Wir sind drauf

Palmöl Shampoo, Biokraftstoff, Nutella: Überall ist das Superfett drin. Günstig ist es, geschmeidig – und zerstörerisch
Wir sind drauf

Illustration: der Freitag

Es war einmal, in einem fernen Land, ein Baum, der Zauberfrüchte trug. Wer diese Früchte presste, der gewann ein ganz besonderes Öl: Das Öl machte Seife seifiger, Chips knuspriger und Lippenstift geschmeidiger und verhinderte, dass Speiseeis schmolz. Wegen dieser wundersamen Eigenschaften kamen die Menschen von weit her, um die Frucht und ihr Öl zu kaufen. Da, wo die Frucht wuchs, rodeten die Menschen den Wald, damit sie noch mehr von den Bäumen pflanzen konnten – was ekelig rauchte und die Tiere aus dem Wald vertrieb. Wann immer der Wald brannte, erwärmten sich die Lüfte. Da waren die Menschen traurig, weil sie die Tiere des Waldes liebten und fanden, dass es bereits warm genug war. Ein paar Leute beschlossen deshalb, das Öl nicht mehr zu verwenden, aber im Großen und Ganzen ging alles weiter wie zuvor, und die Wälder brannten weiter.

Das ist eine wahre Geschichte. Nur, dass sie nicht von einer Zauberfrucht handelt, sondern von jener der Ölpalme (Elaeis guineensis). Diese wächst in tropischem Klima und enthält das am vielseitigsten verwendbare Pflanzenöl der Welt: Es lässt sich leicht mit anderen Ölen mischen und erhitzen, ohne dass es verdirbt. Seine Kombination aus verschiedenen Fettarten und seine Konsistenz im raffinierten Zustand machen es zu einer beliebten Zutat in Backwaren. Es ist billiger als Frittieröle wie Baumwollsamen- oder Sonnenblumenöl. In praktisch allen Shampoos, Seifen und Waschmitteln wirkt es als Schäummittel. Kosmetikhersteller bevorzugen es gegenüber Tiertalg, weil es geschmeidiger ist und günstiger. Auch Biokraftstoff wird, vor allem in der EU, zunehmend aus Palmöl hergestellt. In Lebensmitteln funktioniert es als natürlicher Konservierungsstoff, in Holzfaserplatten als Klebstoff. Die Stämme und Wedel der Ölpalmen lassen sich zum Sperrholz bis hin zu den Verbundkarosserieteilen von Malaysias nationaler Automarke verarbeiten.

Und die Orang-Utans?

Kein Wunder also, dass die globale Palmölproduktion in den vergangenen fünfzig Jahren stetig gewachsen ist. Zwischen 1995 und 2015 hat sich die jährliche Erzeugung von 15,2 Millionen Tonnen auf 62,6 Millionen Tonnen vervierfacht. Wahrscheinlich wird sie sich bis 2050 erneut vervierfachen, auf 240 Millionen Tonnen. Palmölplantagen nehmen zehn Prozent der globalen landwirtschaftlichen Anbaufläche ein, drei Milliarden Menschen nutzen heute Produkte, in denen Palmöl enthalten ist. Weltweit verbraucht jeder Mensch im Schnitt acht Kilo Palmöl pro Jahr.

Von dieser Menge stammen 85 Prozent aus Malaysia und Indonesien. Dort hat der Anstieg der Palmölnachfrage zu höheren Einkommen geführt, insbesondere in ländlichen Gegenden – allerdings auf Kosten enormer Umweltzerstörung und oft zusammen mit Verstößen gegen die Menschenrechte. Die zur Landrodung gelegten Feuer für neue Palmölplantagen sind die Hauptquelle der Treibhausgasemissionen in Indonesien, einem Land mit 262 Millionen Einwohnern. Der finanzielle Anreiz zur Erweiterung des Palmölanbaus trägt zur Erwärmung des Planeten bei und zerstört den Lebensraum von Sumatra-Tiger, Sumatra-Nashorn und Orang-Utan, die vom Aussterben bedroht sind.

