Wir und die Bombe

Atomangst Nach dem Kalten Krieg legte sich die Furcht vor Nuklearwaffen. Jetzt nimmt sie wieder zu

Godzilla ist nichts anderes als die fleischgewordene Bombe. Der erste Film mit dem haarigen Monster, 1954 in Japan von Ishirō Honda gedreht, ist als eine Allegorie auf die Bedrohung durch Atomwaffen zu verstehen. Die nuklearen Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki vom August 1945 hatten nicht nur Japan traumatisiert, sondern die gesamte Welt. Und so prägte die Furcht vor einem Atomschlag in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur die Geisteswissenschaften, sondern auch die Populärkultur – von Stanley Kubricks Kinosatire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) über Kurt Vonneguts Bomben-Roman Deadeye Dick (1982) und die Schriften von Günther Anders, dem „Philosophen des Atomzeitalters“, bis zum US-Endzeitdrama The Day After (1983) und zum britischen Zeichentrickfilm When the Wind Blows, dessen Titelsong 1986 von keinem Geringeren als David Bowie gesungen wurde.

Bunker zu Nachtclubs

Mit dem Zerfall der Blöcke und dem Ende des Kalten Krieges schien sich die Angst vor der Atombombe zu verflüchtigen. Das Sicherheitsgefühl wuchs, jedenfalls in den westlichen, wohlhabenden Teilen der Welt. Tatsächlich leben wir heute, statistisch betrachtet, in sichereren Zeiten als je zuvor. Die Mordraten und die Zahl der Gewaltverbrechen sind, nach einer Studie der Vereinten Nationen, in den vergangenen 15 Jahren in Nordamerika, Europa und Asien stark zurückgegangen, und auch die heutigen Kriege fordern, so fürchterlich sie sind, weniger Opfer als die des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen des Early Warning Project, einer NGO, die Warnzeichen für Völkermorde sammelt, haben ergeben, dass die Zahl der Massenerschießungen in Kriegen und bewaffneten Konflikten seit 1992 deutlich zurückgegangen ist.

Auch wenn es immer noch grausame Konflikte gibt, aktuell vor allem in Syrien, dürfte unser Planet heute also so friedlich sein wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Oberflächlich betrachtet gilt dies auch für die Gefahr eines Atomkrieges. In vielen Ländern wurden die Atombunker der 60er bis 80er Jahre inzwischen in Nachtclubs umgewandelt.

Auch wenn andere Kriegswaffen großen Schaden anrichten können, sind sie nicht mit demselben Stigma behaftet wie „die Bombe“. Selbst Gas wurde jüngst in Syrien gegen Zivilisten eingesetzt, ohne dass dies wirklich ersthafte weltpolitische Konsequenzen gehabt hätte. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die politischen Reaktionen auf diesen Skandal auch dann so halbherzig und schwach gewesen wären, wenn die syrische Armee oder andere dort beteiligte Parteien taktische Atomwaffen eingesetzt hätten.

Erst in den letzten Wochen ist in Sachen Atomwaffen doch wieder einiges in Bewegung gekommen. Jüngst hat etwa Nordkorea eine Reihe von Atomwaffentests durchgeführt, und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird schon bald Sanktionen mit weitreichenden Konsequenzen verhängen. Ohnehin sind weltweit rund 2.000 Tonnen hochangereichertes Uran und waffenfähiges Plutonium nicht ausreichend gesichert, wie beim Atomgipfel in Washington vor einem Drievierteljahr geschätzt wurde. Viel Material für Terroristen, die daraus „schmutzige Bomben“ bauen könnten. Und so mehren sich nun wieder warnende Stimmen wie die von Ex-Pentagon-Chef William Perry, der vor einigen Monaten schon sagte, dass die atomare Vernichtung heute eine größere Gefahr darstelle als während der 70er und 80er Jahre.

Die Wahl Donald Trumps, den Offiziere der US-Armee als „leicht reizbar und schnell dabei, auszuteilen“ beschreiben, hat die Angst vor einem Atomkrieg ebenfalls mit neuem Leben erfüllt. „Die USA müssen ihre nuklearen Fähigkeiten erheblich verstärken, bis die Welt in Sachen Atomwaffen zur Vernunft kommt“, twitterte der Immobilienunternehmer pünktlich zum Weihnachtsfest – als Reaktion auf eine Äußerung Wladimir Putins, der kurz vorher für Russland verlauten ließ: „Wir müssen die strategischen Atomwaffen stärken.“

Sind wir der nuklearen Vernichtung also wieder einen Schritt näher, weil Donald Trump die alleinige Befehlsgewalt über die 7.000 US-amerikanischen Atomsprengköpfe hat? Und was würde geschehen, wenn es heute zu einem Atomkrieg käme? Gäbe es überhaupt einen Flecken auf der Erde, an den man theoretisch fliehen könnte? Wir dachten uns, es gebe nur einen Weg, um das herauszufinden: indem wir eine multilaterale Atomkatastrophe simulieren, die Explosion mehrerer Nuklearbomben gleichzeitig – und dabei einen Blick auf die Orte werfen, die sich als die sichersten herausstellen.

