Wir brauchen Klarheit

Syrien UN-Waffeninspekteure müssen jetzt schnell in die Lage versetzt werden, die Gräueltaten aufzuklären, damit wir wissen, wer verantwortlich ist

Die Bilder von den Opfern des mutmaßlichen Chemiewaffenangriffs in Khan Sheikhun in der syrischen Provinz Idlib sind furchtbar. Auch wenn es noch keine wissenschaftlichen Beweise gibt, so deuten Symptome wie unkontrollierte Zuckungen, Störungen der Atemwege, übermäßiger Speichelfluss und stecknadelartige Pupillen auf eine Organophosphat-Vergiftung hin. Zu dieser Gruppe von Chemikalien gehören die berüchtigten Nervengase, die so genannt werden, weil sie die Nervenbahnen unterbrechen. Die Überlebenschancen hängen von vielen Faktoren ab, einschließlich der aufgenommenen Dosis, der Geschwindigkeit der Entgiftung und der Verwendung von speziellen injizierbaren Gegenmitteln.

Zur Person

Jerry Smith war in Syrien Chemiewaffeninspekteur für die OPCW, die für die Umsetzung der internationalen Chemiewaffenkonvention verantwortlich ist

Die jüngsten Angriffe unterscheiden sich stark von den bekannten Fällen, in denen im Laufe der vergangenen zwei Jahre über den Einsatz von Chlorgas berichtet wurde. Chlorgas kann man riechen und auch wenn es in hohen Dosen tödlich ist, so verfügt es doch bei weitem nicht über die Toxizität und Heimtücke von Nervengasen. Die Zahl der Personen, die dieses Mal in Idlib betroffen sind, legt nahe, dass es sich um eine sehr viel tödlichere Substanz gehandelt haben muss.

Zwei Szenarien über die Herkunft des Gases sind in Umlauf. Oppositionsgruppen behaupten, die Gegend sei von der Luft aus mit chemischen Waffen angegriffen worden. Die USA und ihre Verbündeten stützen diese Version weitgehend und werfen der syrischen Regierung vor, das Giftgas eingesetzt zu haben. Die Regierungen Syriens und Russlands bestehen allerdings darauf, dass das Gas aus einem Waffenlager der Opposition entwichen sein müsse. In beiden Fällen stellen sich schwerwiegende Fragen.

Wenn es wirklich einen Angriff der von Russland unterstützten syrischen Luftwaffe mit Nervengas gegeben haben sollte, müsste die internationale Gemeinschaft in Gestalt des UN-Sicherheitsrates darauf reagieren. Dies könne allerdings durch ein russisches Veto verhindert werden, wie dies erst vor ein paar Wochen beim Versuch, Sanktionen gegen Syrien zu verhängen, geschehen ist.

Was wurde unterschlagen?

Wenn sich herausstellen sollte, dass die Ursache der Symptome ein Nervengas ist, das von der syrischen Luftwaffe eingesetzt wurde, handelt es sich nicht nur ganz klar um ein Kriegsverbrechen, sondern wirft auch die Frage auf: Wie viele Chemiewaffen hat Syrien den Vereinten Nationen gegenüber unterschlagen?

Ich habe 2013 die Operation zur Verifizierung und Vernichtung des deklarierten syrischen Chemiewaffenprogramms geleitet – eine beträchtliche Aufgabe, wenn man den Umfang des Arsenals und das Umfeld berücksichtigt, in dem die Inspektionen stattfinden mussten. Die syrische Regierung musste den Inspektionen zustimmen, nachdem eine Untersuchung von UN, OPCW und WHO eindeutig ergeben hatte, dass bei Angriffen um Damaskus im August desselben Jahres Nervengas eingesetzt worden war.

Der Zeitplan für die Inspektionen war knapp bemessen: nur 30 Tage, um alles zu verifizieren und die Ausrüstung unbrauchbar zu machen, damit keine weiteren Waffen mehr hergestellt werden konnten. Unser internationales Team arbeitete jeden Tag bis spät in die Nacht, manchmal unter äußerst gefährlichen Umständen, um die Aufgabe zu Ende bringen zu können. Es wurde deutlich, dass die syrische Regierung ihre Bereitschaft unter Beweis stellen wollte, sich an die Vereinbarung zu halten. Doch jetzt ist die Situation eine andere. Jetzt sind die syrischen Regierungstruppen in der Offensive und die Opposition wird immer schwächer – und wieder sehen wir Bilder von vergifteten und verängstigten Zivilisten.