Trotzdem wissen Verbraucher häufig nicht einmal, dass sie das Wunderzeug nutzen oder zu sich nehmen. Die NGO PalmOil Investigations listet mehr als 200 gebräuchliche und Palmöl enthaltende Bestandteile von Lebensmitteln, Haushalts- und Körperpflegeprodukten auf, von denen nur zehn Prozent durch die Bezeichnung „Palm“ auf ihre Herkunft hinweisen.

Aber wie ist Palmöl so allgegenwärtig geworden? Der starke Anstieg des Palmölverbrauchs ist nicht auf eine einzelne Innovation zurückzuführen. Eher kam Palmöl einfach für viele Industriezweige zum richtigen Zeitpunkt: Einer nach dem anderen ersetzte andere Bestandteile damit und beließ es dabei. Für die produzierenden Staaten ist Palmöl eine Chance zur Armutsbekämpfung, während Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) darauf setzen, dass es als Wachstumsmotor für Entwicklungsländer wirkt.

Während die Palmölindustrie wuchs, begannen Umweltorganisationen wie Greenpeace vor den fatalen Auswirkungen für den CO₂-Ausstoß und den Lebensraum wilder Tiere zu warnen. Daraufhin kam es zu einer gegenläufigen Bewegung: Beispielsweise versprach die britische Supermarktkette Iceland im April 2018, kein Palmöl mehr in den Produkten ihrer Eigenmarke zu verwenden. Und Norwegen verbot im Dezember die Einfuhr von Palmöl zur Herstellung von Biotreibstoff.

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Aber bis das Bewusstsein über die Auswirkungen von Palmöl sich verbreitet hatte, war es schon tief in die Konsumwirtschaft eingebettet. Bezeichnenderweise gelang es der Supermarktkette Iceland nicht, ihr Versprechen zu halten. Am Ende entfernte das Unternehmen seinen Markennamen von Palmöl enthaltenden Produkten, anstatt das Palmöl aus seinen Produkten zu entfernen.

Zu wissen, welche Produkte Palmöl beinhalten – geschweige denn, wie nachhaltig es produziert wurde –, überfordert die meisten Verbraucher. Davon abgesehen hätte auch ein größeres Bewusstsein der Kunden im Westen eher wenig Einfluss, da die Nachfrage aus Europa und den USA insgesamt weniger als 14 Prozent ausmacht. Mehr als die Hälfte des Palmöls wird in Asien konsumiert.

Der weltweite Siegeszug des Palmöls geht auf fünf Faktoren zurück: Erstens ersetzte es im westlichen Teil der Welt tierische Fette in Lebensmitteln. Zweitens hielten die Produzenten den Preis niedrig. Dadurch verdrängte es drittens teurere Öle in Haushalts- und Kosmetikprodukten. Viertens – wieder aus Kostengründen – verbreitete sich die Nutzung von Palmöl als Speiseöl in Asien. Schließlich wird durch den wachsenden Wohlstand dort immer mehr Fett konsumiert, zum großen Teil in Form von Palmöl.

Die zunehmende Verwendung von Palmöl hängt eng mit der Entwicklung der Lebensmittelindustrie zusammen. In den 1960ern begannen Wissenschaftler davor zu warnen, dass der hohe Gehalt an gesättigten Fettsäuren in Butter das Risiko von Herzkrankheiten erhöhe. Daraufhin brachten Lebensmittelhersteller, darunter auch der britisch-niederländische Mischkonzern Unilever, Butterersatzprodukte wie Margarine aus Pflanzenölen auf den Markt, die weniger gesättigte Fettsäuren enthalten. In den frühen 1990ern stellte sich jedoch heraus, dass beim Herstellungsprozess von Margarine eine Fettart entsteht, Transfettsäuren, die sogar noch ungesünder ist als gesättigte Fettsäuren. Als der Unilever-Vorstand sah, dass sich in der Wissenschaft ein Konsens gegen Transfett formierte, entschied er sich, es möglichst bald loszuwerden.

