Wir alle sind Griechen

Aufruhr Der Zorn, der sich in Athen gegen die Kürzungsprogramme entlädt, ist ermutigend. Wir dürfen nicht einfach zusehen, wie über die Zukunft von Menschen verhandelt wird

Ich mag keine Gewalt und glaube nicht, dass durch brennende Banken und zerstörte Fenster viel gewonnen ist. Und dennoch steigt ein Gefühl von Freude in mir auf, wenn ich die Reaktionen in Athen und anderen griechischen Städten auf die von der EU durchgesetzten Maßnahmen sehe. Mehr noch: wäre es zu keinem Ausbruch der Wut gekommen, hätte ich das Gefühl gehabt, verlassen in einem Meer der Depression zu treiben.

Wie können wir von den Menschen erwarten, dass sie grausame Einschnitte in ihren Lebensstandard widerspruchslos hinnehmen? Wollen wir, dass sie einfach zustimmen, wenn das kreative Potenzial vieler junger Menschen, deren Talente bei der Aussicht auf lebenslange Erwerbslosigkeit ungenutzt bleiben, vernichtet wird? All dies nur, damit die Banken ausbezahlt werden können? All dies nur, um ein kapitalistisches System aufrechtzuerhalten, dessen Haltbarkeitsdatum lange überschritten ist? Es hieße Depression mit Depression multiplizieren, die Depression eines gescheiterten Systems durch die Depression verlorener Würde zu verschlimmern, würden die Griechen widerspruchslos hinnehmen, was ihnen geschieht. Die Proteste sind ein Schrei, der in die Welt hinausgeht. Wie lange werden wir noch daneben stehen und zusehen, wie Unrecht zunimmt, ein Gesundheitswesen aufgelöst und ein Bildungswesen auf kritiklosen Unsinn reduziert wird, Wasserressourcen privatisiert und Gemeinden ausgelöscht werden?

Wer stürzte Berlusconi?

Wenn Experten die jüngsten Entscheidungen über die Eurozone erklären, vergessen sie zu erwähnen, dass hier ungeniert über die Zukunft von Menschen verhandelt wird. Wir alle sind Griechen. Wir alle sind Subjekte, deren Subjektivität einfach durch die Dampfwalze einer von den Bewegungen der Geldmärkte bestimmten Geschichte flachgewalzt wird. Millionen Italiener haben immer wieder gegen Berlusconi demonstriert, aber es waren die Geldmärkte, die ihn gestürzt haben. Das Gleiche passierte in Griechenland: eine Demonstration gegen Ex-Premier Papandreou folgte auf die andere, aber am Ende haben ihn andere entlassen. In beiden Fällen wurden erwiesenermaßen loyale Diener des Geldes berufen, den Platz der gefallenen Politiker einzunehmen, ohne auch nur vorzugeben, dass die Bevölkerung dabei in irgendeiner Weise gehört wurde.

Die Flammen in Athen sind Flammen des Zorns. Aber Zorn ist gefährlich. Wenn er personalisiert wird oder sich gegen bestimmte Menschengruppen (in diesem Fall die Deutschen) richtet, kann er ganz leicht nur noch zerstörerisch wirken. Es ist kein Zufall, dass der erste Minister, der aus Protest gegen die jetzige Runde der Einschnitte in Griechenland sein Amt aufgab, Giorgos Karatzaferis und damitder Führer der extrem rechten LAOS-Partei war. Das heißt, der Zorn kann ganz leicht nationalistisch oder gar faschistisch imprägniert sein und nichts zu einer besseren Welt beitragen. Es bleibt wichtig, eindeutig klarzumachen, dass der Zorn von Athen nicht einmal ein Zorn gegen Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy ist. Beide sind arrogante und bedauernswerte Symbole dessen, was unseren Zorn hervorruft – die Unterwerfung allen Lebens unter die Logik des Profits.

Spektakulärer Flammen

Liebe und Zorn – Zorn und Liebe? Die Liebe war in den Kämpfen, die zuletzt die Bedeutung von Politik neu definiert haben, ein wichtiges Thema – man denke an die Occupy-Bewegung, die nicht hinnehmen will, dass sie es wagen, uns wie Gegenstände zu behandeln. Hinter dem Spektakel brennender Banken in Griechenland verbirgt sich insofern eine leisere Bewegung von Menschen, die sich weigern, Busfahrkarten, Stromrechnungen, Autobahngebühren und Bankschulden zu zahlen. Eine Bewegung aus Not und der Überzeugung geboren, dass Menschen ihr Leben auf andere Weise organisieren, Gemeinschaften des gegenseitigen Beistandes und Versorgungsnetze schaffen können. Dass sie leere Gebäude und ungenutztes Land besetzen, Community-Gärten unterhalten, wieder auf das Land ziehen, sich von Politikern abwenden und auf eine direkte Demokratie in der Gesellschaft wert legen. Mit den spektakulären Flammen von Athen hat die Suche nach einer anderen Form des Lebens begonnen, die Griechenlands Zukunft und die der Welt bestimmen wird. Wir alle sind Griechen.

John Holloway ist irischer Politikwissenschafter und lehrt derzeit an der Benemérita Universidad Autónoma del Puebla in Mexiko

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Übersetzung: Lars Stubbe
Geschrieben von

John Holloway | The Guardian

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