Der Direktor der Organisation fort he Prohibition of Chemical WEapons (OPCW) äußerte vergangenen Sommer Zweifel an der syrischen Erklärung, nachdem die Regierung in Damaskus Teile dieser mit Zusätzen versehen hatte.

Zweifel bleiben bestehen

Er erklärte: "Insbesondere der Mangel an Originaldokumentation und Zugang zur obersten Führung innerhalb des syrischen Chemiewaffenprogramms machen es dem Sekretariat unmöglich, den vollen Umfang der Aktivitäten zu verstehen. Darüber hinaus waren einige Erklärungen wissenschaftlich oder technisch nicht plausibel."

Die Zweifel bleiben bestehen. Erst im März 2017 erklärte die Delegation des Vereinigten Königreiches bei der OPCW: "Das Ausmaß der Lücken in der syrischen Deklaration, die Absage eines geplanten Besuchs von Inspektoren in denjenigen Laboren der syrischen Regierung, die unter Verdacht stehen, bei der Entwicklung des syrischen WMD-Programmes eine Rolle gespielt zu haben, [.] und der anhaltende Einsatz toxischer chemischer Stoffe als Waffen gibt zu der Sorge Anlass, dass Syrien Elemente seines Arsenals zurückgehalten hat und bereit ist, diese erneut einzusetzen."

Russlands Erklärung, die jüngsten Vergiftungen seien das Ergebnis eines konventionellen Angriffs auf ein Waffenlager der Opposition, sollten nicht leichtfertig und voreilig zurückgewiesen werden. Es ist zwar richtig, dass Nervengas bei einer Explosion vernichtet werden kann, es kann aber auch sehr gut möglich sein, dass etwas davon übrigbleibt und durch die Explosion freigesetzt wird.

Doch ein solches Szenario wirft andere Fragen auf. Wären Oppositionsgruppen in der Lage, ein solches Nervengas herzustellen? Das wäre sicher nicht unmöglich, scheint aber eher unwahrscheinlich, wenn man deren gegenwärtige strategische Prioritäten und Position bedenkt. Davon abgesehen ist Syrien an das Kriegsrecht gebunden – und wenn die syrische Luftwaffe von einem solchen Chemiewaffendepot wusste, warum sollte sie dieses dann unter Beschuss nehmen, ein Austreten der Substanzen riskieren und die Bevölkerung vor Ort in Gefahr bringen?

Täterschaft muss geklärt werden

Alle Seiten sehen sich einer ganzen Reihe gewaltiger politischer und diplomatischer Herausforderungen gegenüber. Die Priorität sollte die Einsetzung eines Mandats haben, das internationalen Inspekteuren ermöglicht, vor Ort nach Beweisen und Indizien zu suchen. Dies sollte Bodenproben und nicht detonierte Sprengkörper umfassen, sowie biologische Proben von Opfern als auch Zeugenaussagen von Opfern und medizinischem Personal. Diese Proben, sorgfältig sichergestellt und transportiert, können dann an international zugelassene Labore geschickt werden, in denen ein definitiver Analyse- und Identifizierungsprozess erfolgen kann.

Die Bedeutung einer Untersuchung durch UN und OPCW kann gar nicht überschätzt werden. Einzelpersonen, Gruppen oder die Medien könnten sich zwar theoretisch an dieselben Regeln halten wie die Inspekteure, aber sie wären der internationalen Kulisse einfach nicht gewachsen. Wo die Grenzen zwischen außenpolitischen Interessen und wissenschaftlicher Redlichkeit zu verwischen drohen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass diejenigen, die etwas zu verbergen haben, die Ergebnisse der Untersuchung nicht anzweifeln können.

Die Identifizierung des Gases, das die Verletzungen herbeigeführt hat, wird den ersten Schritt auf dem Weg zum Nachweis der Täterschaft darstellen. Den Inspekteuren freien Zugang zu gewähren ist der beste Weg, um sicherzustellen, dass wissenschaftliche Präzision, eine genaue Untersuchung und internationale Transparenz gegenüber politischen Intrigen die Oberhand behalten werden.

Übersetzung: Holger Hutt
15:30 06.04.2017
Geschrieben von

Jerry Smith | The Guardian

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