, dass er im Fall seiner Wiederwahl mit mehr Sicherheit und Entschlossenheit regiert. Für die Gesundheitsreform hätte er ein besseres Timing wählen können. Ich denke, es wäre besser gewesen, er hätte sich in Anbetracht der Rezession voll auf die Wirtschaft konzentriert.

Ich habe Glück, dass es mit meiner Arbeit gut läuft, aber andere in meiner Familie sind auf Hilfe angewiesen. Wenn ich ein bisschen mehr zahlen muss, damit sie keine Einbußen hinnehmen müssen, dann würde ich das gern machen.

„Zum ersten Mal fühlen sich schwarze Amerikaner zu Hause. Das ist seine Leistung“

Touré

All die Geschichten über John F. Kennedy haben mich schon als Kind zu einem Demokraten gemacht. Kennedy war heroisch, inspirierend und hat die Bürgerrechte maßgeblich nach vorne gebracht. Während er eine Voreingenommenheit gegenüber Katholiken überwinden musste, musste Obama die gläserne Decke für Nichtweiße durchbrechen, ohne seine Hautfarbe allzu sehr zum Thema zu machen.

Obamas Wahlsieg hat dazu beigetragen, den Bogen des moralischen Universums weiter in Richtung Gerechtigkeit zu spannen. Auch wenn der Berggipfel, von dem Martin Luther King sprach, noch nicht erklommen ist, war dieser Schritt von herausragender Bedeutung. Mit dem Rassismus ist es nicht vorbei, aber in der Seele Amerikas hat eine Veränderung stattgefunden.

Viele schwarze Amerikaner haben sich zum ersten Mal zuhause gefühlt, als sie sahen, dass ein brillanter Schwarzer in einer sehr schwierigen Zeit der furchterregenden Rezession und des scheinbar endlosen Krieges als Staatsoberhaupt begrüßt wird. Dass Obama eine weiße Mutter hat, verleiht der Geschichte einen weiteren Dreh. Es macht ihn zur Verkörperung der modernen multiethnischen Gesellschaft.

Obama hat immer daran gearbeitet, den verschiedensten Menschen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Er hat das Lilly-Ledbetter-Gesetz unterzeichnet, das Frauen vor Lohndiskriminierung schützt, und nominierte zwei Frauen für den Supreme Court, die sich dafür einsetzen, dass Frauen selbst über eine Abtreibung entscheiden können. Für den Supreme Court! Da saßen in seiner ganzen Geschichte überhaupt nur zwei Frauen!

Er hat homosexuellen Amerikanern mehr Gerechtigkeit verschafft, indem er Gewalt gegen Homosexuelle zu einem schwerwiegenden Hassverbrechen machte und beim Militär die „Don‘t ask, don‘t tell“-Regel abschaffte. Er hat sich dem „Gesetz zur Verteidigung der Ehe“ widersetzt und sich für die Homoehe ausgesprochen.

Er hat außerdem eine Direktive herausgegeben, die den Umgang mit Einwanderern veränderte: Wer schon als Kind in die USA gebracht wurde, kann nicht mehr abgeschoben werden, sondern hat nun die Möglichkeit, ein gleichberechtigter Bürger Amerikas zu werden. Das ist ein unglaublich wichtiger Sieg für hispanische Einwanderer.

Diese sozialen, kulturellen und politischen Änderungen, die Schwarzen, Frauen, Homosexuellen und Hispanics mehr Freiheit zuteil werden ließen, machen mich so sicher, dass wir auf einem Weg der Gerechtigkeit sind und dass wir einen Präsidenten haben, der uns hilft, den Weg weiterzugehen.

„Die Amerikaner haben wieder Angst vor ihrer Zukunft“

Gary Shteyngart

An dem Abend, an dem Obama gewann, waren wir auf einer Party im hippen Williamsburg. Von der Wohnung aus blickte man auf einen Highway, über den Lastwagen nach Manhattan rüber fuhren, und sie alle hupten wegen Obamas Sieg. An den Nummernschildern erkannte ich, dass die Autos aus Iowa und Idaho kamen und die Fahrer große, harte Typen waren. Das hat mich mehr überrascht als alles andere in dieser Nacht. Offensichtlich waren viel mehr Amerikaner für Obama, als ich angenommen hatte.