Und die gesättigten Fette?

1994 erhielt ein Manager der Unilever-Raffinerien namens Gerrit van Duijn einen Anruf von seinen Chefs in Rotterdam. Zwanzig Unilever-Fabriken in 15 Ländern sollten teilgehärtete Öle in 600 Fettmischungen durch transfettfreie Komponenten ersetzen. Als Erstes musste van Duijn herausfinden, welcher Stoff Transfette ersetzen konnte, ohne dass deren positive Eigenschaften verloren gingen, etwa bei Raumtemperatur fest zu bleiben – eine Notwendigkeit für billigen Butterersatz ebenso wie für Kekse. Am Ende blieb nur eins: das Öl der Ölpalme – entweder als Palmöl aus der Frucht oder Palmkernöl aus den Samen. Kein anderes Öl konnte zu genau der Konsistenz verarbeitet werden, die Unilevers verschiedene Margarinemischungen und Backwaren benötigten, ohne Transfett zu produzieren. Palmöl und Palmkernöl enthielten außerdem weniger gesättigte Fettsäuren als Butter. Da Unilever schon vorher Palmöl genutzt hatte, gab es bereits eine funktionierende Lieferkette. Van Duijn begann, Palm- und Palmkernöl zu kaufen und die rechtzeitige Lieferung an die verschiedenen Fabriken zu organisieren, bevor Unilver an einem Tag im Jahr 1995 auf Palmöl umstieg. Dieser Tag veränderte die verarbeitende Lebensmittelindustrie für immer. Unilever war der Vorreiter; praktisch alle anderen Lebensmittelhersteller folgten auf dem Fuß.

Heute werden zwei Drittel der Palmölproduktion in Lebensmitteln verarbeitet. Dies auch deshalb, weil die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA 2015 den Lebensmittelherstellern drei Jahre Zeit gab, um Transfette aus allen Margarinen, Keksen, Kuchen, Pasteten, Pizzen, Donuts und Keksen herauszunehmen, die in den USA verkauft werden. Praktisch alles wurde durch Palmöl ersetzt.

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Zusätzlich zu dem Palmöl, das in Europa und den USA in Lebensmitteln eingesetzt wird, kommt der Verbrauch in Asien: Indien, China und Indonesien zusammen beanspruchen fast 40 Prozent des globalen Palmölkonsums, vor allem weil dort Sojaöl durch Palmöl ersetzt wurde. Am rasantesten war die Zunahme in Indien, wo eine rasch wachsende Wirtschaft zu wachsendem Palmölkonsum führte.

In der Geschichte war es nämlich immer und überall so, dass parallel zum Einkommen einer Gesellschaft auch der Fettverbrauch wuchs, der indische Subkontinent ist da keine Ausnahme. Zwischen 1993 und 2013 stieg das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 298 auf 1.452 US-Dollar. Zeitgleich nahm der Fettkonsum in ländlichen Gebieten um 35 Prozent und in städtischen Gebieten um 25 Prozent zu, wobei Palmöl einen großen Teil des Zuwachses ausmacht. Das Netzwerk der staatlich subventionierten „Fairer-Preis-Läden“, in denen Arme günstig Lebensmittel kaufen können, begann 1978 importiertes Palmöl zu verkaufen. Im Jahr 1995 waren die indischen Palmölimporte auf fast eine Million Tonnen gestiegen, 2015 waren es schon mehr als neun Millionen Tonnen. In diesem Zeitraum ging die Armutsrate um die Hälfte zurück, während die Bevölkerung um mehr als ein Drittel wuchs.

