Wir Russen müssen uns von Wladimir Putin emanzipieren

Demokratie Weder die Nato noch die Ukraine können Russland entputinisieren. Wir müssen es selbst tun. Aber ein neues demokratisches Russland ist nicht möglich ohne einen Wandel in der nationalen Haltung – und der Anerkennung nationaler Schuld
Die Russ:innen wissen nicht, was in der Ukraine wirklich passiert
Die Russ:innen wissen nicht, was in der Ukraine wirklich passiert

Foto: AFP via Getty Images

Zerbombte ukrainische Städte und Leichen von Kindern werden im russischen Fernsehen nicht gezeigt. Tapfere junge Leute in Russland, die gegen den Krieg protestieren, werden niedergeschlagen und verhaftet. Doch die meisten Leute bleiben stumm – es gibt weder Massenproteste noch Streiks. Es schmerzt, zu sehen, dass viele meiner Landsleute den Krieg gegen die Ukraine unterstützen: Sie zeigen das mit einem Z am Fenster ihrer Wohnung oder ihren Autos.

Das russische Fernsehen sendet derzeit immer wieder ein Interview mit dem Schauspieler Sergei Bodrow, der in Russland eine Kultfigur ist. „Während eines Krieges darf man nicht schlecht über die eigenen Leute sprechen“, sagt er. „Selbst wenn sie falsch liegen. Selbst wenn das eigene Land im Krieg etwas Falsches tut, darf man nicht schlecht darüber reden.“ Und genau das tun die Leute, bereit „die Ihren“ zu unterstützen, selbst wenn sie auf Ukrainer:innen schießen.

Die moderne Welt trennt von den meisten Russen eine Revolution, die die wichtigste der Menschheit ist: der Übergang von der Vorherrschaft des kollektiven Bewusstseins hin zum Vorrang des Einzelnen. Über Tausende Jahre identifizierten sich die Menschen mit dem Stamm und waren völlig abhängig vom Leitwolf – sei es der Stammesführer, der Khan oder der Zar. Erst in den vergangenen Jahrhunderten begann eine völlig andere menschliche soziale Ordnung zu entstehen, eine, in der das Individuum frei ist. Bevor der berühmte Text, der mit den Worten „Wir, das Volk“ beginnt (Präambel der US-amerikanischen Verfassung?, d.Ü.), geschrieben werden konnte, musste eine neue Menschheit entstehen und sie musste sich ihrer menschlichen Würde bewusst sein.

Russland braucht Stunde Null wie in Deutschland

Aber diese große Kluft in der Zivilisation ist noch nicht überbrückt. Das ist das Drama meines Heimatlandes: Nur wenige meiner Landsleute sind bereit für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft. Die überwältigende Mehrheit beugt sich weiter der Macht und akzeptiert die patrimoniale Lebensweise.

Wenn über Generationen alle, die für sich selbst denken können, vernichtet werden, bleiben nur Schweigen und Zustimmung zu den Autoritäten übrig. Aber lässt sich das Leuten vorwerfen, für die das die Überlebensstrategie war? Wo enden die, die nicht schweigen, heute? Im Gefängnis. Oder sie müssen das Land verlassen, bevor es zu spät ist.

Zwei Versuche, in Russland eine demokratische Gesellschaftsordnung einzuführen, sind bereits gescheitert. Die erste russische Demokratie von 1917 überstand nur wenige Monate. Die zweite, in den 1990ern, dauerte mit großen Schwierigkeiten ein paar Jahre. Jedes Mal, wenn mein Land durch Wahlen, eine Parlament und eine Republik eine demokratische Gesellschaft aufzubauen versucht, findet es sich in einem totalitären Reich wieder. Bringen eine Diktatur und ein Diktator eine sklavenartige Bevölkerung hervor oder bringt eine Sklavenbevölkerung eine Diktatur und einen Diktator hervor? Das Huhn und das Ei. Wie kann dieser Teufelskreis gebrochen werden? Wie kann ein neues Russland entstehen?

Hitler-Deutschland gelang der Weg aus dem Teufelskreis der Diktatur. Die Deutschen lernten viel über Vergangenheitsbewältigung und die Aufarbeitung von Schuld und schafften es, eine demokratisch orientierte Gesellschaft aufzubauen. Allerdings basierte die Wiedergeburt ihrer Nation auf einer totalen, vernichtenden militärischen Niederlage. Diese Stunde Null braucht Russland auch. Ein demokratischer Neustart in Russland ist unmöglich, ohne einen Preis zu zahlen und nationale Schuld einzuräumen.