Seither habe ich erfahren, dass Obama ein kluger, belesener, brillanter Mensch ist, aber auch, dass das manchmal nicht ausreicht. Das ist das Traurige. Die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu, die Flaggen werden größer, überall dieser Scheiß-Patriotismus. Neulich bin ich durch Ohio gefahren und habe über einem Hyundai-Autohaus eine Flagge wehen gesehen, die so groß war wie das Haus. Die Fahne sagte nicht: „Ich bin stolz, Amerikaner zu sein“, sondern: „Ich habe Angst vor der Zukunft.“

Ich denke, Obama hat uns vor einem noch schlimmeren Abstieg gerettet. Er hat die Autoindustrie wiederbelebt. Sehr wichtig ist die Gesundheitsversorgung – es ist jenseits des Vorstellbaren, wie ein Land, das über solche Macht und solchen Wohlstand verfügt, seinen Bürgern die grundlegendste Gesundheitsversorgung verwehren kann.

Eine Sache, die Obama hoffentlich gelernt hat, ist, dass die Idee der Überparteilichkeit, mit der er einst angetreten ist, nicht funktionieren wird. Bei der Tea Party haben wir es im Grunde mit Aufständischen zu tun. Diese Leute wollen, dass Amerika scheitert, sie wollen, dass die amerikanische Regierung verschwindet. Mit denen kann man nicht verhandeln. Es ist zudem eine rassistische Bewegung. Die Tea-Party-Leute kommen nicht mit der Tatsache klar, dass im Oval Office ein Schwarzer sitzt. Es ist egal, was er macht – er könnte morgen beschließen, das Haushaltsdefizit zu verkleinern, das Militär aufzustocken, die Sozialhilfe abzuschaffen, und sie würden ihn immer noch hassen.

Obama ist mit großem Idealismus angetreten. Davon wird, glaube ich, wenn er eine zweite Amtszeit gewinnen sollte, nichts mehr übrig bleiben. Ich hoffe, dass er deutlich gewinnt, dass er sein Mandat nutzt und wirklich etwas damit anstellt.

„Michelle Obama zeigt, dass eine schwarze Frau etwas ganz Normales sein kann“

Curtis Sittenfeld

Die feministischen Debatten um Michelle Obama gingen schon los, bevor ihr Mann sein Amt überhaupt angetreten hatte: Obwohl sie hochqualifiziert ist und während ihrer Ehe die meiste Zeit berufstätig und äußerst erfolgreich war und sogar mehr verdient hatte als ihr Mann, verlor sie darüber kein Wort, sondern definierte sich stattdessen in dem denkbar traditionellsten Begriff: „Mom-in-chief“ (in etwa: Mutter vom Dienst). Anders als viele liberale weiße Frauen, die dies scharf kritisierten, hielt ich das für den weisen Schachzug einer klugen Frau mit einem scharfen Auge für das große Ganze.

Pat Nixon nannte die Rolle der First Lady den „härtesten unbezahlten Job der Welt“. Michelle Obama ist also berufstätig. Jedes Mal, wenn sie in der Öffentlichkeit auftritt, agiert sie als Vorbild für ihre Bewunderer. Gleichzeitig hat sie eine klare Botschaft für alle Rassisten in Amerika und vielleicht überall auf der Welt. Wenn es überhaupt möglich ist, Letztere zu erreichen, gibt es keine Bessere für diese Aufgabe als Michelle Obama.

Deshalb ist es klug, dass sie sich so wenig wie möglich einmischt und Vorurteilen keine Angriffsfläche bietet, so ungerecht und irrational sie auch sein mögen. (Es geht ihr wie ihrem Mann: Auch wenn ihm immer wieder vorgeworfen wird, zu distanziert und wenig emotional zu sein, wäre er der Angry Black Man, wenn er sich wirklich einmal in der Öffentlichkeit aufregen würde.)

Ich erlebe Michelle Obama nicht als passiv. Mich stört es nicht, dass sie eine gute Ehe- und Hausfrau sein will. Ich habe nichts dagegen, dass die „Themen“, die sie anpackt, keine großen Wellen schlagen. Denn direkt vor unseren Augen verändert sie die Welt. Einfach indem sie ihr Leben lebt, zeigt sie, dass eine kluge, stabile, familienorientierte, schwarze Frau etwas ganz Normales sein kann.