Pflanzlich ist natürlich, ist gut

Die Verwendbarkeit von Palmöl ist nicht auf die Lebensmittelindustrie beschränkt. Im Gegensatz zu anderen Ölen kann es leicht und kostengünstig „fraktioniert“ – in Öle unterschiedlicher Konsistenz zerteilt – werden, was eine vielfältige Nutzung erlaubt. Deshalb dauerte es nicht lange, dass nach der Lebensmittelbranche auch so unterschiedliche Industrien wie jene für Körperpflegeprodukte und Kraftstoffe andere Öle mit Palmöl ersetzten. Ironischerweise wurde Palmöl anfangs zum großen Teil wegen seiner scheinbaren Umweltfreundlichkeit eingesetzt. So ersetzte Palmöl zunehmend Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs in Putzmitteln und Körperpflege- und Hygieneartikeln wie Seife, Shampoos und Make-up. Heute enthalten 70 Prozent der Körperpflegeartikel ein oder mehrere Palmöl-Derivate.

Traditionell wurde Seife oft aus Tiertalg hergestellt, und Shampoo, das in Indien erfunden wurde, aus pflanzlichen Tensiden. Im Laufe der Geschichte kamen immer mehr synthetische Bestandteile hinzu. In den 1980ern beobachtete die Körperpflegeindustrie allerdings, dass Verbraucher zunehmend „natürliche“ Bestandteile bevorzugten. Chris Sayner, Vize-Bereichsleiter für Nachhaltigkeit bei dem britischen Chemieunternehmen Croda, kann sich an diese Entwicklung noch erinnern: „Viele Verbraucher setzten ‚natürlich‘ mit ‚pflanzlich‘ anstatt mit ‚tierisch‘ gleich“, sagt er. Die Nachfrage nach Tensiden auf pflanzlicher Basis ohne Talg begann zu steigen. Bald fanden Hersteller auf der Suche nach Ersatz heraus, dass Palm- und Palmkernöl die gleichen Fetttypen wie Talg enthalten. Kein anderes Produkt bot die gleichen Vorteile.

Sayner sagt, der Ausbruch von Rinderwahn in den frühen 1990ern habe eine krasse Veränderung der Konsumgewohnheiten weg von tierischen Produkten ausgelöst. Doch der Wechsel von tierischen Fetten hin zu Palmöl war nicht ohne Ironie. Die Verarbeitung von Talg – also Tierfett – zu Seife machte deshalb Sinn, weil hier ein Abfallprodukt der Fleischindustrie genutzt wurde. Als die Konsumenten dann „natürliche“ Bestandteile wollten, ersetzten die Hersteller von Seifen und Reinigungsmitteln ein lokal entstehendes Abfallprodukt durch einen pflanzlichen Rohstoff, der Tausende Kilometer transportiert werden muss und in den Produktionsländern große Umweltzerstörung verursacht.

Etwas Ähnliches passierte beim Biokraftstoff: Die Absicht, Umweltschädlichkeit zu verringern, hatte ungewollte Folgen. 1997 forderte ein Bericht der Europäischen Kommission, den Anteil von Kraftstoff aus erneuerbaren Quellen am Gesamtverbrauch zu erhöhen. Im Jahr 2009 verabschiedete sie die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EER) mit dem Ziel, bis 2020 den Biokraftstoffanteil im Verkehr auf zehn Prozent zu erhöhen.

Im Gegensatz zu seiner Verwendung in Lebensmitteln und Kosmetika, wo die chemische Konsistenz des Palmöls es zur perfekten Alternative macht, funktioniert Palmöl als Biotreibstoff gleich gut wie Sojaöl, Raps- oder Sonnenblumenöl. Aber Palmöl hat einen großen Vorteil: den Preis. Die Palmölimporte in die EU schossen im Jahr nach Inkrafttreten der EER um 15 Prozent in die Höhe und im Folgejahr noch einmal um 19 Prozent; die Biokraftstoffnutzung verdreifachte sich zwischen 2011 und 2014. Die Hälfte des in die EU importierten Palmöls fließt mittlerweile in die Kraftstoffproduktion. Das aber heißt: Europa hat seinen Verbrauch von fossilen Kraftstoffen mithilfe eines Rohstoffes verringert, dessen Anbau in Entwicklungsländern schwere Umweltschäden anrichtet und dadurch die Erderwärmung beschleunigt. Gewiss: Nachträglich wurden Nachhaltigkeitskriterien zur EER hinzugefügt – deren Wirksamkeit Umweltschutz-NGOs bezweifeln –, und vor Kurzem hat die Europäische Kommission Obergrenzen für Biokraftstoff-Rohstoffe vorgeschlagen, deren Herstellung die Entwaldung befördert. Aber der Schaden ist bereits da.