Aufarbeitung der russischen Vergangenheit

In Russland gab es keine Entstalinisierung und auch keine Nürnberger Prozesse für die Kommunistische Partei. Jetzt hängt Russlands Schicksal von Entputinisierung ab. Der deutschen Bevölkerung, „die nichts wusste“, zeigte man 1945 Konzentrationslager. Genauso müssen die Menschen in Russland, „die nichts wissen“, zerstörte ukrainische Städte und die Leichen von Kindern gezeigt bekommen. Wir Russen müssen offen und mutig unsere Schuld anerkennen und um Vergebung bitten.

Der deutsche Schriftsteller Georg Büchner schrieb 1834 in einem Brief an seine Braut: „Was ist es, das in uns lügt, mordet, stiehlt?” Allein die Antwort auf diese Frage kann die zentrale Revolution der Menschheit bei den Menschen in Russland beschleunigen: die Erkenntnis, dass die Verantwortung nicht bei den Vorgesetzten liegt, sondern bei einem selbst.

Weder die Nato noch die Ukraine kann Russland entputinisieren. Wir Russen müssen unser Land selbst in Ordnung bringen. Aber sind die Menschen in meinem Land dem gewachsen? Nach dem Krieg wird die Welt der Ukraine beim Wiederaufbau helfen. Aber Russland wird wirtschaftlich gesehen in Ruinen liegen. Der Zusammenbruch des Reichs wird mit voller Kraft weitergehen. Andere Völker und Regionen werden den Tschetschenen in Richtung Unabhängigkeit folgen. Die Russische Föderation wird zerfallen. Aber die Zentrifugalkraft der Völker und Regionen im letzten Weltreich kann nicht nur zerstörend, sondern auch reinigend und neu aufbauend sein. Das russische Bewusstsein muss akzeptieren lernen, dass es mehrere Staaten mit Amtssprache Russisch geben kann. Das Reich muss aus den Köpfen und Seelen entfernt werden wie ein bösartiger Tumor. Nur dann können neue Staaten Reformen durchbringen.

Wie kann ein neuer russischer Staat aufgebaut werden?

Aber kann sich eine Demokratie bilden ohne eine kritische Masse an Bürger:innen, ohne eine reife Zuvilgesellschaft? „Das schöne Russland der Zukunft“ (Alexei Nawalnys Wahlspruch) sollte mit freien Wahlen beginnen. Doch wer wird die umsetzen und nach welchen Regeln? Dieselben zehntausenden verängstigten Lehrkräfte, die die Manipulationen bei den Wahlen nach Putin-Art im Land ausführten? Und kann man sicher sein, dass bei wirklich freien Wahlen in Russland der „Verräter der Nation“ von der demokratischen Opposition gewinnen wird und nicht der „Patriot“, der gegen die „ukrainischen Faschisten“ gekämpft hat? Eine Bevölkerung, die auf einen wohltätigen Zar hofft, kann nicht innerhalb einer Stunde in eine verantwortliche Wählerschaft verwandelt werden. Und wer wird die demokratischen Reformen umsetzen? Amtsträger, die sich unter dem Putin-Regime mit Korruption und kriminellen Machenschaften befleckt haben, dürfen keinen neuen Staat aufbauen. Und sie sind alle befleckt.

Die Welt ruft nach einem „russischen Nürnberg”. Aber wer in Russland soll ein solches Gerichtsverfahren organisieren und ausführen? Wer wird diese enorme Aufarbeitung der Vergangenheit durchführen? Wer wird die Verbrechen aufdecken und die Schuldigen bestrafen? Die Kriminellen selbst? Man kann Putin absetzen und austauschen, aber wie lassen sich plötzlich Millionen korrupter Amtsträger:innen, Söldnerpolizei und gefügiger Richter:innen ersetzen?

Der einzige Weg nach vorn für Russland ist eine lange, schmerzhafte Wiedergeburt. Dabei werden die ganzen Sanktionen, die Armut und die Rolle des international Ausgestoßenen nicht das Schwierigste für uns auf diesem Weg sein. Wirklich schrecklich wird es, wenn die innere Wiedergeburt der Menschen in Russland ausbleibt. Putin ist ein Symptom, nicht die Krankheit.

Michail Schischkin ist ein russischer Schriftsteller und Journalist, der in der Schweiz lebt. Er ist der einzige Autor, der sowohl mit dem russischen Booker-Preis, dem russischen nationalen Bestseller-Preis und dem Big Book-Preis ausgezeichnet wurde.

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Michail Schischkin | The Guardian

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