Wir hatten ein solches Szenario für den 20. Januar 2017 entworfen, den Tag von Donald Trumps Amtseinführung. (So viel Ironie muss auch in der Wissenschaft einmal erlaubt sein.) Zunächst haben wir uns das Arsenal der zehn führenden Atommächte angesehen und überlegt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese mit anderen Nationen in Konflikt geraten. Daraus haben wir verschiedene Risikoverläufe ermittelt. Indem wir diese mit numerischen Wettervorhersagen kombiniert haben, konnten wir eine ungefähre Vorstellung davon erhalten, was im Falle eines weltweiten Atomkriegs passieren würde. Das erste, wenig überraschende Ergebnis unseres Atomspielchens: Weltweit käme es zu radioaktiven Niederschlägen, die uns in eine atomare Eiszeit stürzen würden.

Wo man in einem solchen Fall am sichersten wäre? Unser Computermodell zeigt, dass einer der sichersten Orte die Antarktis wäre. Und das vor allem, weil sie extrem weit von allen Kontinenten entfernt liegt. Tatsächlich war die Antarktis auch der Ort des ersten weltweiten Atomabkommens im Jahr 1959. Der Antarktis-Vertrag verbot die Zündung von Atomwaffen und erklärte diesen schattigen Flecken zu einem Ort für friedliche Forschung. Doch wer würde dort schon leben wollen? Oder können? Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass der Polarraum als Schutzort vor atomaren Gefahren genutzt wird: In der vielleicht coolsten Mission des Kalten Kriegs, die den Decknamen Eiswurm trug, vergruben die USA 1963 eine riesige Atombasis heimlich tief im nördlichen Polarkreis. Jene „Stadt unter dem Eis“ besteht aus einem riesigen Bunker, der im Augenblick noch voll toxischer Abfälle und radioaktivem Kühlwasser steckt und der doch schon bald aus seinem eisigen Grab auferstehen könnte, da die Eiskappen bekanntlich immer weiter abschmelzen.

Wie wär’s mit Kiribati?

Eine weitere Option wären die Osterinseln, die über 320 Kilometer vor der Küste Südamerikas im Südpazifik liegen. Während der Rest der Welt in Flammen aufgeht, könnte man sich hier die gewaltigen Moai-Steinskulpturen ansehen. Diese Monolithen wurden im Altertum von den Polynesiern angefertigt, die allerdings alle Bäume der Insel roden mussten, um die gigantischen Steinfiguren bewegen zu können. Leider, wie Jared Diamond in seinem Buch Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen (2011) schreibt, verwandelte diese Entwaldung die Insel in eine gewaltige ökologische Ruine. Aber: Könnte es einen besseren Ort geben, um über die verstrahlte Zukunft der Menschheit nachzudenken, als eine Insel, die unsere Fähigkeit, uns durch die Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen selbst zu töten, beispielhaft verkörpert?

Auch der Kiribati-Archipel oder die Marshall-Inseln bieten sich an: Diese entlegenen Inselketten verfügen über tropische Strände und sind von schier endlosen Wassermassen umgeben. Einst wurde hier der Großteil der historischen Atomwaffentests durchgeführt. Ironie der Geschichte: Die Orte, die früher mit Atomstaub übersät waren, könnten während unserer hypothetischen Atomapokalypse plötzlich doch wieder zu den sichersten Orten gehören.

Während wir unser atomare Anthropozän also durch unsere Atomwaffentests geologisch bestimmt haben, wird die Zukunft der Menschheit längst durch die Verschmutzung der Umwelt und den Klimawandel auf die Probe gestellt – und geprägt. Es ist wohl an der Zeit, neu über die emotionalen Bindungen nachzudenken, die wir seit Hiroshima und Nagasaki an Nuklearwaffen geknüpft haben. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen wir weit über die Psychologie der atomaren Apokalypse hinausgehen.

Becky Alexis-Martin lehrt und forscht an der University of Southampton, Thom Davies an der University of Warwick

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 01.02.2017
Geschrieben von

Becky Alexis-Martin, Thom Davies | The Guardian

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