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Die Ölpalme verfügt über mannigfaltige Eigenschaften, die ihren Vormarsch beflügelt haben. Sie wächst immergrün und mehrjährig, was eine ganzjährige Produktion ermöglicht. Für einen mehrjährigen Baum ist sie außergewöhnlich leistungsstark, was die Fotosynthese angeht. Zudem benötigt sie eine weniger aufwendige Vorbereitung des Bodens als andere Pflanzenölquellen, was die Kosten verringert. Und am wichtigsten: Sie ist unter den Ölsamenpflanzen die ertragreichste – sie produziert auf der gleichen Fläche fast fünf Mal so viel Öl wie Raps, fast sechs Mal so viel wie Sonnenblumen und acht Mal so viel wie Sojabohnen. Das aber heißt: Ein Boykott von Palmöl würde dazu führen, dass es durch Pflanzen ersetzt würde, die deutlich mehr Anbaufläche erfordern, und damit vermutlich auch zu verstärkter Rodung führen.

Schuld ist ein Schotte

Die Vorteile der Ölpalme blieben allerdings jahrzehntelang unerkannt. Dann stieß ein Schotte namens Leslie Davidson die vermutlich bedeutendste Innovation in der Geschichte der Palmölindustrie an. Davidson hatte auf Unilever-Plantagen in Britisch-Malaya und Kamerun gearbeitet. Dabei war ihm aufgefallen, dass, während in Malaysia Hunderte Arbeiter die Blüten der Ölpalme mit der Hand bestäubten, in Kamerun die Bestäubung durch eine dem Reiskäfer ähnliche Insektenart erledigt wurde. Als Davidson 1974 Vize-Vorsitzender der Unilever International Plantations Group wurde, beauftragte er drei Insektenforscher unter Leitung von Rahman Syed, um die Sache zu untersuchen. Syed reiste nach Kamerum und bestätigte die Vermutung, dass dort eine Rüsselkäferart die Ölpalmen bestäubte. Daraufhin begann Unilever, auch in Malaysia Rüsselkäfer der Gattung Elaeidobius kamerunicus einzusetzen. Letztere wurden zu einem Schlüsselfaktor beim Vormarsch des Palmöls. Als die Erträge stiegen, wuchsen auch die Flächen, die als Plantagen genutzt wurden, rapide. Die wirtschaftliche Entwicklung Malaysias und Indonesiens wurde dadurch nachhaltig beeinflusst.

Der Wandel hätte allerdings so nicht stattgefunden, hätte ihn die Politik in Malaysia und Indonesien nicht vorangetrieben. Bereits 1961 begann Malaysia sein Programm zur Förderung des Palmölexports als Mittel der Armutsbekämpfung, vier Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien. Damals war Kautschuk eine der Hauptanbaupflanzen des Landes, doch wegen der fallenden Preise beschloss die Regierung, Kautschuk durch Ölpalmen zu ersetzen. Im Jahr 1968 führte Malaysia Steuervergünstigungen für Palmölanbauer ein. Daraufhin investierte die Industrie in die Technologie der Mühlen zur Gewinnung des Öls. Anfang der 1970er wurde dann die Fraktionierung entwickelt, die die Verwendungsmöglichkeiten des Palmöls für Lebensmittel und andere Zwecke erweiterte.

