"Wir müssen zusammenarbeiten"

Debatte Wir können die Welt zerstören, aber wir können sie nicht verlassen. Stephen Hawking schreibt, warum die Ungleichheit nicht länger ignoriert werden darf
"Wir müssen zusammenarbeiten"
Denkt kosmopolitisch: Astrophysiker Stephen Hawking

Foto: Dave J Hogan/AFP/Getty Images

Als Theoretischer Physiker lebe ich in Cambridge in einer ganz besonders privilegierten Blase. Cambridge ist eine außergewöhnliche Stadt, die um eine der großartigsten Universitäten der Welt herum erbaut wurde. Und in dieser ohnehin schon außergewöhnlichen Stadt ist die Wissenschaftsgemeinde, der ich seit meinen Zwanzigern angehöre, sogar noch exklusiver.

Die kleine Gruppe von internationalen Theoretischen Physikern, mit denen ich hier mein Arbeitsleben verbringe, ist vielleicht manchmal versucht, sich als den Gipfel dieser exklusiven Wissenschaftsgemeinde zu betrachten. Aufgrund der Berühmtheit, die ich durch meine Bücher erlangt habe, und meiner krankheitsbedingten Isolation habe ich persönlich zu alldem noch das Gefühl, dass mein Elfenbeinturm immer noch höher wird.

Die jüngste Zurückweisung, welche die Eliten in den USA und Großbritannien erfahren haben, gilt mir also mit Sicherheit mindestens ebenso sehr wie sonst irgendjemandem. Was auch immer wir über die Entscheidung der britischen und US-amerikanischen Wählerinnen und Wähler denken mögen, die Mitgliedschaft in der Europäischen Union zurückzuweisen oder sich Donald Trump als nächsten Präsidenten zu wünschen – unter den Kommentatoren herrscht kein Zweifel darüber, dass es sich dabei um den Protestschrei von Menschen handelt, die sich von ihrer politischen Führung vergessen fühlen.

Alle scheinen sich einig darin, dass dies der Augenblick ist, in dem die Vergessenen ihre Stimme wiedergefunden haben, um den Rat von Experten und Eliten in den Wind zu schlagen.

Ich bin keine Ausnahme. Auch ich habe vor dem Brexit-Referendum davor gewarnt, dass ein Austritt ein Rückschritt wäre und der wissenschaftliche Forschung in Großbritannien schaden würde. Aber die Wähler – oder zumindest ein ausreichend großer Teil von ihnen – hat nicht mehr Notiz von mir genommen als von irgendeinem der anderen politischen Amtsträger, Gewerkschafterinnen, Künstler, Wissenschaftler, Geschäftsfrauen und Prominenten, die dem Rest der Bevölkerung dasselbe rieten.

Ein schrecklicher Fehler

Jetzt aber kommt weniger auf die Entscheidungen an, welche die Menschen in den USA und Großbritannien getroffen haben, sondern vielmehr auf die Frage, wie die Eliten auf diese Entscheidungen reagieren. Sollten wir diese Wählerinnen und Wähler unsererseits als Unterstützer eines kruden, die Tatsachen leugnenden Populismus zurückweisen und versuchen, die Entscheidungen, die sie getroffen haben, zu umgehen oder einzuschränken? Ich hielte das für einen schrecklichen Fehler.

Die Sorgen über die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung und des beschleunigten technologischen Wandels, die diesem Abstimmungsverhalten zugrunde liegen, sind absolut nachvollziehbar. Die Automatisierung der Fabriken hat die Zahl der Arbeitsplätze in der traditionellen Produktion bereits stark reduziert und der Aufstieg der künstlichen Intelligenz dürfte die Vernichtung von Arbeitsplätzen bis tief in die Mittelschichten hinein fortsetzen, sodass am Ende nur die fürsorgeintensivsten, kreativsten und verantwortungsvollsten Jobs davon verschont bleiben.

Diese Veränderung wird die sich bereits jetzt stetig vergrößernde wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt noch weiter verstärken. Das Internet und die Plattformen, die es ermöglicht, erlauben einigen wenigen enorme Gewinne, schaffen aber im Vergleich dazu nur sehr wenig Arbeitsplätze. Das wird sich nicht vermeiden lassen, denn das ist der Fortschritt – doch er bringt soziale Verwerfungen mit sich.