„Meine Tochter lebt durch Obama in einer anderen Zeit“

Attica Locke

Im Sommer 2008, als mir wirklich klar wurde, dass Barack Obama sehr wahrscheinlich der Präsident unseres Landes würde, bekam ich eine Panikattacke. Ich spürte eine enorme Angst vor dem, was da auf uns zukommen würde. Ich hatte das Gefühl, dass wir nach der Präsidentschaftswahl alle in einem anderen Land aufwachen würden.

Ich war also ungeheuer aufgeregt, erkannte aber auch, dass ich mein ganzes Leben lang eine bestimmte Sicht darauf gehabt hatte, was es heißt, in Amerika schwarz zu sein, dass ich auf eine bestimmte Weise mit Verwandten, Eltern und Großeltern darüber gesprochen hatte und dass sich dies nun für immer ändern würde. Und neben der Freude spürte ich auch Nervosität und Unbehagen.

Seither kann ich keinen Gedanken über seine Präsidentschaft fassen, ohne ihn durch die Augen meiner Tochter zu sehen. Sie wird nächsten Monat sechs und hat keine Vorstellung davon, dass es jemals einen anderen Präsidenten gegeben hat als Barack Obama. Sie ist in eine Welt gekommen, in der Schwarze unbegrenzte Möglichkeiten haben. Ich kann gar nicht beschreiben, was für eine grundlegende Veränderung das im Vergleich zu dem darstellt, wie ich, meine Eltern und Großeltern aufgewachsen sind. Sie lebt wirklich in einem anderen Land.

Ich betrachte die vergangenen vier Jahre als den ersten Schritt in Richtung eines echten, grundlegenden Wandels. Die bloße Tatsache, dass er gewählt wurde, ist ein Zeichen dafür, dass Amerika sich bereits verändert hat. Ein Beispiel für das Ausmaß dieser Veränderung ist die gleichgeschlechtliche Ehe, bei der die Entwicklung zu vollständiger Akzeptanz noch schneller verläuft als in Bezug auf die Gleichheit der Ethnien. Was wir nun mit all dem anfangen, wird sich erst noch zeigen. Denn natürlich existieren weiterhin enorme ökonomische wie ethnische Ungleichheiten. Aber seine Präsidentschaft hat eine Tür geöffnet, und es liegt an uns, sie nun zu durchschreiten.

Eins ist gewiss: Ich würde mein Kind anders erziehen, wenn Barack Obama nicht unser Präsident wäre. Er hat mir diese Aufgabe leichter gemacht, einfach nur dadurch, dass er im Denken meiner Tochter existiert. Er hat das höchste Amt des Landes und er sieht aus wie sie.

Naomi Wolf, 49, Publizistin und Politaktivistin, ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Feministinnen Amerikas. Zuletzt ist von ihr erschienen: Vagina: A New Biograpy (Ecco 2012)

Walter Mosley, 60, schreibt Kriminalromane und ist Schöpfer der berühmten Easy-Rawlins-Reihe. Zuletzt ist von ihm erschienen: Falscher Ort, falsche Zeit: Ein Leonid-McGill-Roman (Suhrkamp 2011)

Jesse Jackson, 71, ist baptistischer Priester und Veteran der Bürgerrechtsbewegung. Er stand Obama lange kritisch gegenüber

Carl Hiaasen, 59, ist investigativer Journalist beim Miami Herald. Sein jüngstes Buch, Sternchenhimmel (Manhattan) kam in diesem Jahr heraus

Touré, 41, ist ein bekannter New Yorker Schriftsteller, Essayist, Kunst- und Kulturjournalist und TV-Moderator. Er ist Jurymitglied der Rock and Roll Hall of Fame

Gary Shteyngart, 40, emigrierte im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern aus der UdSSR in die USA. Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas. Sein dritter Roman Super Sad True Love Story (Rowohlt) erschien 2011.

Curtis Sittenfeld, 37, ist Schriftstellerin. Ihr dritter Roman Die Frau des Präsidenten (Aufbau 2009), ist ein fiktives Porträt der ehemaligen First Lady Laura Bush

Attica Locke, 37, schreibt Drehbücher für Spielfilme und TV-Serien. Dieses Jahr erschien ihr gefeiertes zweites Buch The Cutting Season (HarperCollins 2012)

Übersetzung: Holger Hutt
08:00 05.11.2012
Geschrieben von

The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 10088
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 6

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community