Zertifikat 99 Prozent gerodet

In letzter Zeit fanden Plantagenbesitzer zusätzliche Verwendungsmöglichkeiten für Abfallprodukte wie leere Fruchtbündel, Palmwedel, Palmfruchtschalen und Palmkernhülsen. Abfälle, die früher in Flüsse geworfen wurden, werden heute genutzt, um Strom zu produzieren. Diese neuen Einnahmen verringern die Risiken der Anbauer, weil sie Einkommen bringen, auch wenn die Palmölpreise niedrig sind, so wie derzeit, oder die Kosten für Arbeitskräfte und Dünger steigen.

Aber die Anreize für ein Wachstum der Palmölproduktion kamen nicht nur aus Malaysia und Indonesien selbst. In den 1970ern ermutigte auch die Weltbank die indonesische Regierung, Kleinbauern in den Ölpalmanbau einzubinden. Die Wirtschaftskrise in Asien im Jahr 1998 ließ die Exporte verarbeiteter Waren aus der Region einbrechen, während Rohstoffexporte weiterhin Dollars brachten. Ein bald folgendes IWF-Rettungspaket für Indonesien verlangte, dass das Land durch den Anbau von Rohstoffen Einkommen generieren und die Exportsteuern abschaffen sollte, die die Regierung verhängt hatte, um die Preise im Inland niedrig zu halten. Diese Maßnahmen waren ein weiterer Anreiz für den Ausbau der Palmenplantagen. Zusätzlich trug private Finanzierung zur Förderung der Produktion bei: Niederländische Banken allein versorgten die indonesischen Palmölproduzenten in den Jahren 1995–99 mit Krediten in Höhe von mehr als zwölf Milliarden US-Dollar. Kurzfristige Profite für die Plantagenbesitzer und Arbeiter; die Regierungen der produzierenden Länder und die Geldgeber haben enorme langfristige Kosten für das globale Klima verursacht. Die Wälder, die für die Palmölplantagen zerstört werden, gehören zu den kohlenstoffreichsten der Welt. Wenn sie gebrandrodet werden, wird all dieser Kohlenstoff freigesetzt.

Heute macht Palmöl 13,7 Prozent von Malaysias Bruttosozialprodukt aus und ist Indonesiens größtes Exportgut. Beim Treffen der Europäischen Palmölvereinigung in Madrid im Oktober unterstrichen die Regierungsvertreter beider Länder lautstark ihre Erfolge bei der Armutsbekämpfung dank Palmöl. Sie betonten auch, dass Rodungen inzwischen gestoppt worden seien, obwohl ein anderer Redner den Konferenzteilnehmern berichtete, dass sich in den vergangenen zehn Jahren die Entwaldung in einigen Gebieten noch verschärft habe. Im September verhängte Indonesiens Präsident ein dreijähriges Moratorium für die Entwicklung neuer Palmplantagen.

Rohstoffproduzierende Länder müssen sich nur ihren Abnehmern gegenüber verantworten, den Firmen, welche die Rohstoffe verarbeiten. Letztere aber sind den Verbrauchern gegenüber in der Pflicht. 2004 führte ein Bericht der NGO Friends of the Earth über die Rodungen für die Palmölproduktion zu einem Aufschrei. Für die Produzenten war das ein Reputationsrisiko. Also ließ sich im selben Jahr eine kleine Gruppe von Palmölanbauern und -verkäufern vom WWF überzeugen, den „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“ (RSPO) zu gründen, der ein Siegel für nachhaltige Produktion vergibt. Ein Jahrzehnt später verpflichteten sich die meisten Palmölproduzenten, RSPO-Kriterien einzuhalten und 19 Prozent der weltweiten Produktion wurde als nachhaltig zertifiziert. Umweltschützer sehen das allerdings kritisch. Der Greenpeace-Ableger Environmental Investigation Agency beurteilte den RSPO Labelverband vor drei Jahren als „beklagenswert unzulänglich“.