Wir müssen das ins Verhältnis zum Finanzcrash setzen, der den Menschen vermittelt hat, dass eine kleine Gruppe von Leuten im Finanzsektor immense Vergütungen einstreichen kann. Der Rest von uns sichert deren Geschäfte ab und muss die Rechnung bezahlen, wenn ihre Gier das System gegen die Wand gefahren hat. Wir leben also in einer Welt, in der die Ungleichheit nicht kleiner, sondern immer größer wird. In einer Welt, in der viele Menschen nicht nur ihren Lebensstandard schwinden sehen, sondern Schwierigkeiten haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Es ist also kein Wunder, dass sie nach einem neuen Angebot suchen, das sie in Trump und im Brexit offenbar gefunden zu haben glauben.

Qualvolle Sichtbarkeit von Reichtum

Eine weitere nicht-beabsichtigte Folge der weltweiten Verbreitung des Internets und der sozialen Medien besteht darin, dass das krasse Ausmaß dieser Ungleichheit weitaus sichtbarer ist als in der Vergangenheit. Für mich stellt die Möglichkeit, Technik zu Kommunikationszwecken nutzen, eine befreiende Erfahrung dar. Ohne sie wäre es mir nicht möglich gewesen, so viele Jahre weiterzuarbeiten.

Es bedeutet aber auch, dass das Leben der Reichsten in den wohlhabendsten Ecken der Welt für jeden auf qualvolle Weise sichtbar ist, der Zugang zu einem Smartphone hat – ganz egal, wie arm er auch sein mag. Da südlich der Sahara heute mehr Menschen ein Telefon besitzen als Zugang zu sauberem Wasser, wird schon bald keiner auf unserem immer dichter bevölkerten Planeten mehr der Ungleichheit entkommen können.

Die Konsequenzen sind deutlich: Die Hoffnung auf ein besseres Leben treibt die arme Landbevölkerung in die Elendsquartiere der Städte. Dort stellen sie dann fest, dass das Instagram-Nirwana für sie nicht vorgesehen ist, also zieht es immer mehr von ihnen ins Ausland. Diese Migranten stellen neue Anforderungen an die Infrastruktur und die Wirtschaft der Aufnahmeländer, sorgen dafür, dass die Toleranz immer mehr nachlässt, und geben dem politischen Populismus neue Nahrung.

Mich beunruhigt daran am meisten der Aspekt, dass unsere Gattung heute eigentlich mehr zusammenarbeiten muss als jemals zuvor in unserer Geschichte. Wir sehen uns gewaltigen ökologischen Herausforderungen gegenüber: Klimawandel, Lebensmittelproduktion, Artensterben, Epidemien Versauerung der Ozeane.

Dies alles erinnert uns daran, dass wir uns am gefährlichsten Punkt in der Entwicklung der Menschheit befinden. Wir verfügen heute über die Technik, um den Planeten, auf dem wir leben, zerstören zu können, haben aber noch nicht die Fähigkeit entwickelt, von ihm zu entkommen. Vielleicht werden wir in ein paar hundert Jahren menschliche Kolonien im All errichtet haben, aber im Moment haben wir nur diesen einen Planeten und wir müssen zusammenarbeiten, um ihn zu beschützen.

Dafür müssen wir Grenzen innerhalb und zwischen Nationen einreißen, anstatt neue aufzubauen. Wenn wir eine Chance haben sollen, das zu tun, müssen die Regierungschefs dieser Welt anerkennen, dass sie versagt und viele enttäuscht haben. Da die Ressourcen sich immer mehr in den Händen von einigen wenigen konzentrieren, müssen wir lernen mehr zu teilen, als wir das gegenwärtig tun.

In Anbetracht dessen, dass nicht nur einzelne Arbeitsplätze, sondern ganze Branchen verschwinden, müssen wir den Menschen helfen, sich beruflich an die neue Welt anzupassen und sie währenddessen finanziell unterstützen. Wenn Gemeinden und Volkswirtschaften nicht mit den gegenwärtigen Migrationszahlen zurechtkommen können, müssen wir mehr für die weltweite Entwicklung tun. Dies ist der einzige Weg, um die Menschen dazu zu bewegen, ihre Zukunft in ihren Heimatländern zu suchen.

Wir können es schaffen. Ich bin, was meine Spezies angeht, ein großer Optimist. Aber die Eliten von London bis Harvard, von Cambridge bis Hollywood, müssen ihre Lektion aus dem vergangenen Jahr lernen. Und vor allem müssen sie lernen, demütiger zu werden.

Übersetzung: Holger Hutt

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12:08 05.12.2016
Geschrieben von

Stephen Hawking | The Guardian

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The Guardian

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