Warum beschwerst du dich?

iTunes Das Problem mit dem kostenlosen U2-Album hat damit zu tun, dass die Musikindustrie einfallsreicher ist, als wir es sind – und mit Anbietern wie iTunes kooperiert
Warum beschwerst du dich?
Will nur in die Werbung – Musiker und Unternehmen auf einer Wellenlänge
Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

U2 haben ein neues Album – und das Netz ist voll davon. Es ist auf sämtlichen bei BitTorrent-Seiten kostenlos verfügbar. Leute tauschen Tipps darüber aus, wie man es am Besten umsonst downloaden kann. Es liegt eine gewissen Freude darüber in der Luft, dass das bis dato unveröffentlichte Album geleaked wurde.

Nein, ich rede nicht über das kostenlose Angebot von U2s Songs of Innocence, vor ein paar  Wochen auf iTunes. Das hier ist ein Rückblick auf den Februar 2009, als das vorherige Album No Line On The Horizon, fast zwei Wochen vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin, im Internet hochgeladen wurde. Das Gleiche war 2004 schon mit How To Dismantle an Atomic Bomb passiert: Leaks, peer-to-peer und die Freude darüber, etwas für lau bekommen zu haben.

Glaubt man dem Aufschrei, der einsetzte, als Apple das neuste Album als kostenlosen Download für über 500 Millionen iTunes-Nutzer (laut Apple) anbot, dann gibt es nichts, was das Internet mehr hasst als kostenlose Musik. Besonders, wenn die Songs bei Leuten mit automatischem Download auf einmal in dem Musikordner auftauchen. (Für alle anderen ist es nur ein möglicher, aber unerfüllter Download)

Also, was ist los mir dir, Internet? Magst du es jetzt, U2-Musik für lau zu bekommen oder nicht? Eigentlich kam der Aufschrei – wie so oft – von einer Minderheit. Das kann man schon allein daran sehen, dass das Album schlagartig in die Charts schoss. Aber bei den Nutzern außerhalb der Fanbase herrschte eine kollektive Griesgrämerei. Besonders bei denen, die darauf stehen, Dinge zu stehlen, für die sie eigentlich Zahlen sollen. Wie kann es die Musikindustrie nur wagen, etwas kostenlos anzubieten, für das sie die Leute normalerweise zur Kasse bittet. Und was für ein frevelhafter Einfall des wertvollsten Unternehmens der Welt, die Kosten dafür zu stemmen – laut Apple rund einhundert Millionen Euro. Noch schlimmer als Samsung, die fünf Millionen für Jay-Z's Magna Carta Holy Grail gezahlt haben, um es einer Millionen Galaxy-Smartphone-Nutzer schenken... oder etwa nicht?

Beide, Jay-Z wie U2, haben einige schlechte Rezensionen für Gründe bekommen, die nichts mit dem musikalischen Inhalt zu tun hatten. Samsungs exklusive App, um das Album downzuloaden, crashte und führte zu schelmischen Kommentaren, das Jay-Z – angelehnt an seine HipHop-Hymne 99 Problems – jetzt wohl glatt 100 Probleme hätte. U2s Frischling hat einen Batzen Ein-Stern-Reviews von frustrierten, potentiellen Hörern, bei denen das digitale Album offenbar nicht angekommen ist. Die Datenübertragung auf abermillionen Accounts scheint keine leichte Aufgabe zu sein.

Es gibt auch noch eine andere Sichtweise: „Dass Apple das U2-Album verschenkt, zeigt wie sehr der Konzern die Veränderungen des Musikkonsums verpasst hat“, konstatierte Peter Richardson von Counterpoint Research nach der Apple-Keynote. Er bezieht sich darauf, wie wichtig Streaming-Dienste für die Industrie geworden sind. Es geht darum wie ich neue Musik entdecke: Ich finde neue Künstler über Streaming-Diensten wie Deezer und durch Songs, die ich mit Shazam identifiziere. Dagegen wird iTunes meistens nur benutzt, wenn man sich sicher ist, was man hören will. Es ist wie ein Buch kaufen versus in die Bücherei gehen.

Wir steuern auf eine Zeit zu, in der Leute weder mit Bücherkäufen noch mit Büchereibesuchen zufrieden sind. Wir möchten die Bücherei permanent mit uns herumtragen. Deshalb auch Spotify und ihre Mobil-Abonnements. Aber sind die Nutzer zufrieden damit, für diese auditive Bücherei zu zahlen? Musikpiraterie ist immer noch ein Problem mit dem viele Labels kämpfen – auch wenn es so aussieht, als würden Streaming-Dienste wie Spotify das Problem auf einen harten Kern herunterbrechen, der für gar nichts zahlen will und es genießt, kostenlos Zeug zu bekommen. So wie das U2 Album. Moment. Warte kurz.

Vielleicht ist das eigentliche Problem, dass die Musikindustrie das gemacht hat, was jeder Internet-Experte fordert: Ein neues Geschäftsmodell zu finden. Apple für ein Album zahlen zu lassen ist das selbe Konzept wie Coca-Cola, die The Ting Tings für neue Werbespots lizensieren oder ein Fernsehanbieter der einen Song benutzt, um eine Serie zu bewerben (Ich kenne einen Gitarren-Veteran dessen Kontostand kürzlich einen hübschen Schub durch eine Detektiv-Serie erhalten hat). Vielleicht hat das Problem nichts mit U2 zu tun, sondern mit der allgemeinen Erwartung vor ein paar Jahren, dass die Musikindustrie eine Kehrtwende macht und alles für lau weggibt. Dazu ist es nie gekommen – außer vielleicht in den Köpfen derer, die weniger einfallsreich als die Plattenbosse sind. Wer sich über das U2-Album beschwert, gehört in diese Kategorie. Willst du dich jetzt immer noch darüber beschweren?

Übersetzung: Simon Schaffhöfer
15:32 23.09.2014
Geschrieben von

Charles Arthur | The Guardian

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