Augen auf den Wald

Es ist ausgesprochen schwierig, zu kontrollieren, ob Palmöl nachhaltig produziert wird. Jede einzelne Palmölmühle – und allein in Malaysia gibt es Hunderte – kann Früchte von einer Vielzahl von Lieferanten kaufen. Selbst wenn das Zertifizierungssystem funktioniert, wie es soll, sehen Umweltschützer derartige Programme kritisch. Etwa kann ein Produkt ein Zertifikat für Nachhaltigkeit sogar dann erhalten, wenn 99 Prozent des enthaltenen Palmöls von neu gerodetem Waldland stammen. Der RSPO vertritt die Auffassung, dass weniger strenge Zertifizierungskriterien die Beteiligungsbereitschaft erhöhen. Die Hoffnung ist, dass sich Konsumgüterhersteller auf strengere Kriterien einlassen, wenn sie merken, dass sie zertifiziertes Palmöl für einen höheren Preis verkaufen können.

Zudem wird der Großteil des Palmöls nur bis zur verarbeitenden Mühle zurückverfolgt, nicht bis zur Anbaufläche. Eyes on the Forest – eine Koalition indonesischer NGOs – schrieb 2016 in einem Bericht, dass dieser erste Schritt nicht ausreiche: „Die Zurückverfolgungsmöglichkeit auf die Mühle (allein) verschwendet Zeit und Geld, ohne das Problem zu lösen, dass illegale Produkte in die Lieferketten kommen.“ Deshalb wird nun an Technologien gearbeitet, mit denen jedes Fruchtbündel auf ein Anbaugebiet zurückverfolgt werden kann, womit garantiert wäre, dass dafür nicht gerodet wurde. Eine andere Strategie, um Rodungen zu stoppen, setzt auf Ertragssteigerung. Wenn die existierenden Plantagen mehr Öl liefern, so die Idee, gäbe es keinen Anreiz, die Anbaugebiete auszudehnen. Aber selbst eine Verdoppelung des Ertrags könnte die für 2050 erwartete Vervierfachung der Nachfrage nicht decken.

Eine einfache Lösung für das Problem gibt es nicht. Palmöl durch andere Produkte zu ersetzen, wird die Entwaldung nur beschleunigen, da keines seiner Konkurrenzprodukte auch nur annähernd an seinen Ertrag pro Anbaufläche herankommt: Laut dem Industrieverband European Palm Oil Alliance macht Palmöl 6,6 Prozent der Anbaufläche für Öle und Fette aus, während es 38,7 Prozent des Outputs liefert.

Palmöl ist allgegenwärtig geworden. Die Gründe liegen auf der Hand: Es ist der perfekte Inhaltsstoff für immer mehr und wachsende Industriezweige, das perfekte Exportprodukt für Entwicklungsländer und die perfekte Ware für die globalisierte Wirtschaft, die beide verbindet. Dabei profitieren wohlhabende Verbraucher von billiger Arbeitskraft und wertvollem Regenwald, den die Entwicklungsländer im Überfluss besitzen und dessen sie sich zu Schleuderpreisen entledigen, um ihr ökonomisches Wachstum zu beschleunigen.

Aber dieses Modell ist nicht nachhaltig. Wenn es so weiterläuft, wird es die Wälder und die darin lebenden Tiere bald nicht mehr geben. Nachhaltigkeit würde bedeuten, dass Waren lokal produziert und lokal konsumiert werden. Solange Käufer den Produktionsprozess vor Augen haben, fordern sie ein, dass er in Einklang mit ihren Werten steht. Wenn Rohstoffe aber am anderen Ende der Welt angebaut werden, ist es schwierig, ausreichend viele Konsumenten aufzurütteln. Um das zu ändern, ist mehr als ein bisschen Zauber nötig.

Paul Tullis berichtet als freier Journalist über Umweltthemen aus der ganzen Welt

Übersetzung: Carola Torti
06:00 15.05.2019
Geschrieben von

Paul Tullis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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